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Zweiter Weltkrieg: Kinder in Alfterer Heim starben an Vernachlässigung

Zweiter Weltkrieg : Kinder in Alfterer Heim starben an Vernachlässigung

Ein neuer Bericht der Gemeinde Alfter gibt Einblicke in ein dunkles Kapitel: Im Zweiten Weltkrieg schufteten rund 530 Zwangsarbeiter in den Orten des heutigen Gemeindegebiets. Ihre Kinder wurden in einer „Pflegestätte“ dem Tod überlassen.

Es ist kein Bericht, der sich leicht liest. Aber es ist ein Bericht, der geschrieben werden musste: Für das knapp 30 Seiten starke Dokument „Zwangsarbeit in Alfter 1939 bis 1945“ hat Gemeindearchivar Jens Löffler die Ausländermeldekartei ausgewertet, die die Gemeinde Ende 2019 in ihrer Registratur wiederentdeckt hatte. Auf 863 Karten hält die Kartei ausländische Arbeiter fest, die im Dritten Reich Zwangsarbeit leisteten.

Die Hauptergebnisse von Löfflers Analyse: Auf dem heutigen Gebiet der Gemeinde Alfter schufteten circa 530 Zwangsarbeiter im Krieg, vor allem in Landwirtschaft und Tonindustrie. Und: In einer sogenannten Ausländerkinder-Pflegestätte wurden mindestens 19 Kinder von Zwangsarbeiterinnen so lange vernachlässigt, bis sie starben.

Die Kinder wurden ihren Müttern, Zwangsarbeiterinnen aus dem gesamten Landkreis Bonn, weggenommen und in der „Pflegestätte“ untergebracht. Mit Pflege hatte ihr Aufenthalt dort dem Bericht zufolge aber nichts zu tun. Ein Amtsarzt des staatlichen Gesundheitsamts des Landkreises beschrieb die Zustände in drei Briefen: So gut wie alle Kinder waren unterernährt, es gab kein Stroh für Betten, zu wenig Kleidung, Windeln, Bettwäsche und Handtücher, oft kein fließendes Wasser und zu wenig Brennstoff. Ein Heizofen war falsch installiert worden und verbreitete Rauchgase.

Behörden nannten Heim „Aufzuchtraum für Bastarde“

„Untere Dienststellen bezeichneten die Einrichtungen ‚einfachster Art‘ schlicht als ‚Aufzuchtraum für Bastarde‘“, schreibt der Archivar. Etwa 400 bis 600 solcher Einrichtungen hatte es im gesamten Reich gegeben. Das Heim in Alfter wurde im Mai 1944 eingerichtet. Zum Teil mussten die Mütter der Kinder dort selbst als Pflegerinnen arbeiten. „Die Mütter wurden für die menschenunwürdige Behandlung ihrer Kinder auch noch mit einem Tagessatz von 0,75 Reichsmark zur Kasse gebeten“, heißt es im Bericht.

Offensichtlich wurden von Seiten der Betreiber keinerlei Anstrengungen unternommen, die Situation zu verbessern, schrieb der Amtsarzt nach einem weiteren Besuch. Erst nach vielen Todesfällen und nachdem eine Durchfallerkrankung im Heim um sich griff, empfahl das Gesundheitsamt schließlich, die verbleibenden Kinder in Krankenhäuser zu überweisen oder ihren Müttern zurückzugeben. Im Krankenhaus starben die meisten Kinder schließlich an den Folgen ihres Aufenthalts.

Dass die „Pflegestätte“ existiert hatte, dokumentierte vor 30 Jahren zum ersten Mal der Bonner Historiker Helmut Vogt, der in seiner Recherche zur Beueler Jutespinnerei auf eine entsprechende Quelle beim Landesarchiv NRW gestoßen war. Löffler fand nun heraus, wo sich die zweistöckige Baracke befunden hatte: neben dem Wohnhaus des damaligen Ortsbauernführers und Ortsbürgermeisters Johann Hennes am Landgraben 112. Die Anschrift gebe es heute noch, das Gebäude aber nicht, sagt der Archivar.

Ortsbürgermeister wusste Bescheid – und tat nichts

In seinen Funktionen war Hennes für die Stätte verantwortlich. „Es muss davon ausgegangen werden, dass er über die Zustände in der Einrichtung sehr genau Bescheid wusste und nichts tat, um die Lage der Kinder zu verbessern und das Sterben zu beenden“, heißt es im Bericht. 1942 wurde er im „Heimatbrief der NSDAP“ für seine „vorbildliche Leitung des Arbeitseinsatzes“ gelobt. „Seine größte Sorge sei, dass in Anbau und Erzeugung kein Rückgang eintritt“, hieß es darin. Später wurde er Vorsitzender des Roisdorfer Centralmarkts.

„Während Hennes die Ernte plante, verhungerten im Nebengebäude die Kinder der Ostarbeiterinnen“, stellt der Archivar fest. Löffler gelang es, 14 der mindestens 19 gestorbenen Kinder zu identifizieren – anhand von Unterlagen aus dem Bonner Stadtarchiv, der Briefe des Amtsarztes, der Ausländermeldekartei Alfter, der Zwangsarbeiterdatei Bonn und von Sterbeurkunden. Fünf Namen fehlen noch immer – „trotz erheblicher Bemühungen“.

Ihre Mütter gehörten zu den rund 530 Zwangsarbeitern, die im Krieg in den Ortschaften der heutigen Gemeinde Alfter schuften mussten. Diese Löffler zufolge „recht konservative Schätzung“ beruht auf den Einträgen in der Ausländermeldekartei aus den Jahren 1939 bis 1945. Sie könnte aber noch deutlich höher liegen, da die Kartei nicht lückenlos sei. Die meisten der Arbeiter stammten aus Russland, Polen oder galten als sogenannte Ostarbeiter. Je knapp 30 kamen aus den Niederlanden und Frankreich, auch Angehörige weiterer europäischer Staaten waren vertreten. Polen und Ostarbeiter wurden von den Nationalsozialisten besonders niedrig eingestuft und daher extrem diskriminiert.

Die jüngsten Zwangsarbeiter waren 13 Jahre alt

Unter den Zwangsarbeitern gab es mit rund 400 Männern doppelt so viele Männer wie Frauen. Im Schnitt waren die Arbeiter bei der Anmeldung 24 Jahre alt, die ältesten 44, die jüngsten gerade einmal 13. Knapp 360 Menschen wurden in der Landwirtschaft eingesetzt, gut 200 in Industrie und Handwerk, dort vor allem in der Tongewinnung und -verarbeitung.

„Die damaligen Servais-Werke in Witterschlick waren mit 114 ausländischen Arbeitern der Betrieb, der mit Abstand die meisten Zwangsarbeiter einsetzte“, heißt es im Bericht. Auch die Otto-Werke in Oedekoven (17), Tonwerke Bonn in Oedekoven (9), Didier-Werke Witterschlick (8) und Kruppschen Tongruben Witterschlick (6) setzten Zwangsarbeiter ein. Frauen wurden darüber hinaus als Hausangestellte oder Putzfrauen ausgenutzt.

Die Zwangsarbeiter waren entweder direkt auf den Betrieben, für die sie arbeiten mussten, oder in Lagern in unmittelbarer Nähe untergebracht. Von diesen Lagern gab es in Alfter mindestens acht.

Auf Fluchtversuche stand der Tod

Wie mit den Arbeitern umgegangen wurde, lässt sich aus der Kartei selbst nicht entnehmen. Laut dem Archivar lässt sich aus der Zahl der Fluchtversuche – die oft mit dem Tod bestraft wurden – aber etwas ableiten: „Hätte sich nicht ein Druck aus schlechten Arbeitsbedingungen, Hunger und Angst aufgebaut, wäre wohl kaum jeder dreizehnte Alfterer Zwangsarbeiter geflüchtet. Im Vergleich mit anderen Lokalstudien der direkten Umgebung weist diese Quote auf eine vergleichsweise schlechte Behandlung der Zwangsarbeiter hin.“

Der Bericht soll der erste Schritt in einem Prozess der Aufarbeitung und des Gedenkens sein, erklärte Bürgermeister Rolf Schumacher. Die Gemeinde bemühe sich, ihn in entsprechenden Zeitschriften zu veröffentlichen. Auch soll mit dem Haus der Alfterer Geschichte überlegt werden, wie man die Ergebnisse aufbereiten kann, etwa in einer Ausstellung oder mit einem Denkmal.

Die Gemeinde will den Zahlen auch Geschichten zuordnen können. Archivar Löffler forscht deswegen weiter: Er habe bereits Anfragen an das Archiv der AOK und an das Archiv in Bad Arolsen, das weltweit größte Archiv über die Opfer des NS-Regimes, geschickt. Wer Dokumente von damals hat oder Zeitzeuge ist und über seine Erlebnisse berichten möchte, kann sich beim Archivar melden. „Ein Projekt, für das die Zeit langsam knapp wird“, schließt Löffler seinen Bericht.

Archivar Jens Löffler: ☏ 0228/64-84-139 (nur montags), archiv@alfter.de.