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Bornheim: Politik ändert eigenen Beschluss zur Helene-Wessel-Straße

Politik ändert eigenen Beschluss : Ärger um geplante Helene-Wessel-Straße in Bornheim

Eigentlich sollte nach der Grundgesetz-Mutter Helene Wessel eine Straße in Bornheim benannt werden. Nun macht die Politik einen Rückzieher, aufgrund problematischer Äußerungen der Politikerin.

In Bornheim wird es doch keine Helene-Wessel-Straße geben. Zwar hatte der Haupt- und Finanzausschuss Ende Februar mehrheitlich beschlossen, in einem Roisdorfer Neubaugebiet eine Straße nach der Politikerin (1898-1969) zu benennen. Das soll der Stadtrat in seiner Sitzung am Donnerstag, 25. März, wieder rückgängig machen. Bürgermeister Christoph Becker sagte auf GA-Anfrage, dies habe mit Äußerungen Wessels zur Eugenik zu tun. Diese Äußerungen seien Politik und Stadtverwaltung erst nach der Abstimmung deutlich geworden, so Becker.

Im Hauptausschuss hatte nur Michael Lehmann (Linke) gegen die Helene-Wessel-Straße gestimmt. Er hatte auf die Äußerungen zur Eugenik hingewiesen, allerdings erst nach dem Beschluss zur Begründung seines Abstimmungsverhaltens, wie er dem GA sagte. Laut Becker soll der Prozess der Straßenbenennungen in Bornheim nun geändert werden. Es soll nun immer eine Recherche durch den Stadtarchivar geben. Die Namensvorschläge werden in der Regel von den Ortsvorstehern gemacht.

Vom Zentrum zur SPD

Wessel war von Oktober 1949 bis Januar 1952 Vorsitzende der Zentrumspartei, später war sie SPD-Mitglied. Sie war eine der vier Mütter des Grundgesetzes, die vier Frauen, die neben den 61 Männern des Parlamentarischen Rates 1948/49 das Grundgesetz für die BRD erarbeiteten. Letztlich lehnte Wessel das Grundgesetz in der Schlussabstimmung aber ab – unter anderem aufgrund der ihrer Auffassung nach unzureichenden Berücksichtigung christlicher Wertvorstellungen. In der Bornheimer Debatte geht es um Schriften der Politikerin aus den 20er und 30er Jahren.

Nachzulesen ist das in dem Buch „Opfer und Täterinnen. Frauenbiographien des Nationalsozialismus“, herausgegeben von der Historikerin Angelika Ebbinghaus. Wessel hatte sich Gedanken zu den Wohlfahrtskosten gemacht. Niemand, der die Wohlfahrtspflege kenne, könne leugnen, „daß ihre Mittel [...] zum großen Teil von Menschen in Anspruch genommen werden, die unter den biologischen und ethischen Begriff der Minderwertigkeit fallen“, zitiert Ebbinghaus Wessel.

Becker statt Weber

Laut Ebbinghaus machte sich Wessel immer wieder für ein sogenanntes Bewahrungsgesetz stark. Danach sollten bestimmte Menschen, die von der Fürsorge leben, zwangsweise in Anstalten untergebracht werden, notfalls gegen ihren Willen. Gemeint waren etwa Menschen mit einer geistigen Behinderung, aber auch in schwierigen sozialen Verhältnissen. Wessel habe mit „fürsorgerischen, sozialhygenischen und erbbiologischen Argumenten für die Kürzung der Fürsorgeausgaben im Interesse der gesunden deutschen Familie“ plädiert, so Ebbinghaus.

Bei der Abstimmung über die Straßenbenennung hätten nicht alle wesentlichen Aspekte zu Wessel vorgelegen, so Becker. Es herrsche aber nun Einmütigkeit, den Straßennamen zu ändern. Laut Becker gibt es den Vorschlag, die Straße nach Helene Weber (1881-1962) zu benennen. Die katholische Frauenrechtlerin war ebenso Mitglied der Zentrumspartei, später der CDU. Auch sie war eine Grundgesetz-Mutter.

Ehrengrab in Bonn

Helene-Wessel-Straßen gibt es etwa in Troisdorf und in Bonn, wo Wessel auch begraben liegt. Ihre Ruhestätte auf dem Bonner Südfriedhof ist seit 2010 ein Ehrengrab. Damals hatte die Stadt Bonn erklärt, obwohl Wessel als Mitglied der Zentrumspartei in der Weimarer Republik Forderungen der Eugenik unterstützte, sei sie fälschlicherweise „in die Nähe nationalsozialistischen Gedankenguts gerückt“ worden. Vielmehr sei sie eine „absolute Gegnerin des Nationalsozialismus“ gewesen, „auch wenn einige ihrer sozialpolitischen Vorstellungen keineswegs dem heutigen Menschenbild entsprechen“.