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GA-Serie "Kennzeichen SU": Kreishandwerksmeister: Der Nachwuchs könnte besser sein

GA-Serie "Kennzeichen SU" : Kreishandwerksmeister: Der Nachwuchs könnte besser sein

Der Meckenheimer Tischler und Kreishandwerksmeister Thomas Radermacher macht sich Sorgen um die Zukunft des Handwerks in der Region. Und das nicht ohne Grund.

Im Büro seines Tischlereibetriebs im Meckenheimer Industriepark Kottenforst hängt eine Landkarte von Uganda an der Wand. Das bunte Stück mit den eingezeichneten Distrikten ist keine Urlaubserinnerung von Thomas Radermacher. Nein, es erinnert den Kreishandwerksmeister an zwei Reisen in das afrikanische Land, die er 2014 und 2015 im Auftrag der Bundesrepublik und der Handwerkskammer zu Köln unternahm.

Seine Aufgabe war es, dem dortigen Handwerk beim Aufbau einer Selbstverwaltung und einer dualen Ausbildungsstruktur, für die der Staat und die Betriebe verantwortlich sind, zu helfen. „Dort fehlt es an vielem, vor allem an Know-how, Betriebstechnik und Basics der Ausbildung“, sagt der 55-jährige Radermacher, „und viele Maschinen sind älter als ich.“

Die Beratung ugandischer Kollegen ist natürlich nicht die Hauptaufgabe des Kreishandwerksmeisters. Neben seinem eigenen Betrieb kümmert er sich zwei Tage in der Woche ehrenamtlich um die Belange seiner Kollegen aus 21 Innungen: vom Bäcker bis zum Zimmermann. Radermacher führt den von seinem Großvater Johann 1949 in Bonn gegründeten Betrieb seit 1991. Dabei wollte der leidenschaftliche FC-Fan, der 1981 sein Abitur bestanden hatte, eigentlich Sportjournalist werden. Doch dann entschied er sich für eine Lehre im Familienbetrieb.

Chef kümmert sich um die Betriebsleitung

Und diese Entscheidung hat er bis heute nicht bereut. „Die Lehre war zwar ein Stahlbad, weil ich immer zwischen den Stühlen saß. Hier die Belegschaft, da mein Vater. Aber mein Vater war ein toller Ausbilder, der viel Verständnis für junge Leute hatte.“ 1989 baute Radermacher sein Meisterstück, einen Sekretär. Heute arbeitet er nicht mehr in der Werkstatt, „die Mitarbeiter holen den Verbandskasten, wenn ich an eine Maschine gehe“, scherzt er. Der Chef kümmert sich um die Betriebsleitung.

2001 wurde er Obermeister der Tischler-Innung, 2007 Kreishandwerksmeister. Seit 1996 ist er öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger. Er ist stellvertretender Landesinnungsmeister NRW, sitzt im Präsidium des Bundesverbands des Deutschen Tischler-Handwerks, ist Vorsitzender des Bundessachverständigenausschusses und vertritt die Interessen des Handwerks der Region im Vorstand der Handwerkskammer zu Köln.

Radermacher hat festgestellt, dass der Rhein für das Handwerk in Bonn und den Rhein-Sieg-Kreis schon längst keine Grenze mehr darstellt. „Betriebe aus Rheinbach haben Kunden in Siegburg und umgekehrt.“ Umso kritischer bewertet er die Verkehrspolitik in der Region: „Ohne eine leistungsstarke Verbindung zwischen der A 565 und der A 3 sehe ich die Prosperität unserer Region als sehr gefährdet an. Eine Rheinbrücke zwischen Wesseling und Niederkassel kann die Probleme rings um Bonn jedenfalls nicht lösen.“

Auch um den Nachwuchs macht sich Radermacher Sorgen. Vor zehn Jahren habe er in seinem Betrieb jährlich etwa 50 Bewerbungen auf dem Tisch gehabt, heute nur noch fünf bis zehn. Das führt er einerseits auf den demografischen Wandel zurück, andererseits aber auch auf die „Helikopter-Eltern“, die für ihre Kinder Abitur und Studium „als allein seligmachend“ ansehen. Radermacher hält dagegen: „Man sollte mal über Perspektiven nachdenken: Viele Philosophie-Studenten enden als Taxifahrer, hingegen steht einem guten Elektriker der Karriereweg zum Ingenieur offen.“ Schließlich verdienten 30 Prozent der Handwerksmeister mehr als ein Akademiker. Von den Realschulen zum Beispiel wechselten mittlerweile 90 Prozent der Absolventen auf ein Berufskolleg, „oft ein Weg in die berufliche Sackgasse“, und nicht in eine Ausbildung.

Besonders den Berufen, in denen körperliche Arbeit gefragt sei wie Maurer, Betonbauer, Zimmermann oder Dachdecker, fehle der Nachwuchs. Wegen der Arbeitszeiten sei auch der Bäckerberuf nicht sehr beliebt. „Die Not der Betriebe ist groß, die finden keinen mehr. Es will sich ja niemand mehr bei Wind und Wetter die Hände schmutzig machen.“ Dabei seien die Aussichten für qualifizierte Handwerker, mittelfristig einen Betrieb zu übernehmen, gut. Denn in den nächsten 15 Jahren fänden 40 Prozent der Inhaber keinen Nachfolger aus der Familie. Wie bei Radermacher selbst, dessen Kinder andere Wege eingeschlagen haben.

Radermacher kritisiert neben den Elternhäusern aber auch die Schulen: „Meine Kollegen und ich stellen häufig fest, dass das Grundlagenwissen im kaufmännischen und technischen Rechnen unterentwickelt ist.“ So berichtet Radermacher von einem Eignungstest, bei dem ein Neuntklässler die Fläche eines vier mal fünf Meter großen Raumes nicht berechnen konnte.

"Handwerk als eine Option in Betracht ziehen"

„An solch einfachen Aufgaben scheitern viele.“ Neben ansprechenden Schulnoten erwartet Radermacher von Auszubildenden aber auch Persönlichkeit, Fleiß, Pünktlichkeit und ein gepflegtes Erscheinungsbild. Jemand mit zahlreichen Piercings und Tattoos habe im Vorstellungsgespräch bei ihm jedenfalls keine guten Karten. Das hänge weniger mit seinem persönlichen Geschmack zusammen, vielmehr mit der Wirkung auf die Kunden. Und von denen lebe man ja schließlich.

50 Prozent der Haupt- und Realschüler haben laut Radermacher einen Migrationshintergrund. Daher wundert er sich, dass von diesen jungen Leuten nur zwölf Prozent einen handwerklichen Beruf erlernen. „Handwerk hat in deren Herkunftsländern und in den Kulturen kein so hohes Ansehen wie in Deutschland“, bietet Radermacher einen Erklärungsansatz. „Wir möchten den Eltern daher nahelegen, für ihre Kinder das Handwerk als eine Option in Betracht zu ziehen. Wir würden diese jungen Leute gerne ausbilden.“

Um die Abbrecherquote von 20 Prozent in der Ausbildung zu reduzieren, empfiehlt Radermacher dringend ein Praktikum. Im Vorstellungsgespräch sollte der Bewerber offen und authentisch sein, eine vernünftige Bewerbungsmappe (kein Hochglanzprodukt) vorlegen, gute bis durchschnittliche Schulnoten vorweisen und dem Betriebsinhaber das Gefühl geben: „Wenn Sie mich nicht nehmen, haben Sie was verpasst.“

Mit einer Image-Kampagne in den Schulen will das Handwerk dem Nachwuchsmangel begegnen. Die kostet Geld. Bisher lässt sich die Branche die Nachwuchswerbung im Schnitt nur zehn Euro pro Betrieb und Jahr kosten. „Um die jungen Menschen zu erreichen und fürs Handwerk zu begeistern, müssen wir da in der Zukunft deutlich nachlegen“, so der Kreishandwerksmeister.