1. Region
  2. Voreifel & Vorgebirge
  3. Alfter

Durch Corona-Pandemie: Weniger Praktika und Jobs für Menschen mit Behinderung

Durch Corona-Pandemie : Weniger Praktika und Jobs für Menschen mit Behinderung

Die Initiative Inklusiver Arbeitsmarkt Alfter hilft seit 2015 dabei, Menschen mit Behinderung an den Arbeitsmarkt zu bringen. Durch die Pandemie ist die Herausforderung noch größer geworden, berichtet Mitgründerin Marie-Luise Hartung im Interview.

Seit 2015 unterstützt die Initiative Inklusiver Arbeitsmarkt Alfter Menschen mit Behinderung bei der Suche nach einem Praktikum oder einem Job – seit 2018 mit einem eigenen Beratungsangebot. Seitdem wurden drei Schützlinge in feste Arbeitsverhältnisse und 24 auf Praktikumsplätze vermittelt sowie mehr als 100 Beratungsgespräche geführt. Trotz Corona bot die Initiative 2020 noch 70 Einzelfallhilfen an. Wie die Pandemie sich auf die Initiative auswirkt und was ehrenamtliches Engagement für eine Kommune bedeutet, darüber sprach Mitgründerin Marie-Luise Hartung mit Susanne Träupmann.

Wie können Sie Menschen mit Behinderung und deren Angehörigen in Corona-Zeiten helfen?

Marie-Luise Hartung: Durch die Pandemie kann momentan leider nicht viel passieren. So konnten wir 2020 nur in wenigen Monaten persönliche Erstgespräche im Rathaus führen, wo wir einen Raum haben. Die meisten Gespräche laufen zurzeit übers Telefon. Das ist ausgesprochen schwierig für Menschen mit Behinderung, die den persönlichen Kontakt zum Gegenüber besonders nötig haben. Daher gehörten die meisten Ratsuchenden zu den sogenannten Alt-Fällen.

Konnten Sie in den vergangenen Monaten Praktika und Arbeitsstellen vermitteln?

Hartung: Durch Corona wurde die Suche eindeutig erschwert. Einige Unternehmen in Alfter und der Region kämpfen ums Überleben. Die haben momentan andere Sorgen, als sich mit mir über Inklusion und die Einstellung eines Praktikanten oder Arbeitssuchenden zu unterhalten. Trotzdem gibt es auch erfolgreiche Momente. So hat sich Marcel Haag als einer unserer Klienten im vergangenen Jahr einen Job auf eigene Faust gesucht und im Erlebnisbauernhof Gertrudenhof in Köln auch gefunden. Das Corona-Jahr hat uns schon zurückgeworfen.

Wie sieht denn Ihre Bilanz der ersten Jahre aus?

Hartung: Wir haben mit potenziellen Arbeitgebern, Institutionen und Einrichtungen ein gut funktionierendes Netzwerk aufgebaut, das bisher eher auf Alfter beschränkt war, aber in Zukunft verstärkt auf Bonn und den gesamten Rhein-Sieg-Kreis ausgedehnt werden soll. Denn um unsere Klienten unterzubringen, brauchen wir zusätzliche Unternehmen und Gewerbetreibende. Das Interesse ist da. Das haben wir auch in Bonn gemerkt, wo wir seit zwei Jahren aktiv sind. Wichtig ist uns bei der Vermittlung, dass die Entfernungen vom Wohn- zum Arbeitsort für die Jobsuchenden nicht zu weit sind.

Wie sieht die Beratung eines Klienten aus?

Hartung: Wir erstellen zunächst ein Profil, um die Kompetenzen des Betroffenen sichtbar zu machen. Eingebunden sind dabei stets die Institutionen des betreuenden Systems wie Lehrer und Ansprechpartner des Unternehmens. Das Anforderungsprofil des Praktikums muss den körperlichen und kognitiven Möglichkeiten des Suchenden entsprechen. Die eigentliche Herkulesaufgabe ist für uns allerdings die Anbahnung und das Herausfiltern der richtigen Firma. Denn der Betroffene soll sich im Unternehmen wohlfühlen. Auf der anderen Seite darf die Einstellung eines Menschen mit Handicap für den Arbeitgeber nicht mit zu viel Arbeit und Kosten verbunden sein.

Wie kam es 2015 zur Gründung der Initiative?

Hartung: Ich bin seit zehn Jahren bei den Freien Wählern in Alfter aktiv. Als wir unser Programm für die Kommunalwahl 2014 zusammenstellten, stand für uns die Integration von Menschen mit Behinderung ganz oben auf der Agenda. Dieses Thema durchzieht seit jeher wie ein roter Faden mein Leben. Seit meiner Kindheit habe ich mich immer für Menschen eingesetzt, die eine unverschuldete ungleiche Behandlung erleiden. Während meines Berufslebens habe ich versucht, Menschen mit Behinderung in einen Job auf den ersten Arbeitsmarkt zu vermitteln. Da mich Inklusion also schon immer beschäftigt hat, habe ich mich auch bei den Freien Wählern darum gekümmert.

Und daraus entstand die Initiative?

Hartung: Genau, eine private Initiative, die unabhängig, überparteilich und offen für jeden ist. Und ich freue mich, dass die wachsenden Aufgaben von immer mehr Männern und Frauen wahrgenommen werden, die sich neben Beruf und Familie ehrenamtlich engagieren wollen.

Sie sind seit Jahren parteipolitisch und für die Initiative tätig. Was bedeutet Ihnen ehrenamtliches Engagement?

Hartung: Das Ehrenamt gehört zu meinem Selbstverständnis. Ich möchte mich in meiner Umgebung dort einbringen, wo Bedarf besteht und wo ich meine Kontakte einbringen kann. Es bedeutet für mich Zugehörigkeit zur Kommune. Darüber hinaus kann ich durch diese Tätigkeit meine Kompetenzen erweitern.

Welche Anforderungen stellen Sie an Ihre ehrenamtlichen Mitstreiter?

Hartung: Im Wort Ehrenamt ist Ehre enthalten. Es sollte den Menschen klar sein, sich entsprechend zu verhalten – gegenüber den anderen Aktiven und unseren Klienten. Dazu gehören unter anderem Empathie, Reflektion der eigenen Entscheidungen und ein „Sich-Selbst-Zurücknehmen“. Die persönliche Anerkennung des Einzelnen sollte ausschließlich durch die Würdigung der Tätigkeit erfolgen. Die gegenseitige Rücksichtnahme im Team ist fundamental, denn nicht alle können gleichermaßen viel Zeit in unser Projekt stecken.

Die Initiative wird in diesem Frühjahr in einen Verein umgewandelt. Warum ist das für die Zukunft des Projekts wichtig?

Hartung: Die sieben Mitglieder für eine Vereinsgründung haben wir zusammen. Die Satzung steht. Wenn wir uns wieder treffen dürfen, kann an dem Tag der Verein aus der Taufe gehoben werden. Damit erhält unser Projekt einen festen Rahmen. Als Verein dürfen wir Fördergelder akquirieren und Spendenquittungen ausstellen. Dann können wir unser Beratungskonzept ausbauen und erweitern.

Wie lange werden Sie noch an der Spitze des Vereins stehen?

Hartung: Ich habe nicht vor, bis zu meinem 80. Geburtstag das Zugpferd zu sein. Wenn der Verein steht, möchte ich sukzessive die Leitung und die Beratung in andere Hände legen. Denn der Zeitaufwand ist beträchtlich und manchmal auch anstrengend.