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Alfter: Schausteller-Familie öffnet Kirmesbuden während Corona

Winterquartier statt Rummelplatz : Schausteller-Familie aus Alfter öffnet Kirmesbuden fürs Dorf

Schausteller sind fast immer unterwegs. Eigentlich. Seit über einem Jahr sitzt Familie Eisbusch aus Alfter in ihrem Winterquartier fest. Die Kirmesbudenbesitzer entwickeln aber kreative Notlösungen, um weiterzumachen.

Seit über einem Jahr stehen die Buden auf dem Grundstück in Alfter-Witterschlick, das eigentlich nur das Winterquartier der Schausteller-Familie Eisbusch ist. „Das macht emotional. Sobald im Frühjahr die Sonne scheint und die Vögel zwitschern, beginnt unsere Zeit und wir fahren los“, sagt Günter Eisbusch. „Ich möchte unterwegs sein.“ Stattdessen: Stillstand. „Besonders die älteren Kollegen haben starke Probleme, das zu verarbeiten“, sagt der 42-Jährige. Seine Patentante müsse nun an ihr Erspartes für die Rente gehen. Günter Eisbusch und seine Frau haben eine kreative Notlösung gefunden. Unter der Woche fährt der Schausteller für ein Spedition als Lkw-Fahrer und am Wochenende öffnet das Paar Imbissbude und Süßigkeitenstand auf ihrem Grundstück für das Dorf.

„Wie das Dorf hinter uns steht, das kann man nicht mit Geld aufwiegen“, erzählt Tanja Eisbusch. Sie ist sehr dankbar, dass die Gemeinde Alfter den Verkauf unbürokratisch ermöglicht hat. Laut der Schaustellerin werden über soziale Medien immer mehr Leute aus der Umgebung auf das Angebot aufmerksam. Sie kommt gebürtig aus Alfter, ihr Mann ist geborener Schausteller. „Ich kenne nichts anderes“, sagt der Rheinländer, der den Job in der zehnten Generation macht. Früher reisten seinen Eltern von Kirchturm zu Kirchturm, erzählt er. „Hauptsache Reisen.“

Normalerweise von März bis Oktober unterwegs

Der Schausteller vermisst die Abwechslung: „Jede Woche hat man mit anderen Menschen zu tun, Bekanntschaften entwickeln sich mit Nachbarn.“ Zum Verkauf vor Ort in Alfter kommen gerade zu 90 Prozent die gleichen Leute, erzählt das Paar. Die Eisbuschs fahren jedes Jahr eine ähnliche Route von Volksfest zu Volksfest im Umkreis von etwa 130 Kilometern ab. Von März bis Ende Oktober sind sie unterwegs. Danach beziehen sie ihr Winterlager, renovieren und reparieren die Buden und machen zwei, drei Wochen Urlaub mit ihrem Kind.

Mittlerweile besitzt die Familie einen Imbiss, einen Süßigkeitenstand, eine Bude für Churros, spanisches Gebäck, einen Eiswagen und eine „Nostalgiebude“, in der sie Backwaren verkaufen. Je nach Bedarf stellt das Ehepaar Aushilfen ein. Tanja Eisbusch kam über ihren Mann zum Schaustellerberuf: „Ich liebe den positiven Stress und die Freiheit, sich die Zeit selber einzuteilen. Ich kann als Mutter jederzeit für mein Kind da sein.“ Das Familienleben bei Schaustellern ist eng, fügt ihr Mann hinzu. Das Paar lebt und arbeitet zusammen.

Ihre Tochter besucht die Europa-Gesamtschule in Bornheim. Sie sei aber beim Schulamt als „reisendes Kind“ angemeldet, erzählt Tanja Eisbusch, die gelernte Erzieherin ist. Seit der ersten Klasse wird ihre Tochter auch von einer reisenden Lehrerin aus Bonn betreut. „Am Wochenende müssen Schausteller arbeiten – deshalb ist sie dann da.“ Bildung werde immer wichtiger, sagt die 41-Jährige. „Unsere Tochter darf unser Geschäft übernehmen, aber sie muss erstmal eine Berufsausbildung machen, damit sie in Zeiten wie diesen darauf zurückgreifen kann.“

Die letzte normale Veranstaltung war im Januar 2020 in Neuwied, ab Mitte März wurde dann wegen Corona mit der Zeit alles abgesagt. „Die finanzielle Sorge kam“, erzählt Günter Eisbusch. Er suchte sich wie andere Bekannte sofort einen Job als Lkw-Fahrer. Den Führerschein hatte er schon, alle anderen Papiere besorgte er gerade noch rechtzeitig beim Bürgeramt, bevor das auch pandemiebedingt schloss. „Gott sei Dank haben wir schnell reagiert“, sagt seine Frau.

Die Umstellung vom selbstständigen Schausteller zum Angestellten klappte bei Günter Eisbusch gut. „Ich denke bisschen mehr wie mein Chef. Das findet der gut.“ Nur an die Arbeitszeiten von vier Uhr morgens bis drei Uhr nachmittags musste er sich gewöhnen. Jeden Freitag freut sich der Schausteller aber, das Tor zu öffnen und zumindest stationär seinen wirklichen Beruf auszuüben. „Wir haben uns alles mit den eigenen Händen erarbeitet, wir machen weiter“, sagt er. Von temporären Freizeitparks, wie sie im vergangenen Jahr als Alternative zur Kirmes entstanden, hält das Paar nicht viel. „Das ist ein großes Risiko. Manche funktionieren, manche nicht“, sagt Tanja Eisbusch. „Wenn wir loslegen, dann unter normalen Bedingungen.“

Finanziell ist die Familie gerade abgesichert, sie haben nur einmal die staatliche Corona-Hilfe in Anspruch genommen. Das Paar hofft, aber bald wieder dem wahren Schausteller-Leben nachgehen zu können und sind bereit, betont Tanja Eisbusch: „Wir können nach Corona ohne Schulden weitermachen.“