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Lesung in Troisdorf: „Was würde Luther heute sagen?“

Lesung in Troisdorf : „Was würde Luther heute sagen?“

Heiner Geißler liest in der Troisdorfer Johanneskirche aus seinem neuen Buch

Troisdorf. Gespannte Stille breitete sich aus, gefolgt von einem ersten Applaus, als Heiner Geißler am Montagabend mit etwas Verspätung die Johanneskirche in Troisdorf betrat. Er kam in die voll besetzte evangelische Stadtkirche, um dort sein neues Buch mit dem Titel „Was würde Luther heute sagen?“vorzustellen.

Heiner Geißler, geboren 1930, war 25 Jahre lang Mitglied des Deutschen Bundestages, Landesminister in Rheinland-Pfalz und Bundesminister für Jugend, Familie und Gesundheit. Nach einigen erzählerischen Ausflügen in seine Lebensgeschichte sowie in die Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte der CDU, bei der Geißler seit dem jungen Erwachsenenalter Mitglied ist, kam der ehemalige Jesuitenschüler schließlich auf sein neues Buch und Martin Luther zu sprechen: „Fast mein gesamtes Leben habe ich mich mit Luther beschäftigt, sein Leben und seine Theologie studiert.“ Anlässlich des 500-jährigen Jubiläums der Reformation im Jahr 2017 habe er sich nun die Frage gestellt: „Wird Luther heute noch gebraucht, oder könnten die beiden Konfessionen nach 500 Jahren auch wieder zusammengehen?“

In der darauffolgenden Stunde skizzierte Geißler die wesentlichsten Erkenntnisse und Leistungen aus Luthers Leben. Die Erkenntnis, dass Gott keine strafende Instanz sei, sondern dass nur die Gnade Gottes den Mensch von seinen Sünden befreien und ihm Seelenheil verschaffen könne. Darüber hinaus, dass der Ablass lediglich ein Mittel der Kirche war, um sich finanziell zu bereichern. Und letztlich seine 95 Thesen, mit denen er die Spaltung der christlichen Kirche in Bewegung setzte. „Luthers Ziel war es, Gott und die Menschen zu vereinen und den Weg zu ihrem Seelenheil zu ebnen“, betonte Geißler. Dazu trug auch Luthers Bibelübersetzung ins Deutsche wesentlich bei, da die Menschen plötzlich nicht mehr auf die Interpretationen von Kirche und Priestern angewiesen waren.

An diesem Punkt schlug Geißler schließlich den Bogen zur Gegenwart: „Auch heute noch sind 80 Prozent der Analphabeten weltweit Frauen, da die von Männern errichteten Machtstrukturen ihnen den Zugang zu Bildung versagen.“ Weiterhin führte er aus, dass die Tatsache, dass Frauen in Deutschland und Europa heute deutlich mehr Rechte haben als noch vor 100 Jahren, auf Luther zurückgehe. Was die Rechte von Frauen betreffe, sei die evangelische Kirche der katholischen um 500 Jahre voraus, so Geißler.

Dennoch kam er zu dem Schluss, dass eine Spaltung der christlichen Kirche heute überflüssig sein sollte. Am Beispiel des Flugzeugunglücks der German-Wings-Maschine, entfaltete Geißler eine wesentliche Gemeinsamkeit der beiden Konfessionen, nämlich die Sprachlosigkeit angesichts solcher Katastrophen: „Zwei Tage lang meldete sich die Kirche nicht zu Wort. Luther hätte darauf ebenso wenig eine Antwort wie die Katholiken.“ Im Hinblick auf die aktuelle Flüchtlingssituation und die zunehmenden Diskussionen in Deutschland betonte Geißler die Gleichwertigkeit der christlichen Gebote „Du sollst Gott lieben“ und „Du sollst deinen Nächsten lieben“: „Eins ist ohne das andere wertlos. Das sollte man sich mal wieder öfters vor Augen führen“, sagte Geißler. Die ursprünglichen Differenzen, fasste Geißler abschließend zusammen, seien heute kaum noch vorhanden. Angesichts der Probleme in der heutigen Welt, mit denen die Politik offenbar überfordert sei, sollten die rund zwei Milliarden Christen ihre Gegensätze überwinden und ein gemeinsames Konzept entwickeln, um die Politik zu unterstützen. „Und das muss beim Reformationsfest 2017 eine zentrale Rolle spielen.“

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