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Versuchter Amoklauf in Sankt Augustin: OLG hält Urteil gegen Tanja O. für falsch

Versuchter Amoklauf in Sankt Augustin: OLG hält Urteil gegen Tanja O. für falsch

Mit selbst gebauten Brandsätzen, einem Schwert und einer Schreckschusspistole war die 16-jährige Schülerin Tanja O. am 11. Mai 2009 in das Albert-Einstein-Gymnasium in Sankt Augustin gekommen, um einen Lehrer niederzustechen und "ihre Mitschüler brennen zu sehen".

Sankt Augustin/Köln. Mit selbst gebauten Brandsätzen, einem Schwert und einer Schreckschusspistole war die 16-jährige Schülerin Tanja O. am 11. Mai 2009 in das Albert-Einstein-Gymnasium in Sankt Augustin gekommen, um einen Lehrer niederzustechen und "ihre Mitschüler brennen zu sehen".

Weil sie bei den Vorbereitungen auf der Schultoilette von der Mitschülerin Anna P. gestört wurde, wobei sie der 17-Jährigen mit dem Schwert die Hände zerfetzte, wurde der Amoklauf verhindert.

Am 24. November 2009 verurteilte die Bonner Jugendkammer Tanja O. unter anderem wegen versuchten Mordes zu fünf Jahren Jugendstrafe und schickte sie ins Jugendgefängnis. Dort holte das Oberlandesgericht Köln sie nun heraus und schickte sie in eine geschlossene psychiatrische Klinik.

Knapp ein Jahr nach dem geplanten Amoklauf hob der 2. Kölner Strafsenat am Dienstag den Haftbefehl auf Antrag ihres neuen Verteidigers auf und ordnete die einstweilige Unterbringung der heute 17-jährigen Schülerin in einer forensischen Klinik an. Das teilte OLG-Sprecher Hubertus Nolte am Mittwoch mit.

Noch am selben Tag wurde Tanja O. nach Bedburg-Hau in die geschlossene Anstalt für psychisch kranke Straftäter gebracht. An den Ort, wo sie während des Prozesses im vergangenen Jahr auf keinen Fall hin wollte. Und entsprechend hatten ihre damaligen Verteidiger alles daran gesetzt, damit die Jugendstrafkammer das Mädchen für schuldfähig befand und sie nur für eine befristete Zeit in das Jugendgefängnis schickte und nicht für eine unabsehbare Dauer in die Klinik.

Aus diesem Grund waren Tanja O.' s behandelnde Ärzte aus den Rheinischen Kliniken, wo sie nach der Tat und einem versuchten Selbstmord wegen Suizidgefahr untergebracht war, nicht von der Schweigepflicht entbunden worden.

Im Prozess kam es am Ende zu einem Gutachterstreit: Während eine Sachverständige zu dem Ergebnis kam, Tanja O. sei schuldfähig, befand ihr Kölner Kollege Tilmann Elliger, Tanja O. sei aufgrund einer schweren Persönlichkeitsstörung zur Tatzeit erheblich in ihrer Steuerungsfähigkeit eingeschränkt gewesen, sei unbehandelt weiter gefährlich und müsse deshalb in einer psychiatrischen Klinik untergebracht und therapiert werden.

Das Gericht verurteilte Tanja O., wie damals von ihr erhofft, zu fünf Jahren Jugendstrafe mit der gesetzlichen Möglichkeit einer Entlassung auf Bewährung nach einem Drittel der Haftzeit. Ihre damaligen Verteidiger äußerten sich nach dem Urteil zufrieden mit der Haftstrafe als solcher, bezeichneten sie nur als zu hoch und kündigten Revision an.

Das taten auch die Staatsanwaltschaft und der Anwalt der bei der Tat verletzten Anna P., jedoch aus anderen Gründen: Für Anwalt Uwe Krechel ist Tanja O. so schwer gestört, dass sie in die Psychiatrie gehört.

Fotostrecke Versuchter Amoklauf in Sankt AugustinOb das nach dem Urteil auch Tanja O. oder ihren Eltern aufging oder der harte Gefängnisalltag den Ausschlag gab? Fest steht: Ein neuer Anwalt, der nicht warten wollte, bis der Bundesgerichtshof (BGH) über die Revisionen entscheidet, zog gegen Tanja O.'s Inhaftierung vor das Kölner OLG - und bekam nun Recht

Denn, so befand der Kölner Senat: Es bestehen dringende Gründe für die Annahme, dass Tanja O. die Tat im Zustand verminderter Schuldfähigkeit beging und man somit "von einer gewissen Erfolgsaussicht der Revisionen" ausgehen kann. Seine Auffassung stützt der Senat auf den im Prozess beauftragten Gutachter Elliger, der Tanja O. nun erneut im Gefängnis begutachtet hatte und wieder befand: Es besteht die Gefahr weiterer erheblicher Straftaten, wenn sie unbehandelt bleibt.

Das letzte Wort hat nun der BGH: Der muss entscheiden, ob das Bonner Urteil rechtsfehlerhaft ist, und der Fall deshalb noch einmal vor einer anderen Bonner Strafkammer verhandelt werden muss.