Geschichte in Ahrweiler: Spurensuche an der Ahr

Geschichte in Ahrweiler : Spurensuche an der Ahr

Der Australier Colin Heymann wollte mehr über seine jüdischen Vorfahren erfahren, die über viele Generationen in Ahrweiler, Dernau und anderen Orten an der Ahr lebten. Seine Großeltern wurden von den Nazis ermordet, seinem Vater gelang die Flucht nach England.

Zuerst war es nur ein Foto. Ein Bild, das Colin Heymanns Großvater bei der Weinlese im Ahrtal zeigt. Als der Australier und seine Frau dann vom anderen Ende der Welt zu Besuch in Bonn waren, bei dem Arztehepaar Georg und Doris Fobes, Bekannten ihrer Tochter, wollten sie sich die Landschaft auf dem Foto einmal „live“ ansehen. Und beim Abstecher an die Ahr sahen und hörten das Paar aus Down Under und seine Bonner Begleiter viel Unbekanntes, für sie fast Unglaubliches, über ihre Vorfahren.

Dabei stammten Colin Heymanns 1922 geborener Vater Fritz respektive Frank und sein Großvater Josef eigentlich aus Euskirchen, aber die weit gereisten Besucher erfuhren in Ahrweiler, dass einst eine Familie Heymann in Ahrweiler lebte, über die sogar in einem geschichtlichen Buch geschrieben worden ist: „In einem anderen Lande. Geschichte, Leben und Lebenswege von Juden im Rheinland.“ Autor Matthias Bertram aus Bad Neuenahr-Ahrweiler wusste Einiges über die Familiengeschichte der Heymanns, zeigte den Besuchern Dokumente und führte sie an mehrere für ihre Vorfahren wichtige Stätten.

Die Heymanns aus Australien erfuhren unter anderem, dass Colins Ahnen über Jahrhunderte in Dernau und später in Ahrweiler und Neuenahr lebten und Mitglieder der Familie nicht nur eine führende Rolle im Judentum der Ahrregion und beim Betrieb der Synagogen und Bethäuser in Ahrweiler und Dernau einnahmen, sondern auch geschätzte Bürger der Region waren.

Als Geschäftsleute seien sie erfolgreich gewesen, hätten als Offiziere im Ersten Weltkrieg dem deutschen Kaiser gedient und seien auch im Stadtrat vertreten gewesen, bis sie von den Nazischergen drangsaliert, bedroht und zum Teil ermordet worden seien, erläuterte Bertram.

Zu diesen Ermordeten haben auch der 1886 in Ahrweiler geborene Großvater Josef Heymann und seine aus Arloff bei Euskirchen stammende Frau Sibilla Aron gehört. Deren Kinder – die 1916 in Euskirchen geborene Tochter Herta und der 1922 geborene Sohn Fritz – hatten sich auf dem Weg über England vor den Nazis retten können.

Colins Vater Fritz Heymann war einer der rund 2500 jungen, meist jüdischen Emigranten, die die britische Regierung im Sommer 1940 mit dem Schiff „Dunera“ nach Australien bringen ließ, um sie dort zu internieren. Nach dem Krieg habe die australische Regierung den Betroffenen wahlweise den Rücktransport oder den Verbleib angeboten. Colins Vater entschied sich, in Australien zu bleiben, wo er 2002 im Alter von 80 Jahren starb.

Nach der umfassenden Einführung in die Familiengeschichte der Heymanns besichtigten Colin Heymann und seine Frau Megan mit Bertram zahlreiche Gräber der Vorfahren auf dem jüdischen Friedhof in Dernau. Sie hatten auch Gelegenheit, die ehemalige Betstube im Heymann-Haus an der Dernauer Teichgasse zu besuchen und bestaunten die mit Stuck verzierten „Kölner Decken“ aus dem 17. Jahrhundert, die die Familie der heutigen Besitzerin Gustel Lindener liebevoll restauriert hatte.

Zum Abschluss der Besichtigungstour machten die Heymanns Station in der ehemaligen Synagoge in Ahrweiler, die unter dem Vorsitz des Urgroßvaters Friedrich Wilhelm Heymann auf dem Gartengelände des Urgroßonkels Leopold Heymann gebaut worden war. Bei einem Gang durch die Niederhutstraße wandelten sie auf den Spuren von Urgroßonkel Josef Heymann, Niederhutstraße 61, Urgroßonkel Samuel Heymann, Niederhutstraße 10, und Urgroßvater Friedrich-Wilhelm Heymann, der ebenfalls in der Niederhutstraße wohnte.

Colin Heymann und seine Ehefrau wollen die neuen Erkenntnisse erst einmal verarbeiten, und dann „mit Sicherheit mit den Kindern“ bald wieder die Heimat ihrer Vorfahren zu besuchen.