Interview mit Achim Bursch „Jede Glocke ist ein Unikat“

Bornheim-Dersdorf · Achim Bursch aus Dersdorf ist passionierter Beiermann und wenn er die Glocken einer Kirche mit Hilfe der Klöppel von Hand zum Klingen bringt, kann ein ganzer Ort dabei zuhören.

 Achim Bursch zu Besuch in Verviers an der Weser im Jahr 2014 anlässlich eines Konzerts mit Glocken eines Privatmanns.

Achim Bursch zu Besuch in Verviers an der Weser im Jahr 2014 anlässlich eines Konzerts mit Glocken eines Privatmanns.

Foto: Privat

Herr Bursch, Anfang September beiern Sie in der belgischen Stadt Verviers. Wie ist der Kontakt entstanden?

Achim Bursch: Als Glockenkundler und Beiermann bin ich seit 2009 Mitglied im Wallonischen Glockenverein. In ihm habe ich Marie-Madeleine Crickboom, die Glockenspielerin der Kirche Notre-Dame des Récollets in Verviers, kennengelernt. Sie kam mit dem Wunsch auf mich zu, das Beiern, das bis zum Zweiten Weltkrieg in ihrer Heimatstadt eine lange Tradition besaß, wiederzubeleben.

Wodurch wurde die Tradition unterbrochen?

Bursch: Im Jahre 1943 wurden vier Glocken von Saint Remaclus in Verviers, ähnlich wie in vielen anderen Orten auch, auf Anordnung der deutschen Nazi-Besatzung abgenommen, abtransportiert und zu Rüstungszwecken in Hamburg eingeschmolzen. Damit ist die Tradition des Beierns in Verviers praktisch zunichtegemacht worden.

Was werden Sie Ihren Zuhörern bieten?

Bursch: In Verviers werden Beierrhythmen aus dem Vorgebirge zu hören sein, beispielsweise der „Breniger Bamm“ und das „Hemmericher Kirmeslied“. Darüber hinaus wird live aus dem Glockenturm auf eine Leinwand übertragen, sodass die Besucher das Beiern nicht nur hören, sondern auch sehen können.

Bursch: Das Beiern ist eine Läutesitte, bei der die Glocken grundsätzlich nicht bewegt werden. Ihre Klänge entstehen entweder durch ihr Anschlagen mit Holzhämmerchen oder durch das Anschlagen ihrer Klöppel an nur je einer Seite der Glockenwandung, in der Regel durch am Klöppel befestigte Seile. Da meistens drei Glocken gebeiert werden, kommt es beim Beiern musikalisch wesentlich auf den Rhythmus an. Dagegen steht beim Glockenspiel nicht der Rhythmus, sondern die Melodie im Vordergrund. Daher ist das Beiern ein besonderes immaterielles kulturelles Erbe, das unbedingt lebendig erhalten werden sollte.

Würden Sie sich denn als Musiker bezeichnen?

Bursch: Ja, unbedingt, denn Glocken sind ja Musikinstrumente. Faszinierend finde ich, dass jede Glocke ein Unikat ist, weil keine wie die andere klingt. Dementsprechend hört sich auch ein- und derselbe Beierrhythmus in jeder Kirche anders an.

Haben Sie ein Lieblingsgeläut?

Bursch: Im Vorgebirge sind das Breniger und das Hemmericher Geläut meine Lieblingsgeläute. Die Bronzeglocken dieser beiden Geläute wurden alle lange vor dem Ersten Weltkrieg hergestellt.

Musiker müssen regelmäßig üben. Wie stellt man das an, wenn das ganze Dorf mithört?

Bursch: Anfänger können etwa mit drei unterschiedlich gefüllten Wassergläsern das rhythmische Anschlagen üben. Richtig erlernen kann man die Technik aber nur praktisch vor Ort im Glockenturm. Dazu können Sondertermine angesetzt werden. In der Regel wird zu besonderen kirchlichen Festanlässen gebeiert: an den Wochenenden von Ostern bis Pfingsten, an Fronleichnam und am Patronatstag der Kirche.

Wie steht es in der Beiertradition um den Nachwuchs?

Bursch: Derzeit bilde ich in Sankt Aegidius zu Hemmerich einen Messdiener zum Beiermann aus. Weitere Messdiener habe ich dort angesprochen und in den Kirchturm eingeladen. Einige von ihnen äußerten den Wunsch, das Beiern zu lernen. Das hat mich hoch erfreut, zumal sie schon aktiv Talent bewiesen haben. Ihr Dabeibleiben würde ich ebenso lebhaft begrüßen wie interessierte Neulinge. Denn leider ist die Zahl der Mitstreiter eher rückläufig.

Was hat Sie selbst derart am Beiern fasziniert, dass es für Sie – in Verbindung mit der Glockenkunde – zu einer Passion geworden ist?

Bursch: 1984 habe ich in Hemmerich zum ersten Mal beim Beiern zugehört. Als ich älter wurde, nahm mich mein Vater mit in den Dersdorfer Glockenturm und bildete mich aus. Glocken sind nicht nur Instrumente, sondern auch denkmalwerte Kulturgüter. Man kann sie unter vielen Aspekten untersuchen: Alter, Herkunft, Material, Inschriften und die Musik einer Glocke in Erfahrung zu bringen und ihre Geschichte zu recherchieren, reizt mich ständig.

Dann steuern Sie sicher in jedem Ort, den Sie besuchen, zuallererst die Kirche an?

Bursch: So ist es oft. Als mich kürzlich eine Reise nach Quedlinburg in Sachsen-Anhalt führte, ergab sich dort jedoch ein ganz seltenes und tolles Erlebnis: An der Aegidienkirche las ich zufällig das Schild „Leute zum Läuten“ gesucht. Das ließ ich mir nicht zweimal sagen und brachte gemeinsam mit dem ehrenamtlichen Glöckner die tontiefste Glocke Quedlinburgs per Seilzug zum Schwingen. Diese Glocke wiegt über zwei Tonnen und ist in der Tonlage b° mit der größten Glocke des Bonner Münsters vergleichbar.

In welchen Fragen kann man Sie als Glockenkundler zurate ziehen?

Bursch: Wenn es um Glockenklang, Klöppelaufhängung, Schallfenster oder optimale Gestaltung einer Glockenstube geht, kann ich sicher weiterhelfen. Aber auch bei der historischen Einordnung bin ich gerne behilflich.

Das Beiern der Glocken von Saint Remacle in Verviers, Place Sainte Remacle, findet am Sonntag, 3. September, ab 15 Uhr statt.

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