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Gebärdensprache: Eine Augenbraue kann entscheidend sein

Gebärdensprache : Eine Augenbraue kann entscheidend sein

Bei der Gebärdensprache kommt es auf feine Nuancen an. In der Bornheimer Volkshochschule lernen Interessenten die Kunst, mit Mimik und Händen zu sprechen.

Es sieht schon ungewöhnlich aus, wie Stefan König seine Gedanken über seinen Körper ausdrückt. Die Blicke der Teilnehmer am Kursus "Deutsche Gebärdensprache 1" der Volkshochschule Bornheim/Alfter zieht er jedenfalls sofort auf sich.

Die sieben Teilnehmer, selbst nicht gehörlos, verfolgen nicht nur die Gebärden ihres gehörlosen Dozenten, sondern lauschen auch der Gebärdendolmetscherin, die sie in Laute übersetzt. Bastienne Rehe ist nur in der ersten Sitzung dabei - um den in der Gebärdensprache unkundigen Lehrlingen den Einstieg zu erleichtern.

Eva Pfeil ist eine von ihnen. Sie muss sich im Verlauf ihres Studiums der Körperbehinderten- und Schwerhörigen-Pädagogik mit der Gebärdensprache vertraut machen. Später wird sie dann vielleicht einmal eine Schulklasse mit Gebärdensprache in Geographie unterrichten. Sie hat den anderen etwas voraus, stellt sich über die Gebärdensprache ihrem Dozenten vor. "Meine Kusine studiert das Gleiche, sie hat mir schon ein bisschen gezeigt", erklärt sie ihren Wissensvorsprung.

Gisela Gouriou hat private Gründe, den Kurs zu besuchen. Die Rentnerin hat eine gehörlose Freundin, mit der sie sich gerne ohne Zettel und Stift unterhalten möchte. "Ich wollte das schon immer verstehen. Schon beim Beobachten einer Gruppe Gehörloser im Zug hätte ich zu gerne gewusst, was die da reden", sagt sie.

Die Gebärdensprache ist keine in Gebärden gefasste Darstellung der deutschen gesprochenen Sprache, sondern eine eigenständige Sprache, die von Grund auf gelernt werden muss. Damit die Kommunikation funktioniert, gilt es, Sprachtechnik, Ausdruck und Grammatik zu beherrschen. Das stellen auch die Kursteilnehmer fest, die sich erst noch auf den Rollenwechsel vom Zuhörer zum Zuschauer einlassen müssen.

Nur durch die Hilfe der Dolmetscherin erfahren sie, dass Stefan König von Beruf Bauzeichner ist. Er wurde gehörlos geboren und hat daher noch nie ein menschliches Wort oder sonst irgendein Geräusch über seine Ohren wahrgenommen. Auf dem Schulhof hat er später die Gebärdensprache von anderen Kindern gelernt und so, wie etwa 80 000 andere Gehörlose in Deutschland auch, einen Weg gefunden, sich auszutauschen und mitzuteilen.

Mit ständigem Blickkontakt zum Gebärdenden übersetzt Rehe, dass König nebenberuflich EDV-Kurse, Firmenschulungen oder Kurse in Digitalfotografie für Gehörlose an der Volkshochschule in Köln abhält. Hörende Menschen lehrt er die Gebärdensprache anhand eines von der Universität Aachen entwickelten Unterrichtskonzepts namens "Fliegende Hände".

Wie viele Gehörlose empfindet auch König sein scheinbares Defizit nicht als Behinderung: "Gebärdensprache ist meine Muttersprache. Ich habe meinen Alltag eben ohne Gehör zu bestreiten, und das klappt gut", teilt er mit. Zum Beispiel ein Lichtblitz als Klingel oder E-Mail, SMS und Fax haben das alltägliche Leben für Gehörlose einfacher gemacht.

König bietet den Seminarteilnehmern das Du an und fügte gebärdend mit einem Lächeln hinzu: "Ihr müsst dieses Angebot annehmen, da es in der Gebärdensprache wie im Englischen kein Sie gibt." Widerspruch gibt es nicht, und so beginnt König, die neun Grundelemente der Deutschen Gebärdensprache (DGS) zu erklären, die er mit einem Projektor an die Wand geworfen hat.

Anstelle von Buchstaben existieren in der Gebärdensprache Aspekte und Parameter. Das sind die verschiedenen Handstellungen und Handformen, aus deren Abfolge eine Gebärde entsteht. Ändert der Sprecher die Handstellung bei einer Gebärde, so verändert sich auch die Bedeutung, genauso wie sich die Änderung eines Buchstaben auf die Bedeutung eines Wortes auswirkt (zum Beispiel "Haus" und "Maus").

König verdeutlicht die Vielseitigkeit der Gebärdensprache an dem Beispiel der unterschiedlichen Bedeutungen des Wortes "Verstehen". Die Mimik ist hier mit der Funktion der Betonung in der oralen Sprache zu vergleichen. Kopf nicken und die Augenbrauen hochziehen ("Habe verstanden") bedeutet das Gegenteil von Kopf schütteln und Augenbrauen runterziehen ("Habe nicht verstanden"). Möchte man mit der Gebärdensprache fragen, ob das Gegenüber etwas verstanden hat, so zieht man die Augenbrauen hoch und den Kopf leicht nach oben.

Erstaunt über das ausgeklügelte Gebärdensystem blickt sich Renate Knäbel zu ihrem Mann Fred um, und beide scheinen sich einig zu sein: Das lohnt sich zu lernen. Renate Knäbel ist seit einer Erkrankung schwerhörig und leidet unter der Anstrengung, andere über den geschwächten Hörsinn verstehen zu müssen. "Ich habe Angst, dass es noch schlimmer wird und ich irgendwann gar nichts mehr höre. Außerdem wäre es für mich eine große Hilfe, wenn mein Mann und ich über die Gebärdensprache mein Gehör entlasten könnten", erklärt sie die Hoffnungen, die sie mit dem Kursus verbindet. Für ihren Mann ist es keine Frage mitzumachen: "Schließlich möchte ich mich auch in den nächsten Jahren noch mit meiner Frau unterhalten können."

Weitere Informationen sowie Anmeldung: Gebärdensprache an der Volkshochschule Bornheim/Alfter - 0 22 22/ 94 54 60.