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Flüchtlingshilfe aus Troisdorf-Spich: Rupert Neudecks Erbe wirkt immer noch nach

Flüchtlingshilfe aus Troisdorf-Spich

Rupert Neudecks Erbe wirkt immer noch nach

Christel und Rupert Neudeck im Jahre 1979, als alles begann. Sie lernten sich 1968 auf einer Studentenreise kennen. Zusammengeführt hat sie ein Leserbrief im „Spiegel“. Rupert selbst hatte ihn geschrieben, aber das wusste Christel nicht. FOTO: Jürgen Escher

Troisdorf Fünf Jahre nach dem Tod von Rupert Neudeck leisten seine Mitstreiter weiterhin von Troisdorf aus Flüchtlingshilfe unter schwierigsten Bedingungen. Die Ambivalenz im Verhalten vieler Spender hat sich nicht geändert.

Es sind kritische Stunden im Sommer 2004: Am 20. Juni nimmt der Hilfsfrachter „Cap Anamur“ mit Hilfsgütern für ein Projekt an Bord auf den Weg in den Irak im Mittelmeer 37 Flüchtlinge aus einem sinkenden Schlauchboot auf. So will es das internationale Seerecht. Doch als das Schiff seine unfreiwillige Fracht in Sizilien an Land bringen soll, droht die italienische Marine mit Gewalt.

Gemeinsam mit seinem italienischen Amtskollegen spricht Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) von einem „gefährlichen Präzedenzfall“, den es zu verhindern gelte. Trotzdem entscheidet sich Kapitän Stefan Schmidt nach Tagen der Unsicherheit zum Einlaufen. Er erklärt dazu den Notstand – und wird anschließend mit dem Ersten Offizier und dem Vorsitzenden des Trägervereins wegen Menschenschmuggels zu Gefängnis verurteilt. Ein ZDF-Team berichtet live von Bord.

„Wir haben das Schiff anschließend sofort verkauft, sobald wir es gegen Kaution auslösen konnten“, erzählt Bernd Göken, der heute in Köln die Geschäfte des Vereins „Cap Anamur – Deutsche Notärzte“ leitet. Das Engagement in der Seenot­rettung führte damals zu teils heftiger Kritik. Der Spendenfluss brach ein. Noch heute gebe es Spender, die explizit sichergestellt wissen wollten, dass Cap Anamur sich nicht an der Seenotrettung von Flüchtlingen beteiligt. Göken spricht von einem „moralischen Konflikt“. Die Leute wollten Flüchtlingen helfen. Die Geflüchteten aber vor der eigenen Haustür haben wollten sie nicht.

Dabei hat genau damit 1979 alles angefangen, erinnert sich Christel Neudeck. Fünf Jahre nach dem Tod ihres Mannes Rupert ist das gemeinsame Haus in Troisdorf-Spich noch immer voller Erinnerungen an die gemeinsame Zeit. An der Pinnwand hängt ein Foto von beiden aus dem Schicksalsjahr ’79.

1977 traf Rupert Neudeck auf Jean-Paul Sartre

Kennengelernt haben sich der Lehrersohn aus Hagen und die Arbeitertochter vom Niederrhein 1968 auf einer Studentenfahrt der Uni Münster nach Budapest. „Rupert wusste immer alles und konnte es auch anschaulich erklären“, erinnert sich die Sozialpädagogin. Der angehende Doktor der Philosophie gab der fünf Jahre Jüngeren einen Leserbrief im Spiegel zu lesen. „Ich wusste nicht mal, wie er hieß. Aber ich fand mich in dem Brief so gut wieder.“ Das sagte sie auch – und eroberte Ruperts Herz. Erst viel später hat Neudeck ihr verraten, dass er selbst den Brief geschrieben hatte. „Da waren wir schon verheiratet. Das ging damals ja sehr schnell, wenn man zusammenzog.“

Bei einem Treffen mit dem Philosophen Jean-Paul Sartre lernt Rupert Neudeck – inzwischen Redakteur beim Deutschlandfunk in Köln – 1977 in Paris eine Gruppe junger Franzosen kennen, die mit einem Schiff geflohene Nordvietnamesen aus dem Südchinesischen Meer fischen wollen. „Wir haben die Ideen, ihr Deutschen habt das Geld“, sagen sie.

Einen „gefährlichen Präzedenzfall“ sah Bundesinnenminister Otto Schily, als das Rettungsschiff „Cap Anamur“ im Juli 2004 Flüchtlinge in Italien an Land brachte. FOTO: picture-alliance / dpa/dpaweb / Franco_Lannino

Neudeck fühlt sich herausgefordert. Noch auf der Rückfahrt schreibt er einen Brief an den Schriftsteller Heinrich Böll. Der wirbt für die Idee. Und liefert auch den moralischen Kompass. Nach dem Sieg der sozialistischen Vietkong sind deutsche Linke auf Vietnamesen, die vor ihnen fliehen, nicht gut zu sprechen. Millionen wagen aber die Flucht übers Meer, weil die ebenfalls sozialistisch regierten Nachbar­länder China, Laos und Kambodscha als Zufluchtsort ausscheiden. „Man darf niemanden ertrinken lassen, auch nicht einen Bordellbesitzer aus Saigon“, sagt Böll dagegen.

Neudecks Journalisten-Kollege Franz Alt bietet der Aktion bei „Report“ in der ARD eine Bühne – und nennt eigenmächtig die Nummer des Spendenkontos. „Nach einer Woche hatten wir 1,3 Millionen Mark zusammen“, sagt Christel Neudeck. Mit dem Geld chartert der kleine Verein den 108 Meter langen Frachter „Cap Anamur“ bei der Hamburger Reederei Bauer und Hauschild. Ab dem 13. August 1979 holen Kapitän Klaus Buck und seine Crew insgesamt 10 375 sogenannter „Boat people“ aus dem Südchinesischen Meer.

Auch damals ist ihre Aufnahme nach Deutschland – das Schiff fährt dazu eigens unter deutscher Flagge – politisch stark umstritten. Vor allem Niedersachsens Ministerpräsident Ernst Albrecht (CDU) ist immer wieder großzügig. Schon bald ist der Verein auch an Land in diversen Ländern aktiv, um Flüchtlingen regional zu helfen. Neudeck jettet um die Welt, so es sein Arbeitgeber irgendwie zulässt.

Vom Ausmaß der Entwicklung fühlt Christel Neudeck sich anfangs überrollt. Als Rupert wegen seines Engagements vom Sender eine Abmahnung droht, fleht sie ihn an, wenigstens nicht selbst zu kündigen, damit man für die Übergangszeit das Arbeitslosengeld für die fünfköpfige Familie habe. „Im Grunde war ich die frustrierte Hausfrau eines Workaholics“, sagt sie lachend. Aber dass ihr Mann für eine gute Sache ficht, gefällt ihr.

„Ich finde euch verrückt. Aber ich liebe Verrückte“

So stürzt sich auch Christel Neudeck in die Arbeit. 14 Jahre lang verwaltet sie im Spicher Wohnzimmer Spenden und beschafft Hilfsgüter, führt die Bücher und hält Kontakt zu ehrenamtlichen Helfern. „Ich finde euch verrückt“, sagt der Kabarettist Dieter Hildebrandt: „Aber ich liebe Verrückte.“ Hildebrandt wird ein überzeugter Förderer. „Bei euch sieht es aber nach Arbeit aus“, sagen Freunde, die zu Besuch kommen.

Der Einsatz für die gemeinsame Sache – zuerst Cap Anamur, später die „Grünhelme“ – habe das Paar lebenslang eng verbunden, sagt die Witwe. Dieses Band wirkt bis heute. „Ich vermisse Rupert schrecklich“, sagt Christel Neudeck, „aber ich bin nicht allein“. Viele Mitstreiter aus mehr als drei Jahrzehnten der Arbeit für Flüchtlinge halten ihr die Treue – auch Bernd Göken, der Mitte der 90er Jahre zu einem Vortrag kommt und sechs Wochen später zu ersten Projekteinsätzen nach Angola und in den Sudan aufbricht.

Der Sudan liegt dem 54-Jährigen heute noch besonders am Herzen. „Dort ist unser am längsten laufendes Projekt“, berichtet er. In den abgeschiedenen Bergen Nubiens, wo sonst kaum internationale Hilfe ankommt, betreibt der Verein ein Krankenhaus mit 150 Betten und sieben Satelliten-Kliniken. Auch in Afghanistan ist Cap Anamur aktiv, bildet Hebammen und Krankenschwestern aus, betreibt in Herat eine Dialyse-Station als Solitär auf weiter Flur. Die Pandemie habe das Reisen von Helfern stark erschwert. „Aber wir konnten unsere Projekte alle halten“, sagt Göken.

Schlanke Strukturen – der Verein hat nur 14 Mitglieder und nimmt nur erfahrene Newcomer auf –, Trans­parenz bei den Ausgaben und Unabhängigkeit vom Staat sind Prinzipien, die Cap Anamur sich bewahrt habe, sagt Göken. Christel Neudeck findet das tröstlich. Ansonsten haben die letzten Jahre sie eher ernüchtert. Da ist es wieder, das moralische Dilemma: Hilfe ja, aber nicht ohne eigenen Verzicht. Wenn ein Asylverfahren negativ ausgehe, sei auch eine Abschiebung nötig, findet sie. „Aber man kann doch niemanden ertrinken lassen.“ Das Prinzip gelte auch für die Klimakrise, in der Politiker bis heute nicht zugeben wollten, dass ein Gegensteuern auch Verzicht auf eigenen Wohlstand bedeuten müsse.

„Ich bin 78 und werde bald sterben“, sagt Christel Neudeck. Aber die „großartige“ Fridays-for-
future-Bewegung habe ihr gezeigt: „Auch in der jungen Generation gibt es wieder viele Menschen, die die Ideale von Rupert und mir teilen.“ Ihre Tochter Yvonne zum Beispiel. Die organisiert heute die Arbeit der „Grünhelme“ – wieder vom Wohnzimmer aus.