1. Region
  2. Voreifel & Vorgebirge
  3. Alfter

Integration im Rhein-Sieg-Kreis: Vom Flüchtling zum Mentor für Auszubildende in Alfter

Integration im Rhein-Sieg-Kreis : Vom Flüchtling zum Mentor für Auszubildende in Alfter

Vor fünf Jahren kam er als Flüchtling aus Guinea nach Deutschland. Jetzt hat Mammadou Diallo die Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann als einer der Besten in seinem Unternehmen abgeschlossen. Ein Bornheimer Ehepaar steht ihm zur Seite.

Feierabend. Mammadou Diallo kommt gerade von der Schicht im Supermarkt. Jetzt sitzt er, der vor fünf Jahren als Flüchtling aus Guinea nach Deutschland kam, auf der Terrasse von Norbert und Annelore Hilgermann in Bornheim-Merten. Die Sonne scheint, es ist Nachmittag und zum Glück noch Lasagne da. Diallo isst noch schnell, dann können wir reden – über die Geschichte, die den jungen Mann und das Ehepaar im Ruhestand verbindet.

Der Neu-Bornheimer Diallo hat kürzlich seine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann bei Edeka Mohr in Bonn abgeschlossen. Und zwar mit sehr gutem Notendurchschnitt, wie er erzählt. Laut seinem stellvertretendem Marktleiter Thomas Brauer hat Diallo sogar einen der besten Abschlüsse der Edeka-Regionialgesellschaft Rhein-Ruhr geschafft, deren Absatzgebiet nach eigenen Angaben ganz NRW umfasst. Nun wechselt Diallo in den Markt am Alfterer Herrenwingert, ausgestattet mit einem unbefristetem Arbeitsvertrag und einer besonderen Aufgabe: Für die Auszubildenden dort soll er künftig der Mentor sein. Brauer zufolge kann das auch ein Sprungbrett für eine Führungsposition sein. Während der Ausbildung sei Diallo sich für nichts zu schade und ein Vorbild für andere gewesen, sagt Brauer am Telefon.

Zu den wichtigsten Dingen gehörte, die deutsche Sprache zu lernen

Zurück auf der Terrasse in Merten. Wie groß die Leistung von Diallo einzuschätzen ist, weiß wohl kaum jemand besser als die Hilgermanns. Sie haben ihn fast von Anfang an auf seinem Weg in Deutschland begleitet. Die Flucht aus politischen Gründen – wie Diallo sagt – führte ihn von 2012 bis 2015 von Guinea über Marokko zunächst nach Spanien. Von dort aus gelangte er mit dem Bus zunächst nach Aachen, dann ging es für den Asylantrag weiter nach Dortmund, ehe es ihn in eine Bornheimer Flüchtlingsunterkunft verschlug. Seine Familie hat er seit der Flucht nicht mehr gesehen. Mit der Mutter telefoniert er lediglich. Warum Deutschland? Ein Bekannter aus Guinea, der auch in der Bundesrepublik lebt, habe ihm erzählt, dass man dort etwas erreichen könne. „Mich hat beeindruckt, mit welchem Biss er versucht hat, hier Fuß zu fassen“, sagt Annelore Hilgermann. So entschieden sie und ihr Mann sich dazu, Diallo zu unterstützen.

Zu den wichtigsten Dingen gehörte für Diallo, der mit Französisch aufwuchs, die deutsche Sprache zu lernen. Nach anfänglichen Deutschstunden bei der Bornheimer Flüchtlingshilfe gaben Hilgermanns ihm Privatunterricht bei sich zu Hause. „Ich hatte ein dickes französisches Lexikon“, erinnert sich die ehemalige Grundschullehrerin. Nur ein „paar Brocken“ Französisch habe sie sprechen können. Zudem hätten sie, erzählen Hilgermanns, Unterrichtsvideos der Deutschen Welle geschaut. „Er sprach kein Wort Deutsch“, blickt Norbert Hilgermann, ehemals Leiter der Glasfachschule Rheinbach und Vorstandsmitglied der Bornheimer Flüchtlingshilfe, auf die Anfangszeit zurück. Mit dem Unterricht sei man „Stück für Stück etwas weiter“ gekommen.

Kontakt zu Muttersprachlern hilft beim Deutschlernen

Diallo beschreibt die deutsche Sprache als für ihn „sehr schwer“. Um sie trotzdem möglichst schnell zu lernen, habe er nach dem Privatunterricht mit den Hilgermanns am Nachmittag noch mal an einem Deutschkursus teilgenommen. „Man muss versuchen, auszusprechen“, sagt Diallo. Mit Menschen aus seinem Heimatland, berichtet Diallo, habe er sich deshalb nur wenig getroffen, sondern den Kontakt zu den Deutschen gesucht. Vom Verein „Ausbildung statt Abschiebung“ in Bonn, das ist Diallo wichtig zu erwähnen, habe er zudem kostenlose Nachhilfe in Mathematik bekommen, die ihm ebenfalls sehr geholfen habe. „Als ich nach Deutschland gekommen bin, habe ich versucht, daraus etwas zu machen, weiter zu kommen in meinem Leben“, sagt Diallo mit Blick auf seine Motivation.

Bei Edeka, wo er zunächst als Praktikant begann, sei er nun „sehr, sehr“ zufrieden mit seinem Beruf. Besondere Freude bereite ihm die Arbeit mit den Kunden. „Stammkunden kommen rein und rufen mich mit Namen“, erzählt Diallo. Ein weiterer Aspekt, der ihm zu gefallen scheint, ist die Abwechslung, die der Job mit sich bringt. So habe er sowohl im Getränkemarkt als auch an der Fleischtheke schon Schichten übernommen.

Doch trotz des Privatunterrichts bei den Hilgermanns habe er bei der Arbeit am Anfang mit Sprachproblemen zu kämpfen gehabt. Einmal habe ihn ein Kunde nach Essig gefragt, er habe nicht gewusst, was das ist. „Aber das hat sich alles entwickelt“, blickt Diallo zurück. Dabei wäre Diallo vor der Ausbildung beinahe abgeschoben worden. Innerhalb von zwei Wochen hätte er Deutschland verlassen sollen. Doch die Chefin des Supermarkts habe ihm geholfen, einen Ausbildungsvertrag zu bekommen, der ihn vor der Abschiebung schützte. Zwar habe er dafür die Schule verlassen müssen, doch den Hauptschulabschluss habe er nun im Zuge der Ausbildung erlangt. Vor der Abschiebung schütze ihn vorläufig auch sein Arbeitsvertrag. Für einen Aufenthaltstitel fehlten ihm allerdings noch Papiere. Um diese bemühe er sich zurzeit. Seine Zukunft sieht Diallo auf jeden Fall in Deutschland. Er sei sehr bemüht, sich zu integrieren – sogar den Führerschein habe er gemacht.

Die Flüchtlingshilfe Bornheim trifft sich momentan nur digital, das nächste Mal am Mittwoch, 9. September, 19 Uhr. Über die E-Mail-Adresse info@fluechtlingshilfe-bornheim.de können Interessierte den Link zu einer Videokonferenz über das Programm „Zoom“ anfragen.