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Interview mit der Alfterer Logopädin: Anja Hüsing erklärt, was Stotterern hilft

Interview mit der Alfterer Logopädin : Anja Hüsing erklärt, was Stotterern hilft

Welttag des Stotterns: Dem General-Anzeiger berichtet die Logopädin Anja Hüsing, die in einer Alfterer Logopädiepraxis unter anderem stotternde Kinder und Jugendliche betreut, aus ihrer Praxiserfahrung. Mit ihr sprach Sonja Weber

Im Oscar-preisgekrönten Film "The King's speech" beeindruckte Schauspieler Colin Firth die Kinobesucher im Jahr 2010 mit der Darstellung des stotternden britischen Königs Georg IV. In Großaufnahme war zu beobachten, wie in dem jungen Mann Hilflosigkeit, Wut und Verzweiflung aufstiegen, wenn die Wörter wieder einmal "klemmten". Allzu gut können diese Gefühle diejenigen nachvollziehen, die selbst mit der Sprachstörung zu kämpfen haben.

Mehr als 800.000 Menschen in Deutschland sind betroffen. Am heutigen "Welttag des Stotterns" soll auf die Bedürfnisse stotternder Menschen aufmerksam gemacht, sollen Vorurteile abgebaut und die Akzeptanz gefördert werden.

Frau Hüsing, Stottern hat nichts mit mangelnder Intelligenz zu tun. Dennoch haben Betroffene mit Vorurteilen und Ausgrenzung zu kämpfen. Wie ist ihre Erfahrung?
Anja Hüsing: In der Tat halten sich Vorurteile wie "Stotterer denken langsamer" oder "Stotterer sind weniger intelligent" hartnäckig. Oft werden Kinder wegen ihrer Sprachstörung geärgert, ausgelacht oder gemobbt. Daher ist die Stärkung des Kindes ein wichtiger Bestandteil der Therapie. Aber auch die Information des Umfeldes gehört dazu. Eltern, Verwandte, Freunde und auch Lehrer sollten einbezogen werden.

Welche Ursachen hat das Stottern?
Hüsing: Diese Frage ist gar nicht so eindeutig zu beantworten. Zunächst einmal liegt eine genetische Disposition zugrunde. Im Laufe der Sprachentwicklung unterscheidet man dann zwischen "auslösenden Faktoren" und "aufrechterhaltenden Faktoren".

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Können Sie das genauer erklären?
Hüsing: Ein auslösender Faktor kann ein einzelnes Ereignis sein, etwa die Geburt eines Geschwisterkindes, die Trennung der Eltern, ein Trauma oder ähnliches. Zu den aufrechterhaltenden Faktoren zählt beispielsweise die Reaktion des Umfeldes oder auch der eigene Umgang des Kindes mit seiner Sprachstörung.

Wie sollte denn das Umfeld idealerweise reagieren?
Hüsing: Grundsätzlich sollte man einen Stotterer aussprechen lassen und ihn nicht unterbrechen. Man sollte aktiv zuhören, den Blickkontakt halten, auf den Inhalt des Gesagten achten und darauf antworten. Der Leidensdruck des Betroffenen sollte ernst genommen werden.

Nimmt man den Betroffenen den Leidensdruck, indem man einen "klemmenden" Satz schnell vervollständigt?
Hüsing: Nein. Einen Satz zu vervollständigen bedeutet für den Betroffenen keine Erleichterung. Im Gegenteil: Oftmals wird es als Bevormundung wahrgenommen.

Wie kann man betroffene Kinder zusätzlich stärken?
Hüsing: Indem man möglichst viele Menschen mit ins Boot holt und aufklärt. Wichtig ist, dass Fragen gestellt werden dürfen und offen mit dem Thema umgegangen wird. In der Schule kann beispielsweise im Rahmen des Themas Identitätsfindung herausgearbeitet werden, welche Merkmale oder Eigenschaften ein Kind hat. Dabei erkennen die Mitschüler, dass das Stottern nur ein Merkmal von vielen ist, die die Persönlichkeit eines Menschen ausmachen.

Im frühen Kindeshalter sprechen ja viele Kinder noch etwas holprig. Wie und ab wann können Eltern erkennen, dass ihr Kind stottert?
Hüsing: Mit drei oder vier Jahren sind zeitweise Redeunflüssigkeiten durchaus normal. Wenn ein Kind ganze Wörter locker wiederholt, kann es sich um ein sogenanntes "Entwicklungsstottern" handeln. Wiederholungen einzelner Laute, Dehnungen oder Blockaden weisen dagegen auf "echtes Stottern" hin. Entscheidend ist auch die Anstrengung beim Sprechen. Sollten die Symptome nach spätestens einem halben Jahr nicht wieder verschwunden sein, stellt der Kinderarzt eine Verordnung zur Sprachtherapie aus.

Welche Therapiemethoden gibt es?
Hüsing: Es gibt zwei unterschiedliche Ansätze: Die eine Methode zielt darauf ab, Sprechsituationen nicht zu vermeiden, das Selbstbewusstsein zu Stärken und die Selbstwahrnehmung zu schulen. Bei der anderen geht es darum, eine Technik zu erlernen, die ein weiches, gebundenes Sprechen ermöglicht. Diese muss man trainieren wie einen Sport oder ein Instrument.

Ist Stottern "heilbar"?
Hüsing: Ein Stotter-Therapeut, der absolute Heilung verspricht, sollte meiner Ansicht nach mit Skepsis betrachtet werden. Sicher ist aber, dass es möglich ist, den Umgang mit dem eigenen Stottern zu verbessern.

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