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Kooperationsmodell in Troisdorf: Zehn Jahre kein Kind im Obdach

Kooperationsmodell in Troisdorf : Zehn Jahre kein Kind im Obdach

Im Rhein-Sieg-Kreis sollen Kinder nicht in Notunterkünfte ziehen müssen. Seit 2010 hat der SKM-Fachdienst 259 Familien betreut. Weil aktuell kaum Wohnungen auf dem Markt sind, ist eine Vermittlung auch für die Fachkräfte eine echte Herausforderung.

Die Vorstellung, dass Kinder in der Obdachlosigkeit groß werden müssen, wo sie mit Gewalt, Alkohol und Drogen konfrontiert sind, ohne Möglichkeit, sich zurückzuziehen, ist für Monika Bähr schlimm. „Das zu verhindern, ist das Ziel des Fachdienstes »Keine Kinder im Obdach«“, sagt die Vorstandsvorsitzende des Katholischen Vereins für soziale Dienste im Rhein-Sieg-Kreis (SKM). In den zurückliegenden zehn Jahren hat dieser 259 Familien vor solch einem Schicksal bewahrt – und damit 468 Kinder. Eigentlich sollte der runde Geburtstag groß im neuen Troisdorfer Haus gefeiert werden. Coronabedingt gab es am Freitag aber nur eine kleine Feierstunde.

Vor zehn Jahren hat der SKM das Projekt „Keine Kinder im Obdach“ gestartet, finanziert über Landesmittel aus dem Programm „Obdachlosigkeit verhindern, Wohnungslosigkeit vermeiden“. Nach zwei Jahren übernahm die Stadt Troisdorf die Finanzierung, das Projekt avancierte zum Fachdienst innerhalb der SKM-Wohnungslosenhilfe. „Wir wollen Troisdorfer Familien vor dem Verlust ihrer Wohnung bewahren“, erklärt Monika Bähr. Finanzielle Probleme und damit einhergehende Überschuldung führten oft dazu, dass irgendwann auch die Miete nicht mehr gezahlt werden könne. Auf den Verlust der Wohnung folge die Einweisung in eine städtische Obdach, also Notunterkunft für Wohnungslose, so Bähr. Kein Ort für Kinder und Jugendliche. „Kein Kind im Obdach“ versuche daher, dem entgegenzuwirken, setze frühzeitig an und nutze vorhandene Synergien.

Die Obdachlosigkeit abwenden ist das erste Ziel, doch die Arbeit des Fachdienstes geht noch weiter. „Wir wollen die Familien langfristig stabilisieren und ihnen notwendige Hilfen an die Hand geben“, sagt Sozialarbeiterin Jutta Janick, die von Anfang an für „Keine Kinder im Obdach“ arbeitet. Die Familien trügen meist ein ganzes Schuldenpaket mit sich, hätten darüber die Übersicht verloren oder auch nie gelernt, zu wirtschaften. „Manche zahlen noch Möbel ab, die sie gar nicht mehr besitzen“, sagt sie. Andere wüssten gar nicht, welche Leistungen ihnen eigentlich zustünden.

„Das Wohnungsamt der Stadt Trois­dorf bezieht uns ein, wenn einer Familie die Räumungsklage droht“, beschreibt Sozialarbeiterin Dorothee Giermann-Kälble eine der Situationen, in der sie und Janick zum Einsatz kommen. Hinweise kämen aber auch von anderen Stellen, etwa über die städtische Schuldnerberatung. „Je früher wir eingreifen, umso eher können wir den Wohungsverlust abwenden“, sagt Janick. Gebe es einmal einen Räumungstitel, könne man nichts mehr machen.

„Wir betreuen die Familien auch im Obdach weiter und helfen ihnen dabei, schnellstmöglich wieder eine neue Wohung zu finden“, sagt Dominik Schmitz, Leiter des SKM-Fachbereichs Wohnungslosenhilfe. „Momentan ist das schwierig, der Wohungsmarkt ist leergefegt“, sagt Giermann-Kälble. „Der Fachdienst kann aber anders als die Stadt auch Wohnungen außerhalb Troisdorfs vermitteln“, erklärt Troisdorfs Sozialamtsleiterin Ulrike Hanke. Um die Wohnungsnot in seiner Stadt weiß auch Bürgermeister Klaus-Werner Jablonski. „Wir arbeiten daran und haben einiges auf die Schiene gesetzt“, sagt er und verweist auf insgesamt 155 neue, öffentlich geförderte Wohnungen, die aktuell in Troisdorf entstanden seien.

Elf Wohnungen hält der SKM seit einem Jahr selbst im Neubau an der Donawitzstraße vor. Im Erdgeschoss ist „Keine Kinder im Obdach“ untergebracht. „Es läuft gut hier“, sagt Monika Bähr mit Blick auf die Wohnungen, in denen neben Familien auch Alleinstehende leben. Auch wenn die gemeinsame Feier mit betroffenen Familien verschoben werden musste, in einem Film zum runden Geburtstag meldeten sich einige zu Wort.

So etwa eine 30-Jährige, die mit ihrer fünf Jahre alten Tochter beinahe auf der Straße gelandet wäre. „Sie hatte Mietrückstände in Höhe von 7000 Euro“, sagt Jutta Janick. Sie habe daraufhin das Gespräch mit dem Vermieter gesucht. 4000 Euro der Mietschulden habe man über Stiftungsmittel getilgt. Das restliche Geld zahle die 30-Jährige nun über Monatsraten ab. Der Fachdienst führt ihr Konto. Und das nächste Ziel rückt schon näher: eine Arbeitsstelle.