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Rheinbach nach der Flutkatastophe: Verzweiflung, Mut und viel Solidarität

Aufräumen nach der Flut : Verzweiflung, Mut und viel Solidarität in Rheinbach

Am Wochenende war nach der Flutwelle aufräumen in Rheinbach angesagt. Sechs Todesopfer waren bis Sonntag zu beklagen, darunter zwei Feuerwehrmänner. Parallel blickten die Menschen bang auf die Entwicklung an der Steinbachtalsperre.

Die Müllberge türmten sich zu beiden Straßenseiten. Aufräumen war angesagt am Wochenende in Rheinbach. Nach der verheerenden Starkregenwelle vom Mittwoch war die Glasstadt zweigeteilt. Ober- und Niederdrees waren evakuiertes Sperrgebiet, und die Kernstadt probte die Auferstehung. Mit dem Mut der Verzweiflung wurden Keller leergepumpt und Sperrmüll ausgeräumt.

Dabei waren große Solidarität und viel Mitgefühl spürbar. Wer nicht selbst betroffen war oder schon aufgeräumt hatte, bot den anderen seine Hilfe an. Unterdessen erreichte am Samstagmittag der DLRG-Hilfs­treck aus Niedersachsen die Ortschaft Oberdrees. Zehn leichte und schwere Fahrzeuge mit Booten, Tauch­equipment und Technik samt 55 Helfern von der Nordsee und der Elbe rückten ein für den Fall, dass die Steinbachtalsperre doch noch brechen würde und sich das Wasser unkalkulierbar über die Talortschaften ergießen würde.

Zwei Kilometer weiter, Ortseingang Rheinbach, standen zig Menschen auf der Eisenbahnüberführung. Hier gab es ausnahmsweise Handyempfang, ansonsten existierte in der Stadt keine funktionierende Funkzelle, kein Strom, kein Internet.

Die Voreifelbahn fährt nicht mehr. Überall an den Straßenrändern stehen zurückgelassene Autos. Eine Atmosphäre wie in einem Endzeitfilm. Geschmackloserweise klemmen bei manchen Autos Visitenkarten örtlicher Gebrauchtwagenhändler unter dem Scheibenwischer: „Wenn Sie Ihren Wagen verkaufen wollen....“

Auch die Hauptstraße von Rheinbach ist seit Mittwoch zweigeteilt. Östlich der Einmündung Schweigelstraße sind alle Keller und die meisten Geschäftsräume überflutet gewesen, westlich davon nur einige Keller durch rücklaufende Abflüsse. Die Eisdiele Marco Polo ist notdürftig geputzt, im Keller wartet noch knietief das Wasser auf die Pumpen der Feuerwehr. Nebenan das Jugendzentrum Offener Treff: überflutet, alles aus dem Keller zerstört. Im Erdgeschoss eine dicke Matschschicht. „Eigentlich hatten wir alles vorbereitet für die Stadtranderholung ab Montag, die muss jetzt ausfallen“, sagt OT-Mitarbeiterin Alexandra Schiller. Was sie sonst noch verloren haben? „Wir hatten mal eine Kegelbahn im Keller.“ Auch der Keller der Sankt-Martin-Kirche war vollgelaufen. Jetzt liegen Kruzifixe und ausgediente Adventskränze profan vor den Kirchenstufen.

Die Pumpfahrzeuge der Bundeswehr-Feuerwehr aus vielen Teilen Deutschlands fahren durch die Straßen. Die Fahrer warten auf ein Zeichen der Anwohnerinnen und Anwohner. Winken sie, heißt das: Unser Keller muss noch ausgepumpt werden. Dann werden die Feuerwehrschläuche verlegt und die Pumpe angeworfen. Oberbrandmeister Daniel Prinz leitet den Einsatz an der Grabenstraße. Er kommt mit seinem Feuerwehrzug aus Fritzlar in Hessen. „Wir sind hier autark unterwegs, es gibt wenig Kontakt zur Einsatzleitung“, so Prinz.

Die Infrastruktur ist weitgehend zerstört, die Kommunikationsmittel funktionieren nicht sicher. Auch der Krisenstab des Rhein-Sieg-Kreises in Siegburg hat nur sporadisch Kontakt zu den Einsatzkräften. Aber es scheint auch egal zu sein, die Feuerwehrleute wissen, was sie tun müssen. Hilfesuchende Menschen erkennen und Keller leerpumpen. Wenn so ein Untergeschoss vollgelaufen ist, kann es drei bis fünf Stunden dauern, bis es wieder leer ist. Und leer bedeutet in diesem Fall bis auf einen Wasserstand von fünf bis zehn Zentimetern.

Den Rest müssen die Hausbewohner selbst ausschöpfen, denn Feuerwehrschläuche sind kein Chirurgenbesteck. „Wie lange werden Sie heute arbeiten?“ Prinz: „Bis es dunkel ist und wir nicht mehr können, dann in der Kölner Kaserne was essen und ein Bier trinken und schlafen.“ Gleich nebenan hat die Polizei in einem Bus eine mobile Anlaufstelle eröffnet. Die Flut hat die Rheinbacher Wache unbrauchbar gemacht. Die Technik ist kaputt. Die drei Polizisten werden demnächst im Ausweichquartier in Meckenheim erreichbar sein. Zurzeit sind sie an der Grabenstraße ansprechbar. Bürger kommen zum Bus, um ihr Handy aufzuladen oder zu fragen, wie es um den Zustand des Talsperrendamms bestellt ist. Zwischendurch macht immer mal wieder das Gerücht die Runde: „Der Damm ist gebrochen, geht alle in die obersten Stockwerke.“ Immer wieder dieser Fehlalarm, immer wieder aufkommende Panik.

Unterdessen sind ein Bagger und eine Abrissbirne am Gräbbach beschäftigt. Dort, wo früher mal eine Brücke war, klafft jetzt ein tiefes Loch. Hier war am Mittwoch eine junge Frau von den Fluten überrascht und fortgerissen worden. Sie ertrank. Ihr Freund konnte noch von einem Passanten festgehalten werden. Jetzt muss die unterspülte Straße freigeschlagen werden, bevor die Reparatur beginnen kann.

Die Gymnasiumstraße hat es besonders hart getroffen. Dort hatte sich die Fahrbahn in einen reißenden Fluss verwandelt. Inzwischen türmt sich der Sperrmüll haushoch. Dann rücken plötzlich fünf Lastwagen des Hennefer Bauhofs an. Sie laden den ganzen unbrauchbaren Hausrat auf und bringen ihn zum Wolbersacker. Auf einem Grundstück, das bis Mittwoch ein Rübenfeld war, lässt die Stadt Rheinbach den Müll zusammentragen.

Gegen Abend kamen zwei Dutzend Mannschaftswagen der Bundespolizei vorgefahren. Ihr Ziel: Die Evakuierungsgebiete. Ihr Auftrag: Vermisstensuche. Ob tot oder lebendig. Parallel erlässt die Stadt Rheinbach einen Räumungsbefehl für Ober- und Niederdrees. Und droht im Falle der Zuwiderhandlung Zwangsmaßnahmen an. Viele Bürgerinnen und Bürger waren dem Räumungsappell nicht nachgekommen, denn nachdem die Wassermassen verschwunden waren, hielten viele die Gefahr für gebannt. Insgesamt beklagte Rheinbach bis Sonntag sechs Unwetter-Tote, darunter zwei Feuerwehrmänner.