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Wachtberg früher: Kindheitserinnerungen aus den letzten Kriegstagen

Wachtberg früher : Kindheitserinnerungen aus den letzten Kriegstagen

Michael Frechen schrieb seine Erlebnisse in Pech als Erwachsener auf. Seine spannenden Notizen fanden sich im Nachlass von Günter Wagner.

Wenn ein geliebter Mensch stirbt, ist für die Hinterbliebenen irgendwann die Zeit gekommen, das Hinterlassene zu ordnen. In diesem Stadium befindet sich gerade Marilies Wagner, die Witwe des langjährigen Vorsitzenden des Heimatvereins Pech. „Sie glauben nicht, was er in 30 Jahren alles gehortet hat“, sagt sie liebevoll über ihren Mann, der 2018 starb.

Zwei kleine Zimmer hatte Günter Wagner für seine Hobbys reserviert: den Heimatverein, den Ortsfestausschuss und den Einsatz im Gemeinderat. „All diese Unterlagen sichte ich jetzt nach und nach“, sagt Marilies Wagner, die Jahrgang 1937 ist. Dabei fiel ihr auch eine Kladde in die Hände über den Bad Godesberger Künstler Michael Frechen. „Er ist in Pech groß geworden und war dem Ort Zeit seines Lebens sehr verbunden“, erzählt Wagner. 2020 starb er, und in Wagners Haus liegen nun seine Kindheitserinnerungen an die letzten Kriegstage in seiner Heimat.

Eine der handschriftlichen Aufzeichnungen Frechens ist datiert und stammt vom August 2008. Sie erzählt davon, wie sich der kleine Michael, Jahrgang 1938, bei strahlendem Sonnenschein im Frühjahr 1945 mit seinem Freund Toni Hamacher zum Kommunionsunterricht in die Villiper Kirche aufmachte. Auf Höhe der Ölmühle hörten die beiden Jungs ein leises Brummen und sahen über sich zwei Flugzeuge.

„Durch die Ermahnung der Eltern, in diesen Zeiten vorsichtig zu sein, liefen wir die Straße zurück und versteckten uns in den damals noch kleinen Büschen in dem Hang an der Landstraße“, schreibt Frechen. Eine Kolonne von Wehrmachtssoldaten tat es ihnen gleich und tauchte ins Gestrüpp ab. Nachdem die wohl englischen Jagdflugzeuge zunächst abdrehten, kehrten sie bald darauf im Tiefflug zurück, was bei Frechen und seinem Freund „rasenden Puls“ auslöste. Die zwei Bomben, die bald  vom Himmel flogen, lösten eine gewaltige Detonation aus – eine landete in einer Kiesgrube, die andere mitten in einem Feld oberhalb der heutigen Villiper Kläranlage.

„Für die kleinen Jungs fiel an diesem Tag der Kommunionsunterricht aus“, lautet das nüchterne Fazit aus der Retrospektive. Marilies Wagner ist es ein Anliegen, dass diese und andere Erinnerungen dem Ort erhalten bleiben. Das sieht die Gemeinde ähnlich, wie Sprecherin Margrit Märtens auf Anfrage mitteilte: „Unser Archivar David Held wird mit Frau Wagner, aber auch mit dem aktuellen Vorsitzenden des Heimatvereins Oliver Neft in Kontakt treten.“

Wagner selbst, die an der Rheinallee in Bad Godesberg aufwuchs, hat übrigens schon früh einen Bezug zu Pech gehabt. „Mit meinem Vater habe ich hier auf Ausflügen immer Brombeeren gesammelt.“ Gesammelt hat auch Frechen etwas, in einer anderen Erzählung, die sich um die letzten Kriegstage dreht. Nämlich Orden, die die Amerikaner den deutschen Soldaten abgenommen hatten. „Wohl als Souvenir“, wie Frechen vermutet.

Da die US-Truppen in Pech Quartier bezogen und die Schule in ein Lazarett verwandelt hatten, fiel der Unterricht aus. Stattdessen gingen die Jungs auf Tour und entdeckten in einer alten Scheune mitten im Dorf eben jenen Berg von Orden. „Hochdekoriert verließen wir auf Schleichwegen die Scheune, immer darauf bedacht, nicht von den fremden Soldaten gesehen zu werden“, hat Frechen notiert. Bei mancher Angst, die sich zwischen den Zeilen lesen lässt, hält er als Erwachsener fest: „Für uns Kinder war es schon eine abenteuerliche Zeit damals.“