75 Jahre Grundgesetz, 30 Jahre EU Was Bornheimer über die demokratischen Errungenschaften denken

Bornheim · Bornheim feierte am Wochenende nicht nur 75 Jahre Grundgesetz, sondern auch 30 Jahre EU. Eine gute Gelegenheit, bei Alt und Jung einmal nachzuhören, was ihnen diese im Leben bedeuten.

Gemeinsam feiern die Bornheimer den 75. Geburtstag des Grundgesetzes und 30 Jahre Europäische Union.

Gemeinsam feiern die Bornheimer den 75. Geburtstag des Grundgesetzes und 30 Jahre Europäische Union.

Foto: Axel Vogel

Demo-Charakter mit Partystimmung, Live-Musik, Tänze und Texte zu Freiheit und Demokratie: So feierten die Bornheimer am Samstag auf dem Peter-Fryns-Platz 75 Jahre Grundgesetz und den 30. Geburtstag der Europäischen Union vom vergangenen Jahr.

Ein Signal, das Wahlrecht zu nutzen

„Zum ersten Mal treten gemeinsam Kinder und Jugendliche vom Kindergarten bis zum Gymnasiasten auf. So kurz vor den Europawahlen wollten wir vor allem jungen Leuten, die in diesem Jahr zum ersten Mal ab dem 16. Lebensjahr wählen dürfen, ein Signal geben, ihr Wahlrecht auch zu nutzen“, erklärte Anton Hanf, der gemeinsam mit Norbert Helding, Johanna Quandt und Alfons Fischer-Reuter die Veranstaltung mit Unterstützung der Stadt, der Bornheimer Bürgerstiftung und des Bornheimer Rotary Clubs auf die Beine gestellt hat. Ihr Vorbild war dabei die Aktion „Demo gegen Rechts“ in Kardorf, deren Organisation im Februar ebenfalls Bürger übernommen hatten. Hanf zeigte sich ausgesprochen zufrieden mit der großen Resonanz.

Vorbeieilende Passanten blieben stehen und feierten kurzerhand mit. Wie zum Bespiel die 80-jährige Ute Heck, die den Klängen der Musik gefolgt war. Noch während des Zweiten Weltkrieges geboren und in der Nachkriegszeit aufgewachsen, misst sie dem deutschen Grundgesetz eine stabilisierende Wirkung zu. „Ohne dieses würden wir im Chaos versinken und wären verloren“, sagte die Bornheimerin. Ihre Einstellung zur EU ist jedoch differenzierter. Sie sei ein Versuch, nach dem Krieg in Europa Frieden zu schaffen. Ob das auch weiterhin so bleibe, erscheint der Seniorin gegenwärtig ungewiss. „Da lasse ich mich von Jahr zu Jahr überraschen.“

Sich für das einsetzen, was wichtig ist

Für eine weitere Besucherin ist die EU eine tolle Einrichtung. Ihr Mann ist Franzose, die Familie, zu der auch der neunjährige Sohn gehört, lebt den europäischen Gedanken im Privaten. „Mir ist wichtig, dass wir als Europäer eine Gemeinschaft haben, und ich hoffe, dass das auch in Zukunft so gelten wird. Das Grundgesetz bietet mir die Freiheit, meine Meinung zu sagen und mein Leben so zu gestalten, wie ich das möchte“, stellte die Bornheimerin fest.

Die „Gleichheit der Menschen vor dem Gesetz“ nach Artikel drei des Grundgesetzes liegt der Europaschülerin Eva Jojade besonders am Herzen. „In der heutigen Zeit, in der Polarisierung und Hass zunehmen, sehen wir, wie wichtig es ist, diese Werte zu verteidigen. Populistische Strömungen und autoritäre Tendenzen stellen eine Gefahr für die Demokratie dar“, ist sich die 17-Jährige sicher. Das konnte die Gleichaltrige Fenja Heimann nur unterstreichen. Die Abiturientin des Alexander-von-Humboldt-Gymnasiums Bornheim, die bei der Europawahl im Juni zum ersten Mal wählen wird, appellierte vor allem an die Jungwähler, von ihrem Wahlrecht Gebrauch zu machen: „Wir wählen unsere Zukunft. Wenn alle wählen gehen, können wir uns gegen rechts vereinen. Wir müssen uns dafür einsetzen, was wichtig ist.“

Bürgermeister Becker: Pflicht, das Grundgesetz zu verteidigen

Das fand auch Bürgermeister Christoph Becker. Entstanden sei das Grundgesetz als Gegenentwurf zur nationalsozialistischen Unrechtsherrschaft, damit „es in Deutschland nie wieder eine Diktatur gibt, damit von unserem Land nie wieder ein Holocaust verübt wird und nie wieder ein Krieg ausgeht. Das dürfen wir nie vergessen. Es ist unsere Pflicht als demokratische Staatbürgerinnen und Staatsbürger, das Grundgesetz zu verteidigen.“ Die Europäische Union bezeichnete Becker als eines der größten Friedensprojekte der Menschheit, mit dem es gelungen sei, einen bis dahin kriegerischen Kontinent über 70 Jahre zu befrieden. Dem können Mateusz Miatkowski und Sebastian Vieten nur zustimmen. Vieten war gekommen, weil seine dreijährige Tochter mit ihrer Kita auf der Bühne stand. Für beide Männer liegen die Vorteile der EU mit Reisefreiheit und gemeinsamer Währung auf der Hand. „Gerade für mich als gebürtigen Polen überwiegen im wirtschaftlichen Bereich die Vorteile“, sagte Miatkowski.

Feiern mit Flaggen, Texten und Info-Ständen

Am 23. Mai 1949 trat das Grundgesetz (GS) in Kraft, der Vertrag von Maastricht, der den Staatenbund Europas begründete, gilt seit dem 1. November 1993. Beim Bornheimer Fest sollten die Besucher kurz vor der Europawahl am 9. Juni noch einmal auf die Bedeutung des Staatenbundes hingewiesen werden. Um mit dem einen oder anderen Besucher ins Gespräch zu kommen, waren auch die Ratsfraktionen am Rande des Platzes mit Ständen vertreten. Die Kinder der Kindertageseinrichtung „Regenbogen“ trugen Europaflaggen in den Händen und sangen für die Kinder der Welt. Schüler der Nikolaus Grundschule, der Europaschule und des Alexander-von-Humboldt-Gymnasiums (AvH) gaben Statements zu Freiheit, Wahlen und Demokratie ab.

Der Text „Grundgesetz“ des Herseler Kabarettisten Bernd Stelter regte das Publikum ebenso zum Nachdenken an wie die „Zehn Regeln für Demokratie-Retter“ von Jürgen Wiebicke. Für Feierstimmung sorgten unter anderem Michael Kuhl mit einer neu komponierten Europa-Hymne und die Brass Band Druckluft.

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