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Keine neue Amtszeit: Bürgermeister Raetz überrascht mit seinem Rückzug

Keine neue Amtszeit : Bürgermeister Raetz überrascht mit seinem Rückzug

Der langjährige Stadtchef Stefan Raetz tritt bei der nächsten Wahl nicht mehr an und schlägt der Rheinbacher CDU einen Bürgermeisterkandidaten außerhalb der Partei vor.

In den Weiten Namibias ist es vor allem eins: seelenruhig. Kaum ein Zivilisationslärm dringt an das Ohr der Besucher des südwestafrikanischen Landes. Stefan Raetz, im 21. Dienstjahr Bürgermeister der Stadt Rheinbach sowie seit zehn Jahren Sprecher der Bürgermeister im Rhein-Sieg-Kreis, nutzte genau diese Ruhe, um eine Entscheidung zu treffen, die er sich – nach eigenem Bekunden – alles andere als leicht gemacht hat: Der 60 Jahre alte Verwaltungschef möchte sich doch nicht erneut um das Amt des Bürgermeisters bewerben (der GA berichtete am Freitag).

Als Gründe für diese Entscheidung machte Raetz nicht die noch immer schwelenden Querelen innerhalb der Rheinbacher CDU verantwortlich, sondern ausschließlich persönliche Gründe, wie er am Freitag im Gespräch mit dem General-Anzeiger sagte. „Ich muss nach meiner Leukämieerkrankung auch an meine Gesundheit denken“, erklärte er. Er sei an einer chronischen, nicht akuten Form der Leukämie erkrankt. Wenn er regelmäßig Medikamente einnehme, stelle sich diese Variante der Knochenmarkserkrankung nicht als lebensbedrohlich dar.

Raetz unterstrich, dass er nach über 20 Jahren als Erster Bürger der Stadt „endlich Zeit für die Familie und Freunde haben“ wolle. Das Privatleben habe unter dem Pensum an Arbeit, Terminen und Verpflichtungen „deutlich hinter der Bürgermeisteraufgabe zurückstehen müssen“, erklärte er. „Das kann und will ich meiner Frau und meinen Sohn nicht noch fünf weitere Jahre zumuten.“

Die Entscheidung fiel bereits im Spätsommer

Bereits im Spätsommer dieses Jahres sei familienseitig über seine politische Zukunft gesprochen worden. Gefallen sei die Entscheidung aber erst vor wenigen Wochen, als Birgitta und Stefan Raetz den afrikanischen Kontinent besuchten. An den Gedanken des Aufhörens müsse er sich aber noch gewöhnen: „Ich bin jetzt im 21. Jahr Bürgermeister und fülle dieses Amt mit Leib und Seele aus. Ich habe es gerne, sogar sehr gerne gemacht und werde bis zum Ende der Legislaturperiode weiterhin mit meinen Mitarbeitern mit 100 Prozent plus x mit großer Freude dabei sein“, meinte der Verwaltungschef.

„Es ist für mich nicht nur ein Job, es ist eine Berufung.“ Es werde für ihn eine Umstellung sein, wenn er am Montag, 2. November 2020, dem ersten Arbeitstag der neuen Wahlperiode nach der Kommunalwahl am 13. September, nicht dem Rathaus an der Schweigelstraße entgegen strebt, bekundet er.

Dass sich die Christdemokraten nun überraschend einen neuen Spitzenkandidaten für die Kommunalwahl im September nächsten Jahres suchen müssen, nahmen diese „mit großem Bedauern, zugleich aber auch mit Respekt über die getroffene Entscheidung“ zur Kenntnis, wie Joachim Schneider, stellvertretender Chef des CDU-Stadtverbands, dem GA sagte. „Stefan Raetz hat sich in der Zeit seines Wirkens als Beigeordneter und seit 20 Jahren als Bürgermeister große Verdienste um Rheinbach erworben. Für die CDU Rheinbach war er ein ‚Aushängeschild’ von großer Bedeutung“, so Schneider. Gemeinsam mit der CDU habe er „Rheinbach stets weiterentwickelt und zu der lebenswerten und liebenswerten Stadt gemacht, die Sie heute ist“, sagte der Vizechef. In den nächsten Tagen soll eine Findungskommission der Rheinbacher CDU der Mitgliederversammlung, die vermutlich im Frühjahr stattfinden soll, einen geeigneten Kandidaten vorschlagen.

Respekt vor 20-jähriger Amtszeit bekundet

„Überrascht und traurig über den Rückzug des langjährigen Weggefährten“ ist CDU-Stadtverbandschef Markus Pütz. Auf die Frage, ob er selbst Ambitionen hege, als Bürgermeisterkandidat seinen Hut in den Ring zu werfen, antwortete Pütz: „Um darauf zu antworten, ist es noch viel zu früh.“ Silke Josten-Schneider, Fraktionschefin der CDU-Mehrheitsfraktion im Rat, erklärte auf Anfrage, dass sie „geschockt über die Entscheidung“ sei, „insbesondere mit dem Gedanken an die zukünftigen Aufgaben“, so Josten-Schneider. „Raetz hat das Ansehen der Stadt sehr gestärkt und maßgeblich mitgeprägt. Zu Recht ist er in der Bevölkerung sehr beliebt, immer präsent und äußerst kompetent“, sagte die Fraktionschefin. Auf die Frage, ob sie sich eine Kandidatur vorstellen könne, antwortete Josten-Schneider, sie wolle sich nicht an Spekulationen nicht beteiligen.

„20 Jahre als Bürgermeister sind eine lange Zeit, dafür zollen wir Stefan Raetz unseren Respekt“, erklärte Martina Koch, Fraktionschefin der SPD, auf GA-Anfrage. In jedem Ende liege aber auch ein neuer Anfang. „Wir setzen darauf, dass nun für die kommenden Herausforderungen, mit der Nachfolge auch neuer Schwung in das Rathaus einziehen wird“, sagte die Sozialdemokratin.

Überraschung auch beim Koalitionspartner FDP

Überrascht worden sei auch die FDP, Koalitionspartner der CDU im Rat, von der Entscheidung des Verwaltungschefs. „Die in der Vergangenheit sehr enge Zusammenarbeit mit CDU und Bürgermeister wurde in den letzten Monaten leider zunehmend belastet durch die CDU-interne Auseinandersetzung“, erklärte FDP-Fraktionschef Karsten Logemann. So hätten auch die Abstimmungsprozesse sehr gelitten. Somit sei „die Entscheidung von Stefan Raetz insbesondere vor dem Hintergrund seiner persönlichen Situation und der großen zeitlichen Belastung als Bürgermeister gut nachzuvollziehen“, so Logemann.

„Für die Entscheidung des Bürgermeisters, 2020 nicht mehr zu kandidieren, haben wir Verständnis“, meinte Jörg Meyer, Stadtverbandsvorsitzender der UWG Rheinbach. Ob die Wählergemeinschaft einen Kandidaten zum Bürgermeister benennt, entscheidet diese auf der Anfang des kommenden Jahres vorgesehenen Stadtverbandsversammlung, so Meyer, in der auch die Kandidaten für die Stadtratswahl 2020 benannt werden sollen.

Für die Grünen ist der Rückzug konsequent

„Konsequent und nachvollziehbar angesichts der Auswirkungen seiner engagierten Amtsführung und der Tatsache, dass die eigene Partei immer weniger eine Stütze zu sein scheint,“ findet der Rheinbacher Grünen-Fraktionssprecher Joachim Schollmeyer die überraschende Ankündigung des Bürgermeisters. „Es gibt Situationen im Leben, wo Familie und Gesundheit an erster Stelle stehen müssen“, so Schollmeyer.

Was seine Nachfolge angeht, stellte Raetz im Gespräch mit dem General-Anzeiger klar, dass seine Partei tunlichst keinen Bewerber ins Rennen schicken solle, der Teil der Querelen zwischen der Fraktion und dem Parteivorstand ist. „Das kann nur jemand von außen machen“, sagte Raetz. denn: „Der Bürgermeister wird vom Volk gewählt – nicht von der CDU.“ „Er muss Verwaltung können, muss aber auch seine Kommune repräsentieren können“. Namen nannte Raetz allerdings nicht.