150 Jahre MGV Kardorf : Die Mitgliedschaft kostete einen Stundenlohn

Der MGV Liederkranz Kardorf feiert sein 150-jähriges Bestehen und ist auf der Suche nach Tenören und einem neuen Chorleiter.

„Bitte der nächste Sänger zur Bühne zwecks Liedervortrag“: An diese Ansage von Josef Henseler, einstmals Vorsitzender des Männergesangvereins Liederkranz Kardorf, erinnern sich der heutige Vorsitzende Norbert Sigwarth und der aktuelle Chorleiter Herbert Gatz noch gut. Lange ist das her, viel ist seitdem passiert, aber den MGV, den gibt es immer noch. Und zwar seit inzwischen 150 Jahren: Das imposante Jubiläum feiern die Mitglieder am Sonntag.

Der MGV Kardorf besteht 150 Jahre
Foto: Stefan Knopp

Es mag sein, dass damals zu Josef Henselers Zeiten die Zahl der Sänger noch größer war. Heute zählen sich laut Sigwarth 28 Herren zu den Aktiven, aber einige seien schon zu alt, so dass man meistens mit 20 arbeite. Das war zur Gründungszeit ganz anders: Unter der Urkunde, die am 15. September 1871 verabschiedet wurde und zum Glück erhalten geblieben ist, stehen 47 Namen.

Der MGV Kardorf besteht 150 Jahre
Foto: Stefan Knopp

Lieder für die Kriegsheimkehrer

Der Gesangverein entstand unter dem Eindruck des deutsch-französischen Krieges 1870. Aus Kardorf folgten 50 junge Männer dem Ruf zu den Waffen – bei damals 400 Einwohnern eine hohe Quote. Der Feldzug endete für die deutsche Seite erfolgreich, allerdings kehrten sechs Kardorfer nicht zurück. Man wollte den Kriegsheimkehrern bei der Siegesfeier, die das Dorf ausrichtete, mit Liedern eine Freude bereiten. Diese Idee war der Impuls zur Gründung des MGV.

Der Enthusiasmus, diesen Liederkranz zu gründen, lässt sich auch daran ablesen, dass so viele bereitwillig einen monatlichen Mitgliedsbeitrag von zweieinhalb Silbergroschen zahlten. „Das war ein guter Stundenlohn“, sagt Sigwarth. Strafzahlungen waren noch happiger: Laut Satzung musste man für einen Vereinsaustritt 15 Silbergroschen zahlen, für einen Wiedereintritt sogar das Doppelte. Ungeachtet der militärischen Vorgeschichte waren die ersten Lieder, die einstudiert wurden, überwiegend nicht von patriotischer Natur: Man wollte lieber über erfreuliche Themen singen.

Helmut Brühl war 69 Jahre Chorleiter

Es folgte eine Zeit, in der man sich etablieren musste, bevor es die ersten großen Konzerte gab. Dann kamen zwei Weltkriege, nach denen man sich erst wieder sammeln musste, und 1971 eine große Feier zum 100-Jährigen. Da leitete Helmut Brühl schon seit elf Jahren den MGV. „Mit 17 Jahren hat er angefangen.“ Eine großartige Geschichte: Erst 2019 wurde er aus dem Amt verabschiedet. „Da war er 69 Jahre lang durchgehend Chorleiter“, so Sigwarth. Brühl war damals der dienstälteste Leiter eines Männergesangvereins in ganz Deutschland. Er kommt am Sonntag ebenfalls zur 150-Jahrs-Feier.

Es war immer eine gute Gemeinschaft, sagen Sigwarth und Gatz. Sie erinnern sich an Chorfahrten nach Bamberg, Straßburg, Paris, man trank im niedersächsischen Bassum, wo man einen befreundeten Verein besuchte, auf einer Bootsfahrt dem Kapitän die Biervorräte weg. Für Sigwarth war der Höhepunkt 1996 das Weihnachtskonzert mit Olivia Molina: Die deutsch-mexikanische ehemalige Schlagersängerin tritt regelmäßig in Deutschland auf, um ihren Verein für Straßenkinder in Lateinamerika zu unterstützen.

Konzert mit Olivia Molina

Der MGV durfte die von ihr komponierte „Misa latinoamericana“ begleiten. Den Kontakt hatte der damalige Bürgermeister und Mitsänger Wilfried Henseler geknüpft – er hatte die Sängerin im Urlaub zufällig am Strand getroffen. Sie sei direkt auf die Idee eines gemeinsamen Konzertes angesprungen, so der heutige Vorsitzende.

Mit den Problemen, mit denen Chorleiter Gatz heute zu kämpfen hat, wäre ein solches Konzert nicht mehr möglich. Er und Sigwarth gehören mit Anfang 70 zu den Jüngsten im Verein, das macht sich stimmlich bemerkbar. Schwerer wiegt aber, dass man zu wenige Tenöre hat. „Wir haben viele Bässe, aber es fehlen die Oberstimmen“, so Gatz. Deshalb würde er als zweiter Tenor sich lieber wieder bei den Sängern einreihen – dass er den Chor leitet, ist eine Übergangslösung, nachdem der MGV mit Brühls Nachfolger leider nicht warm geworden war. „Die Chemie sollte stimmen.“ Und nicht zuletzt kann Gatz mit den Herren keine neuen Lieder einstudieren. Er könne nicht mehr Klavier spielen, aber das brauche man dafür. Man greift auf Bewährtes zurück, wenn man in Gottesdiensten oder bei sonstigen Veranstaltungen singt.

Der Chor ist überaltert

Wie es weitergeht, können die beiden nicht einschätzen. Trotz des Altersdurchschnitts der Mitglieder macht man sich keine Sorgen um die Zukunft. Vom Chorvolumen her funktioniere dieser Chor aber, sagt Gatz. Es müsse aber eben ein richtiger Leiter her.

Wer deshalb Interesse hat, mal reinzuschnuppern und mitzusingen oder sich als Leiter zu versuchen, kann jederzeit zu den Proben kommen: Der MGV trifft sich jeden Freitag ab 19.30 Uhr in der Gaststätte Zum alten Bahnhof an der Pappelstraße 2. „Wir sind über jeden Sänger froh“, sagt Gatz. Ganz besonders natürlich über Tenöre.