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Studie aus Alfter: Ehemalige Schüler sind zufrieden mit Waldorfschulen

Studie aus Alfter : Ehemalige Schüler sind zufrieden mit Waldorfschulen

Der Alanus-Professor Dirk Randoll hat untersucht, was ehemalige Schüler von Waldorfschulen halten. Viele loben das starke Gemeinschaftsgefühl – und engagieren sich mittlerweile sozial. Kritik gab es vor allem für einen Aspekt.

Waldorf-, Montessori- und andere freie Schulen: Seit 1983 beschäftigt sich Dirk Randoll mit reformpädagogischen und alternativen Bildungsansätzen. Seit 38 Jahren ist der Alfterer Professor in der empirischen Sozialforschung unterwegs. Seine jüngste Studie – eine gemeinsame Initiative der Alanus Hochschule, der Software AG-Stiftung und dem Bund der Freien Waldorfschulen zum 100-jährigen Bestehen der Waldorfschulen – untersuchte die Lernerfahrungen ehemaliger Waldorfschüler.

Gerade die Coronakrise, so Randoll, mache deutlich, wie wichtig zwischenmenschliche Kontakte und Gemeinschaft seien, speziell für Heranwachsende. Die Herausforderungen, die mit dem Distanzunterricht einhergingen, zeigten in vielfältiger Weise, dass eine Bildungseinrichtung mehr leiste als nur Wissensvermittlung. Das sehe man auch an den Rückmeldungen der mehr als 3000 Studienteilnehmer. Annähernd 2000 von ihnen zählen zu den sogenannten Millennials. Die zwischen 1980 und 2000 Geborenen heben vor allem das soziale Miteinander von Lehrenden und Lernenden, den gegenseitigen Respekt und die Einbettung in eine starke Schulgemeinschaft an der Waldorfschule als positiv hervor.

In ihren Antworten haben die Ehemaligen ihre Erinnerungen an die eigene Schulzeit, Erfahrungen und ihre Lebenswege zum Ausdruck gebracht. Die Ergebnisse der Studie haben Randoll und sein Kollege Jürgen Peters nun im Buch „Wir waren auf der Waldorfschule“ publiziert. Für Randoll ist es nach 2007 die zweite Studie, die Bildungserfahrungen von Waldorfschülern zum Gegenstand hat. Zum ersten Mal stehen in der aktuellen Untersuchung allerdings die jüngeren Ehemaligen im Fokus. Von den Vorbereitungen über die Durchführung bis zur Evaluation ist das Interesse an der Studie auch international sehr groß. Rund 1100 Waldorf- beziehungsweise Rudolf-Steiner-Schulen gibt es weltweit – vergleichbare Befragungen werden nun auch in Israel, Österreich, Brasilien und Neuseeland durchgeführt.

Randoll: Schule ist mehr als nur Wissensvermittlung

Mit reformpädagogischen Ideen und Konzepten setzt sich Randoll seit seinem Berufseinstieg als diplomierter Pädagoge in den 80er Jahren auseinander. „Zu dieser Zeit kamen die ersten Pisa-Studien auf. Die Qualität von Schule alleine auf der Basis der Leistungen der Schüler zu beurteilen, fand ich zu kurz gegriffen. Denn schulische Erziehung ist wesentlich mehr als nur die Vermittlung von abrufbarem Wissen und die Förderung von Leistung“, betonte Randoll.

Als Verfechter einer ganzheitlichen Erziehung und Bildung ließ er seine eigenen Kinder an der Waldorfschule in Frankfurt am Main unterrichten. „Hier waren wir als Eltern gefordert, und ich habe als Wissenschaftler viel aus der pädagogischen Praxis gelernt“, erinnert sich der 64-Jährige, der seit seinem Amtsantritt in Alfter mit dazu beigetragen hat, die bisher wenig erforschte Waldorf- und Reformpädagogik aus ihrem akademischen Nischendasein zu führen.

So war die Alanus 2002 die erste Hochschule in Deutschland, die die Akademisierung der Reformpädagogik vorangetrieben hat und seither Waldorf-Lehrer in einem staatlich anerkannten Rahmen ausbildet. Seit 2010 können Masterstudenten dort auch promovieren. Seit mehr als drei Jahren gibt es in Alfter ein Graduiertenkolleg, um laut Randoll „die forschende Auseinandersetzung mit Waldorfpädagogik zu stärken“. 

90.000 Waldorfschüler in Deutschland

Im Bundesgebiet besuchen 90.000 Schüler 254 Waldorfschulen beziehungsweise Rudolf-Steiner-Schulen. Das Interesse der Eltern an reformpädagogischen Bildungsreinrichtungen wächst seit Jahren stetig. Auch deshalb hat Randoll die positive Bilanz der Studie nicht überrascht. Freude am Lernen, bedingt durch Lernen ohne Noten/Punkte bis einschließlich Klasse zehn, ein breites Fächerangebot, die Wertschätzung der Individualität der Schüler sowie eine gute Lernatmosphäre geben die Studienteilnehmer als die wichtigsten Bedingungen für ihre Schulzufriedenheit an.

Neun von zehn Ehemaligen würden heute wieder auf eine Waldorfschule gehen, drei Viertel der Befragten schicken ihren eigenen Nachwuchs dorthin. Laut Randoll liege eine der Ursachen hierfür auch im gemeinsamen Unterricht der Schüler bis Klasse 12 oder 13. Mehr als 90 Prozent der Befragten schätzen zudem den handwerklich-praktischen sowie den künstlerisch-musischen Unterricht. Die Studie zeigt darüber hinaus auf, dass sich ehemalige Waldorfschüler überdurchschnittlich häufig gesellschaftlich und politisch engagieren.

Diskrepanz zwischen Leistungsdruck in Mittel- und Oberstufe

Kritsch beleuchten die Befragten hingegen die Diskrepanz zwischen dem geringen Leistungsdruck bis zum Ende der Mittel- und den Anforderungen der Oberstufe. Eher schlechte Noten geben die ehemaligen Waldorfschüler ihrer Schule für den Umgang mit neuen Medien. Ein Drittel der Befragten hält den zunehmenden Einsatz von Internet und Co. für eine Herausforderung der Zukunft.

„Wenn man sich die allgemeine Veränderung des immer materialistischer werdenden Menschenbildes ansieht, dann gewinnen Waldorfpädagogik, Montessori-Pädagogik und andere freie Schulformen, die dem Wirken des Menschen eine andere Bedeutung zumessen, zunehmend an Relevanz. Diese Schulformen bilden durch ihre musisch-kreativen Schwerpunkte einen Gegenpol zu den Regelschulen, die 90 Prozent der Bildungseinrichtungen umfassen, und tragen zur Vielfalt der Schullandschaft bei. Reformpädagogische Bildungseinrichtungen sollten verstärkt staatlich gefördert werden, damit sie auch häufiger von Kindern besucht werden können, deren Eltern sie sich derzeit nicht leisten können. Zudem sind reformpädagogische Ansätze ein Motor für Veränderungen im staatlichen Schulwesen“, bilanzierte Randoll.