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Interview mit Renate Zöller aus Hürth: „Symbol für die geborgene Kindheit“

Interview mit Renate Zöller aus Hürth : „Symbol für die geborgene Kindheit“

Weltweit sind 60 Millionen Menschen auf der Flucht, einige von ihnen suchen in Deutschland eine neue Heimat. Was macht das Heimatgefühl aus? Die Hürther Journalistin Renate Zöller hat Heimatlose, Heimatsuchende und Heimatexperten dazu befragt. Am Donnerstag liest die 45-Jährige in der Öffentlichen Bücherei Sankt Matthäus Alfter.

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Renate Zöller: Ich habe sechseinhalb Jahre in Prag gelebt und dort für die deutschsprachige Prager Zeitung gearbeitet. Eines Abends saßen wir zusammen und haben darüber gesprochen, was uns eigentlich aus Deutschland fehlt. Es war witzig, was wir für Versatzstücke aus unserer Heimat importiert haben, zum Beispiel Lakritze oder Dallmayr-Kaffee.

In Ihrem Buch beschreiben Sie, wie sich der Heimatbegriff historisch verändert hat. Welche Bedeutung hatte er früher?

Renate Zöller: Ursprünglich war es eine Bezeichnung für den Besitz, für ein Stück Land, das immer der älteste Sohn erbte, das aber auch an Verpflichtungen gekoppelt war, wie zum Beispiel die Eltern zu versorgen. Die Romantisierung der Heimat hat erst im 19. Jahrhundert begonnen. Dabei spielte die Industrialisierung eine große Rolle. Viele Menschen sind aus ihrem Dorf in die großen Städte gezogen und lebten dort teils in unbeschreiblicher Armut. Es gab Probleme mit der Wasserversorgung und mit Müll. In der Rückschau haben die Menschen das Dorfleben idealisiert. Heimat ist also erst zu einem Thema geworden, als die Gesellschaft mobil geworden ist.

In dieser Zeit entstand dann auch der Naturschutzgedanke. Wie hängt er mit dem Thema Heimat zusammen?

Renate Zöller: Im 19. Jahrhundert entstanden die Naturschutzbünde. Man hat erkannt: Die Industrialisierung macht die Natur, unsere Heimat, kaputt. Hitler hat die Errungenschaften der Naturschützer später missbraucht und sich auf die Fahnen geschrieben. Im Dritten Reich trat zum Beispiel das erste Tierschutzgesetz in Kraft, das aber schon lange vorbereitet worden war.

Wie wirkte sich das auf die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg aus?

Renate Zöller: Nach dem Krieg war der Begriff Heimat erst einmal verbrannt. Es gab eine Phase, in der er unter Intellektuellen verpönt war. Trotzdem gab es nach dem Krieg auf der emotionalen Ebene eine Rückbesinnung auf die Heimat, zum Beispiel gab es viele Heimatfilme. Die erste Verfilmung von „Heidi“ stammt etwa aus dem Jahr 1952.

Wie sieht es heute aus?

Renate Zöller: Der Begriff ist gespalten. Zum einen gibt es den Kitschbegriff, den „Heimathirsch“, der auch auf dem Cover meines Buchs abgebildet ist. Zum anderen gebraucht die rechte Szene den Begriff in ihrem Sinne. Aber auch im liberalen Milieu ist Heimat wieder total in. Der österreichische Bundespräsident Van der Bellen hat zum Beispiel damit geworben und sich gegen die rechtspopulistische FPÖ durchgesetzt. Heute können alle den Begriff vorurteilsfrei benutzen.

Hat sich der Begriff durch den Flüchtlingszustrom verändert?

Renate Zöller: Das Thema ist durch die Flüchtlinge wieder sehr aktuell geworden. Deutschland hat sich enorm verändert, viele Leute haben sich großartig für die Flüchtlinge engagiert. Auf der anderen Seite gibt es die AfD, die die Heimat wieder stärker abgrenzen will gegen andere. Für mich ist Heimat ein integrativer Begriff. Heimat hat keine Grenze. Neuankömmlinge sollten sich integrieren können.

Was brauchen Flüchtlinge, um bei uns heimisch zu werden?

Renate Zöller: Die Psychologin Beate Mitzscherlich sagt, drei Dinge sind wichtig: der „sense of community“, ein Gemeinschaftsgefühl, das sich zum Beispiel darin ausdrückt, dass man Nachbarn hat, die einen grüßen. Dann der „sense of control“: Das ist das Gefühl, die Dinge steuern zu können. Nicht monatelang in einer Flüchtlingsunterkunft herumzusitzen, sondern in einen Sportverein zu gehen oder zu arbeiten und auch Dinge zu verstehen, zum Beispiel das Schulsystem. Zum Dritten ist da der „sense of coherence“: Man hat den Eindruck, dass es Sinn macht, in Deutschland zu sein, dass man hier leben will und nicht woanders.

Einer Ihrer Gesprächspartner, Reinhard, wurde als Fünfjähriger mit seiner Familie aus Schlesien vertrieben und hat sich in Westdeutschland ein neues Leben aufgebaut. Trotzdem sieht er Schlesien immer noch als seine Heimat.

Renate Zöller: Ich bin mit Reinhard nach Schlesien gefahren. Nichts von dem, was er kannte, war noch da, nicht einmal der Friedhof, wo seine Mutter begraben ist. Trotzdem träumt er von dieser Landschaft. Sie ist das Symbol für die geborgene Kindheit, die er dort verlebt hat und die ganz abrupt endete. Reinhards Mutter starb kurz vor der Flucht an einer Lungenentzündung. Viele Leute setzen Heimat in der Kindheit an, in der Zeit, wo die Eltern alle Sorgen ferngehalten haben.

Sie haben aber auch mit Werner gesprochen, der Heimat ganz anders definiert...

Renate Zöller: Werner ist ein ehemaliger Wehrmachtssoldat, der mit 17 auf der Kanalinsel Sark stationiert war, sich dort verliebt hat und blieb. Er sagt: Heimat ist dort, wo Phyllis, meine Liebe ist. Gleichzeitig sagt er immer noch von sich, dass er total deutsch ist. Zum Beispiel findet er es unlogisch, dass die Engländer die Fenster immer nach außen aufmachen und man zum Fensterputzen ein Gerüst aufbauen muss. Da ist er ganz pragmatisch deutsch geprägt.

Sie selbst wohnen nach einigen Jahren im Ausland wieder in Hürth, wo Sie aufgewachsen sind. Was bedeutet Heimat für Sie?

Renate Zöller: Das ist eine böse Frage, denn je länger man sich mit dem Thema Heimat befasst, umso komplexer wird das Ding. Für mich liegt die Heimat nicht nur in der Vergangenheit. Es ist ein Ort, wo ich mit Menschen, die ich liebe, verbunden bin, sowohl in der Erinnerung als auch mit Zukunftsplänen. Ich bin damals nach Hürth zurückgegangen, weil ich das alte Fachwerkhaus meiner Oma geerbt habe. Das ist für mich wie ein Familienmitglied. Ich wusste auch: Wenn niemand einzieht, verkommt es. Und für mich ist das kleine Haus die perfekte Basis.