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In Walberberg für das Leben lernen: Visionen für die Zukunft

In Walberberg für das Leben lernen : Visionen für die Zukunft

Die Bildungsarbeit an der Jugendakademie Walberberg kommt auch durch Corona nicht ins Stocken. Wir erklären, wie das funktioniert?

„Die Jugendakademie passt wunderbar in unser Konzept“, sagt Marny Schröder. Sie ist gerade dabei, die Abreise der Jugendlichen und jungen Erwachsenen des einwöchigen Feriencamps mit dem Titel  „Berufsorientierung mal anders“ (BOOM) abzuwickeln. Coronabedingt konnten nur 17 der geplanten 40 jungen Erwachsenen teilnehmen. Sie zählen aber zu den rund 2500 Gästen jährlich, die die Jugendakademie Walberberg (JAW) aufsuchen. Weitere 2500 junge Menschen besuchen das idyllisch am Vorgebirgshang gelegene Tagungshaus als Teilnehmer der Seminare der Akademie. In den 90 Betten in den verschieden Zimmern gab es im vergangenen Jahr rund 17 000 Übernachtungen. Wegen der Pandemie dürfte sich diese Zahl in diesem Jahr halbieren.

„Ich freue mich total darüber, wie sehr die Jugendakademie unsere Projektarbeit unterstützt“, sagt BOOM-Teamleiter Marius Mertens, der zum ersten Mal nach Walberberg gekommen ist. In dem von ihm mitbetreuten Projekt können Jugendliche während einer Woche mit unterschiedlichen Angeboten ihre eigene Vision einer beruflichen Zukunft entwickeln. Über praktisches Tun bekommen sie die Möglichkeit, ihre Stärken und Fähigkeiten im Bezug auf eine umfassende Nachhaltigkeit auszuprobieren und eigene Ideen zu entwickeln.

Unterstützt werden die jungen Leute von erfahrenen Teamleitern und Handwerkern. Am Ende der Projektwoche kann sich die Akademie freuen, dass die Teilnehmer ihre aus Holzabfällen und Autoreifen gefertigten Möbel auf der „Chill-Terrasse“ des Hauses zurücklassen. Die Beschäftigung mit dem Upcycling von Möbeln, dem Verarbeiten von ausgedienten Fahrradschläuchen oder Bannern zu neuen Produkten oder auch das Lernen von einem verantwortungsvollen Umgang mit natürlichen Ressourcen bei einer Kräuterwanderung habe den Teilnehmenden laut Schröder eine Vielzahl von Anregungen gebracht, die in ihre spätere Berufswahl einfließen können.

„Wir möchten die heranwachsende Generation in ihren Gestaltungsmöglichkeiten einer nachhaltigen Zukunft bestärken“, fügt Mertens hinzu und freut sich über den Raum, den die Teilnehmenden dazu in Walberberg bekommen haben. Hier werde Nachhaltigkeit nicht nur gelebt, sondern sei auch spürbar tief verwurzelt. „Das Thema ist hier sehr präsent und authentisch“, lobt Schröder die JAW. Sie arbeitet für die Frankfurter Provadis-Gruppe, die als Bildungsanbieter und Fachkräfte-Entwickler der Industrie die das Tagungshaus bucht. So lässt sich auch deren Programm, „eigene Visionen für die Zukunft zu entwickeln“, bis zu den Anfängen der Akademie zurückführen.

Als 1964 die Dominikanische Frauengemeinschaft als Träger in Walberberg eine außerschulische Jugendbildungsstätte ins Leben rief, hatte die Gründer das Elend der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft, den Krieg, den Rassenhass und das millionenfache Morden an Juden, Roma, Homosexuellen und Regimegegnern hautnah noch miterlebt. So wurde die Bemühung um die Versöhnung ehemals verfeindeter Nationen und die Suche nach Möglichkeiten eines friedlichen Zusammenlebens der Menschen und der Völker zu einem wesentlichen Ziel ihrer Bildungsarbeit. 1973 gründete sich dann der eigenständige Verein Jugendakademie Walberberg, der ein Jahr später als Träger der freien Jugendhilfe anerkannt wurde. Damals wie heute sind in der Akademie ausnahmslos alle Jugendlichen und jungen Erwachsenen willkommen, die an einem Austausch und der Begegnung mit anderen interessiert sind.

„Die Erziehungs- und Bildungsarbeit soll dem Aufbau einer umfassenden Friedensordnung in der Welt dienen; sie soll insbesondere den Jugendlichen und jungen Erwachsenen helfen, die eigene und mitmenschliche Welt zu gestalten sowie verantwortlich für Gesellschaft und Kirche, für Staat und Völkergemeinschaft wirksam zu werden. Die Jugendakademie leistet ihre Bildungsarbeit aus einer im katholischen Glauben gegründeten christlichen Weltoffenheit. Sie steht damit allen offen, die sich in Verantwortung um den Menschen und um eine Friedensordnung bemühen.” Diesen, auch heute noch gültigen Anspruch formulierte der 2012 verstorbene Stephan Pfürtner als Prior des Dominikanerklosters Walberberg bei der Grundsteinlegung der Akademie.

Mit seiner 1972 veröffentlichten Abhandlung „Kirche und Sexualität“ fiel der fortschrittliche Dominikaner bei der Amtskirche in Ungnade und verlor seine Lehrerlaubnis. Nichtsdestotrotz eröffnete im gleichen Jahr die Fachtagung, „Jugend – Sexualität und Gewissen“ die internationale Tätigkeit der Jugendakademie, die – auch im übertragenen Sinn –  ohne Grenzen ist. Zehn Jahre nach seiner Gründung wurde die Jugendakademie als Träger der freien Jugendhilfe anerkannt. 1997 gründete sich der JAW-Förderverein, der aktuell 128 Mitgliedern hat. Leiter und Geschäftsführer der Jugendakademie ist seit 1992 der Diplompädagoge Reinhard Griep.