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Alfter: 29-Jähriger trotz Psychose unterwegs zurück in die Arbeitswelt

Inklusion in Alfter : 29-Jähriger trotz Psychose unterwegs zurück in die Arbeitswelt

Tobias Sagewka hat sich auf einen schwierigen Weg begeben: Trotz seiner Schwerbehinderung möchte er eine Ausbildung in der Verwaltung absolvieren. Woraus der 29-Jährige neuen Mut schöpft.

E-Mails schreiben, Akten sortieren, Daten eingeben: Vielfältige Aufgaben hat Tobias Sagewka als Praktikant bei der Alfterer Gemeindeverwaltung bewältigt – sehr zur Zufriedenheit seines Chefs Andreas Johnen, dem Leiter des Fachgebietes Personalmanagement. Dabei waren Dienstbeginn und wöchentliche Arbeitszeit auf die Bedürfnisse des Waldorfers zugeschnitten: drei Mal die Woche jeweils ab 11 Uhr. Denn der 29-jährige leidet seit zehn Jahren an einer Psychose, einer Krankheit, deren medikamentöse Behandlung das morgendliche Aufstehen erschwert und die Belastungsfähigkeit stark einschränkt. Eine „normales“ Arbeitsverhältnis ist für ihn derzeit nicht möglich, Praktika sollen seinen Weg in den ersten Arbeitsmarkt ebnen.

Seit 2017 ist Sagewka bei der Kölner Behindertenwerkstatt der Alexianer in der Verpackungsabteilung tätig, eine Arbeit, die ihn seit einiger Zeit nicht mehr ausfüllt. Schon im vergangenen Jahr hat er ein Kurzzeitpraktikum im Alfterer Rathaus absolviert, mit einer Arbeitszeit von zwei Tagen in der Woche – nun konnte er diese um einen Tag steigern. „Für mich ein Fortschritt. Denn ich muss aufpassen, dass es nicht zu viel Stress gibt“, erklärt der junge Mann. Zu hohe Belastung war ein Faktor für den Ausbruch der Krankheit während seiner Ausbildung zum Gesundheits- und Krankenpfleger, einer Zeit, in der er plötzlich Stimmen hörte; jahrelange Klinikaufenthalte folgten.

Die ersten Bewerbungen blieben unbeantwortet

In der Werkstatt in Bickendorf hat er Freunde gefunden, so dass ein Wechsel in die Bonner Werkstätten nach Hersel für ihn nicht in Frage kam, dennoch wurde der Wunsch nach einer beruflichen Veränderung immer stärker. Es war die feste Struktur von Arbeitsabläufen in einer Verwaltung, die seinen Blick auf die Kommunen der Umgebung richtete. Erste Bewerbungen für Brühl und Bornheim blieben unbeantwortet. Zum Erfolg in Alfter führte schließlich die Vermittlung des Vereins inklusive Arbeit – für Tobias Sagewka ein Glücksfall.

„Ich wollte erst einmal feststellen, ob der Beruf etwas für mich ist, und ob ich die Belastung auch schaffe“, sagt der 29-Jährige. Die vorgegebene Struktur der Arbeitsabläufe in einer Verwaltung gäben ihm Sicherheit. Er ist nicht der erste Praktikant mit Handicap, der bei der Verwaltung in Alfter seine Fähigkeiten und Fertigkeiten zeigen kann. Inklusion und damit berufliche Teilhabe wurden dort schon vor dem Inkrafttreten der UN-Behindertenrechtskonvention im Jahr 2009 praktiziert.

Personalchef sieht Vorbildfunktion der Verwaltung

14 festangestellte Mitarbeiter, das sind acht Prozent der Beschäftigten, sind in irgendeiner Weise beeinträchtigt. Damit liegt die Gemeinde über der gesetzlich vorgegebenen Quote von fünf Prozent. „Als Verwaltung haben wir eine Vorreiterrolle“, findet Personalchef Andreas Johnen. Ob private Unternehmen dadurch zu mehr Inklusion motiviert werden, wisse er aber nicht. Mit dem Verein für inklusive Arbeit, der Agentur für Arbeit, dem Inklusionsbeauftragen der Industrie- und Handelskammer und dem Integrationsfachdienst findet ein regelmäßiger Austausch statt. Der Anteil schwerbehinderter Bewerber auf freie Stellen fällt mit etwa zehn Prozent recht hoch aus.

Unterschiede zwischen behinderten und nicht behinderten Menschen werden laut Johnen bei der Feststellung der Eignung keine gemacht, nur manchmal werde die Art des Verfahrens an die persönlichen Einschränkungen angepasst. Menschen mit Behinderungen würden in der Regel immer zu Vorstellungsgesprächen eingeladen. „Die Analyse von Stärken und Schwächen ist bei allen Mitarbeitern gleich. Durch die Vielfalt unserer Aufgaben ist auch der Einsatz behinderter Menschen vielfältig“, sagt Andreas Johnen. Der 37-Jährige hält es für wichtig, gerade Menschen mit Einschränkungen den Einstieg auf den ersten Arbeitsmarkt mit Praktika zu erleichtern. Diese seien genauso gut ausgebildet und motiviert wie nicht behinderte Menschen. Erforderlich sei dabei individuelle Betreuung, denn so könnten behinderten Menschen faire Entwicklungs- und Karrierechancen ermöglicht werden.

Irgendwann will er eine Fünf-Tage-Woche bewältigen

Die persönliche Betreuung im Rathaus hat Sagewka so gut gefallen, dass er dort gerne auf lange Sicht eine Teilzeitausbildung zum Verwaltungsfachangestellten machen würde. Mit seinem Chef hat er bereits darüber gesprochen. Voraussetzung ist allerdings eine Erhöhung der Arbeitszeit auf eine Fünf-Tage-Woche mit täglichem Arbeitsbeginn um 8 Uhr. Einüben kann er das in den nächsten Monaten in der Kölner Behindertenwerkstatt, wo gerade der Arbeitsbereich Verwaltung neu eingerichtet wird. Dort will sich der 29-Jährige bei einem weiteren Praktikum allmählich steigern.

Seine Mutter Anni Sagewka hofft, dass es dann mit einer Ausbildung klappt. Sie ist der Alfterer Verwaltung dankbar für die Chance, die ihr Sohn erhalten habe. Denn die habe ihm nicht nur eine Tagesstruktur gegeben, sondern ihm auch „Mut gemacht, neue Wege einzuschlagen.“