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„Klassenzimmer unter Segeln“: 16-Jähriger aus Alfter segelte zu den Kapverdischen Inseln

„Klassenzimmer unter Segeln“ : 16-Jähriger aus Alfter segelte zu den Kapverdischen Inseln

Der Alfterer Schüler Jonas Groell reiste mit einem Bildungsprogramm bis zu den Kapverdischen Inseln vor der Küste Afrikas. Auf der sechs Monate langen Reise hatten er und rund 30 andere Schüler Unterricht an Bord. Dabei hätte das schlechte Wetter ihrer Reise fast ein jähes Ende gesetzt.

Sechseinhalb Monate hat Jonas Groell (16) sein Klassenzimmer im Carl-von-Ossietzky-Gymnasium gegen die schwankenden Planken eines über 90 Jahre alten Segelschoners getauscht. Zusammen mit 34 etwa gleich alten Schülerinnen und Schülern aus ganz Deutschland ging die abenteuerliche Seereise von Kiel über die Kanaren bis hin zu den Kapverdischen Inseln vor der Küste Westafrikas. Auch mit dabei: fünf Lehrer, ein Bordarzt, acht Stammbesatzungsmitglieder, Kapitän und Schiffseigner der „Thor Heyerdahl“, Detlef Soitzek, sowie die Projektleiterin und Initiatorin des „Klassenzimmer unter Segeln“ (KUS), Ruth Merck.

Bis zum 18. Oktober 2020, dem Tag des Ablegens im Kieler Hafen war coronabedingt unsicher, ob die lange im Voraus geplante Reise überhaupt stattfinden kann. Mit der Einschränkung, dass die Route nicht – wie sonst seit 2008 – auf den Spuren Alexander von Humboldts quer über den Atlantik bis in die Karibik verlief, setzte die Mannschaft der „Thor Heyerdahl“ nach Durchquerung des Nord-Ostsee-Kanals (NOK) die Segel in Richtung Süden.

Der Zehntklässler Jonas Groell konnte bisher auf die Erfahrung eines halbjährigen Auslandsaufenthaltes in Frankreich zurückgreifen. Doch die Segelreise versprach, mehr zu sein als „nur“ ein Unterricht fern der Heimat: Das erlebnispädagogische Konzept vom KUS soll ein Lebens-, Erfahrungs- und Lernraum sein, in dem die Jugendlichen ihre Persönlichkeit entwickeln können.

Persönliche Entwicklung steht im Vordergrund

Die Curricula der verschiedenen Anbieter von segelnden Klassenzimmern beinhalten die aktive Teilnahme am Schiffsbetrieb, mehrwöchige Landaufenthalte in fremden Ländern, Unterricht, Projekte und Praktika. In allen Bereichen des KUS-Projekts erfahren die Teilnehmer zudem ein Feedback, das sowohl ihre fachliche Leistung, wie auch ihre soziale und persönliche Entwicklung verfolgt.

Dabei werden die Jugendlichen auf dem 50 Meter langen und sechs Meter breiten Segelschiff oft an ihre körperlichen und seelischen Leistungsgrenzen geführt. Mehrere Wochen auf See bedeutet das Zusammenleben auf engstem Raum auch das Aushalten und Austragen von Konflikten.

„Wir sind eine starke Gemeinschaft geworden“, sagte Groell nach seiner Rückkehr. Er habe viele neue Freunde in ganz Deutschland gewonnen. An den Anfang des mehrmonatigen Segeltörns könne sich kaum noch einer der Teilnehmer erinnern, sagt Groell. Bereits kurz nach dem Verlassen des NOK in Brunsbüttel wurden Mannschaft und Schiff bereits von einem ersten Sturm auf der Nordsee „begrüßt“. „Gefühlt waren das fünf Meter hohe Wellen“, so Groell. Bis auf zwei Schüler seien alle seekrank geworden, mussten sich übergeben und konnten ihre engen Kojen nicht verlassen.

Zwölf Tage auf Helgoland festgesessen

Da war es eine Erlösung, nach acht Stunden den Hafen von Helgoland zu erreichen. Noch wusste allerdings niemand an Bord, dass man die nächsten zwölf Tage auf der kleinen Insel festhängen sollte. Stürme und ungünstige Strömungsverhältnisse verhinderten die Weiterfahrt des zum Toppsegelschoner umgebauten Frachtmotorschiffes. Als es dann endlich losging, habe selbst der Käpitän von einer „grenzwertigen Situation“ gesprochen, erinnert sich Groell.

„Wir waren bis dahin ja erst acht Stunden gesegelt, schon erwischte uns der nächste Sturm und wir lagen schon wieder alle krank in den Kojen.“ Doch die Schiffsführung ließ kaum Schwächen zu: So schlecht es ihm auch ging, wurde er nächtens geweckt und trat – nachdem er sich erneut übergeben musste – seinen Wachdienst in stürmischer Nässe und Kälte an. Eine harte „Schule“, die so gar nichts mehr mit dem umsorgten Leben im heimatlichen Alfter zu tun hatte.

Etwa drei Tage brauchte es, so Groell, bis sich die meisten der Schülerinnen und Schüler an das Leben auf See eingestellt hatten. Man lernte nach und nach das Schiff kennen und verstand allmählich, wohin die schier endlos erscheinenden Seile führten, mit denen die bis zu neun Segel bedient wurden. Man begann, sich auf dem Schiff sicher zu fühlen, selbst wenn bis zu sieben Meter hohe Wellen das Deck überspülten und man sich an Sicherungsleinen entlang hangeln musste.

An Bord war kein Platz für Egomanie

Und man machte schnell die Erfahrung, dass nicht mehr der oder die Einzelne, sondern nur noch die Gemeinschaft zählte. Für Selbstdarstellung und Egomanie war an Bord kein Platz. Feedbackrunden vermittelten, wie man wahrgenommen wurde.

In Unterrichtseinheiten, die regelmäßig an Bord oder an Land stattfanden, wurden neben den schulischen Hauptfächern zahlreiche Workshops wie Meeresbiologie, Astronavigation oder Kreatives Schreiben angeboten. Auf der rund dreiwöchigen Seereise bis zur Kanarischen Insel La Palma wurden die ersten Worte Spanisch gepaukt. Später sollte auf dem Weg zu den Kapverden noch Portugiesisch hinzukommen.

Bereits ab den Kanaren konnte das wetterfeste Ölzeug gegen T-Shirts getauscht werden. Bis zu 30 Grad waren es bereits Ende November, wo das Schiff vier Wochen zwischen Teneriffa, La Palma und Gran Canaria pendelte und die Schülerschaft zu Landausflügen und Erkundungen brachte. Allerdings begab sich die komplette Mannschaft coronabedingt immer wieder in tagelange freiwillige Selbstisolierungen, um frühzeitig Symptome einer Covid-Infektion erkennen zu können.

Hurrikan-Warnung schockte die Schüler

Mit den einsetzenden Passatwinden erreichte die „Thor Heyerdahl“ nach eineinhalb Wochen São Vicente, eine der kleineren Kapverdischen Inseln, die rund 640 Kilometer vor der afrikanischen Küste liegt. Zuvor hatten die Schüler für 24 Stunden das Kommando auf dem Schiff übernommen, um ihre inzwischen erlernten nautischen Fähigkeiten bis zum Ankerplatz in der Bucht von Mindelo unter Beweis zu stellen.

Auf bis zu wochenlangen Exkursionen lernten die Teilnehmenden die vulkanische Inselwelt und deren Menschen kennen, die mit ihrer Gastfreundschaft auch bei Groell einen tiefen Eindruck hinterließen. Etwas mehr als drei Wochen brauchten die Segler, um von den Kapverden aus die Azoren zu erreichen.

Mitten auf dem Atlantik erschreckte sie die Vorhersage, dass sie auf einen Hurrikan treffen würden. Dieser entpuppte sich jedoch „nur“ als heftiger Sturm mit Windstärke acht, dem die Schülerinnen und Schüler inzwischen mit dem gebotenem Respekt und der Sicherheit, sich aufeinander verlassen zu können, entgegentreten konnten. An Bord wurde wieder jede Hand gebraucht, um den Kräften der Natur zu trotzen.

Das Ziel, die Teilnehmer am Ende der Reise selbstbewusst, belastbar und gelassen von Bord gehen zu lassen, wurde erreicht – bestätigt auch Groell.