1. Region
  2. Voreifel & Vorgebirge
  3. Bornheim

Musik: Bornheimer Jazzer lässt sich von der Müllabfuhr inspirieren

Musik : Bornheimer Jazzer lässt sich von der Müllabfuhr inspirieren

Der junge Herseler Jazz-Pianist Nicklas John stellt sein erstes Soloalbum „Daheim“ vor. Inspiration fand er dafür in Beethoven, den Bläck Föös und der ecuadorianischen Müllabfuhr.

Die Überlegung, was Beethovens „Freude schöner Götterfunken“ mit „Drink doch ene met“ von den Bläck Fööss verbinden könnte, brachte den Jazzpianisten Nicklas John (23) dazu, seinem ersten Solo-Album den Titel „Daheim“ zu geben. „Es ist ja eher untypisch“, sagt John schmunzelnd, „am Ende eines Studiums direkt ein Solo-Album zu veröffentlichen.“

Doch der coronabedingte Ausfall von Konzerten und Auftritten, von Präsenzunterricht an der Essener Folkwangschule und die Möglichkeit, monatelang im Essen-Werdener Bürgermeisterhaus an einem Steinway-Flügel üben zu können, brachten den in Hersel aufgewachsenen John zu der selten frühen Veröffentlichung seiner eigenen Kompositionen und Arrangements.

„Ohne Carsten Link würde es die CD gar nicht geben“, so John bescheiden. Link hörte als Leiter des Bürgermeisterhauses, einer klassizistischen Villa in Essen, die sich als „Kulturwohnzimmer der Ruhrmetropole“ bezeichnet, den jungen Jazzmusiker üben und schlug ihm vor, dort unter professionellen Bedingungen eine CD aufzunehmen.

Karneval bedeutet für ihn Heimat

Das Hauptaugenmerk dieses Veranstalters liegt auf jungen, noch unentdeckten Talenten, deren Qualitäten so überzeugend sind, dass man sie oftmals einige Jahre später im Rahmen des Klavierfestivals Ruhr wiederfindet. „Das war natürlich eine Luxussituation für mich“, beschreibt John die Möglichkeit, dort von März bis September an seinen Aufnahmen arbeiten zu können.

Entstanden ist ein hörenswertes Solo-Album mit neun Titeln, die Eigenkompositionen, Improvisationen und Arrangements von Melodien oder Themen sind. Es seien vor allem die Karnevalstage im Vorgebirge gewesen, die für John eine tiefe Heimatverbundenheit ausmachen, sagt er zu seiner Improvisation über das zur Hymne gewordene Trinklied der Bläck Fööss.

Er erinnert sich gerne an seine Schulzeit am Alexander-von-Humboldt-Gymnasium, von wo aus er die Züge und Zelte im Vorgebirge besucht hat. Auch dürfte sein dortiger Musiklehrer Thomas Schwagers maßgeblich an Johns Werdegang beteiligt gewesen sein: Er empfahl dem damals 13-jährigen Klaviertalent die Kölner Jazzpianistin Laia Genc als Lehrerin und bewies damit Weitsicht. Bis zum Vorspiel an der begehrten Essener Kunsthochschule war sie seine musikalische Mentorin.

Ausleindseinsatz bei „Musiker ohne Grenzen“

Da hatte er sein Abitur in Bornheim bereits bestanden und ein halbes Jahr Auslandseinsatz bei „Musiker ohne Grenzen“ in Ecuador hinter sich. Davon erzählt auch der zweite Titel auf seiner CD, „Canción de la basura“. Der Jingle der ecuadorianischen Müllabfuhr, der immer erklang, wenn man seinen Müll auf die Straße bringen musste, habe ihn monatelang genervt, bemerkt John lächelnd im Rückblick.

Heute ist seine Improvisation darüber ein Teil seiner Daheim-Ennealogie geworden. Genauso wie die Eigenkomposition „Champy“. So heißt der „superentspannte Hund“, dem John auf seinem Weg in die Hochschule nahezu täglich begegnet. „Den fand ich immer schon supercool.“

Mit ähnlichen Worten beschreibt John auch seine Beziehung zum Jazz. Er sei nicht nur cool, sondern für ihn auch pure Lebensfreude. Er könne sich kaum etwas anderes für sich vorstellen, als diese Musik zu machen. Vermutlich war es bei seinen in Hersel lebenden Eltern, die beide ausgebildete Gesangspäda­gogen sind, nicht anders. Ihnen hat John den Track „Song for my parents“ gewidmet. „Ich habe das Stück ganz im Sinne einer klassischen Jazz-Ballade komponiert und mir dabei vorgestellt, wie Jazz klingen muss, damit er ihnen gefällt.“

Auch Bach ist Teil des Albums

Im Gegensatz zu seiner Generation sei die seiner Eltern doch wesentlich strenger durch die Klassik geprägt. Dass allerdings auch er eine Begeisterung für die Musik von beispielsweise Johann Sebastian Bach teilt, werden diejenigen feststellen, die in Johns Improvisation „Nun ruhen alle Wälder“ den Bach’schen Choralsatz wiedererkennen.

Auch dieses Klassik-Zitat ist eine Bestätigung von Johns Heimatgefühlen, die mit Beethovens 4. Satz seiner 9. Sinfonie zu einem vorläufigen Höhepunkt auf der CD kommen, deren Ende die Verehrung seiner neuen Heimat mit einer Komposition über das „Steigerlied“ bildet. „Neben dem spannenden Kulturwandel, der durch das Ende des Kohlebergbaus herbeigeführt wurde, berührt mich hier vor allem der Zusammenhalt und die Menschlichkeit, den die Bergbau-Kumpels leben“, sagt Nicklas John. Das Album in der Corona-Zeit zu machen, sei für ihn super wichtig gewesen, sagt er und sieht positiv in die Zukunft.

Wer sich einmal für das Künstlerleben entschieden habe, wisse, dass sich vieles ergibt, was man gar nicht planen könne. So sei ja auch die CD nicht seine Idee gewesen. Jetzt habe sie einiges in Bewegung gebracht. Das Feedback sei bereits sehr gut. Er ist überzeugt davon, dass sich vieles zum Guten weiterentwickeln könne. „Glück auf!“, wie es dazu in seiner neuen Heimat heißt.

Die CD „Daheim – Nicklas John Solo Piano“ ist auf Spotify zu hören oder beim Künstler für 15 Euro (plus 3,50 Euro Versand) über www.nicklasjohn.de zu bestellen.