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Teil 1 – 5.30 bis 13 Uhr: 24 Stunden in der JVA Rheinbach

Teil 1 – 5.30 bis 13 Uhr : 24 Stunden in der JVA Rheinbach

In der Rheinbacher Justizvollzugsanstalt (JVA) werden Gefangene nicht bloß „weggesperrt“. Sie bekommen allerlei Rüstzeug und Möglichkeiten für ihr Leben nach der Haft. Der General-Anzeiger durfte hinter die acht Meter hohen Mauern blicken.

So frei und leer sind die Straßen in und um Rheinbach selten. Das könnte an der frühen Zeit liegen: 5.30 Uhr zeigt die Uhr an, der junge Morgen ist noch gar nicht so recht in der Glasstadt erwacht. Derweil füllt sich zusehends der Parkplatz an der Justizvollzugsanstalt (JVA) Rheinbach. Die Bediensteten der ersten Tagschicht strömen in das von hohen Mauern umsäumte Gebäude. Einen Tag lang begleitet der General-Anzeiger Bedienstete und Gefangene bei ihrem Alltag hinter Gittern.

5.30 Uhr: „Das Erwachen eines jungen Tages hat was“, findet Stefan Leif, Personalratsvorsitzender der JVA Rheinbach, der trotz der frühen Stunde bereits bester Laune ist. Ihm macht es nach eigenem Bekunden nichts aus, so früh am Morgen sein Tagwerk zu beginnen. Schnellen Schrittes geht es in den B-Flügel des Gefängnisses. Um Punkt 6 Uhr ist die Nachtruhe auch für die Gefangenen zu Ende. Morgens lange ausschlafen, gibt es nicht. „Der Tag bei uns ist durchgetaktet“, sagt Leif. Nicht der Schikane wegen, sondern weil vielen Gefangenen ein geregelter Tagesablauf schlicht unbekannt sei. „Wir wollen sie auf ein geregeltes Leben nach der Haftzeit vorbereiten, einen Tag mit Struktur“, erklärt Leif.

6 Uhr: Nicht ein schriller Wecker oder die Nachrichten aus dem Radio reißen die 37 Einsitzenden der Abteilung B 2 aus den Träumen, sondern der Weckruf der Zentrale durch den Lautsprecher. Jessica Mittler, an diesem Morgen die leitende Abteilungsbeamtin, dreht mit Schwung den Schlüssel im Schloss, öffnet den Haftraum, schaut kurz hinein und ruft ein wohl temperiertes „Morgen, allgemeines Wecken“ in die Zelle. „Lebendkontrolle“ heißt der prüfende Blick in die Zelle im Justizdeutsch. „Allgemein“ heißt das Wecken um 6 Uhr, da die Nacht für die Gefangenen, die im Küchendienst tätig sind, bereits um 4.30 Uhr zu Ende war. Die ganz in Weiß Gekleideten reichen den Gefangenen nun das Frühstück. Dann schließt sich die Tür zum Haftraum wieder. Die Mahlzeiten nehmen die Insassen stets in ihrem Haftraum ein.

Es wird voll auf den Gängen

6.50 Uhr: Apropos Dienst: Kaum haben die Gefangenen Körperpflege und Frühstück erledigt, wird es voll auf den Gängen. Wer in einer der JVA-eigenen Werkstätten arbeitet, hat seine Arbeitskleidung angelegt. Jetzt wird gezählt, wie viele Männer von ihrer Haftabteilung in eine der Werkstätten gehen – dort werden sie selbstverständlich noch einmal gezählt und mit Namen abgehakt. „Wir müssen jederzeit nachvollziehen können, wer wo ist“, berichtet Leif.

7 Uhr: Ein paar Treppenaufgänge weiter sind die Wände auf einmal blau: Die Räume des Krankenpflegedienstes. 49 der aktuell 355 Gefangenen in Rheinbach bekommen zur frühen Stunde unter Aufsicht ihre Methadongabe. Das vollsynthetisch hergestellte Opioid mit starker schmerzstillender Wirksamkeit ist im Substitutionsprogramm als Heroinersatzstoff im Einsatz. Gleich neben dem Becherchen mit 60 Milligramm Methadon steht ein Wasserglas. „Nach der Methadoneinnahme muss erkennbar ein Glas Wasser eingenommen werden, damit es keinen Handel mit dem Stoff gibt“, erklärt Leif.

8 Uhr: In der Schlosserei-Halle von Betriebsleiter Stefan Langshausen ist konzentrierte Emsigkeit zu Hause. Wer den Gefangenen bei der Arbeit an den Maschinen zusieht, erkennt, dass die zumeist ungelernten Kräfte wissen, was sie tun. Schweißarbeiten, Blecharbeiten, Lackierungen: Bis zu sechs Mitarbeiter, allesamt „vom Fach“, zeigen, wie Maschine und Materialien funktionieren. „Was hier rausgeht, ist auf keinen Fall schlechter als woanders“, findet Langshausen.

Seit 25 Jahren ist der Schlossereimeister in der metallverarbeitenden Werkstatt der JVA tätig. Er möchte den Einsitzenden zeigen, dass sie mit ihren Händen etwas Gutes schaffen können. „Die, die im Gefängnis waren, haben es doppelt schwer, draußen eine Beschäftigung zu finden“, sagt er. Die JVA-Periode im Lebenslauf tragen sie wie einen schweren Stein mit sich herum. Umso wichtiger sei es, ihnen ein Erfolgserlebnis qualitätvoller Arbeit mit auf den Weg zu geben. „Die Wenigsten kennen einen geregelten Arbeitstag“, weiß der Schlossermeister. „Wir sind das ganze Jahr gut ausgelastet“, so Langshausen. Die Größe und Ausstattung des Betriebes erlaubten die Durchführung aller branchenüblichen Arbeiten aus dem Metallbaubereich und der maschinellen Metallverarbeitung in solider, handelsüblicher Ausführung. Rund 30 bis 40 Inhaftierte sind je nach Auftragslage beschäftigt. Wenn 2019 eine neue Werkshalle auf dem JVA-Gelände fertig ist (siehe untenstehender Bericht), können neue Arbeitsplätze für die Gefangenen geschaffen werden.

Unterricht im Integrationskurs

12 Uhr: Wenn die Kirchenglocken in Rheinbach zur Mittagsstunde läuten, sind alle Kochstellen, Töpfe und Anrichten in der Küche der JVA schon blitzblank geputzt. Ragout von der Pute, Spirellinudeln und das Buttermilchdessert sind schon auf dem Weg zu den Gefangenen. Küchenleiter Björn Wittersheim plant bereits die Speisenfolge der nächsten Tage: „Es soll unbedingt abwechslungsreich sein sowie mit saisonalem und regionalem Bezug“, findet Wittersheim.

Was die Gefangenen am liebsten essen, darüber muss der Küchenleiter nicht lange grübeln: „Die Mengen müssen stimmen“, sagt er und lacht. Bis zu 15 Gefangene können in der Küche mitarbeiten. „Es ist ein sehr wertiges Arbeiten, da es um Lebensmittel geht.“ Die Kantine der JVA bietet ferner geeigneten Inhaftierten die Möglichkeit, eine Einstiegsqualifizierung im Gastgewerbe zu erlangen. Zum Abschluss gibt es ein Zertifikat der Industrie- und Handelskammer.

13 Uhr: Eine Durchsage erfüllt die Gänge: Der Unterricht im Integrationskursus beginnt. „Wir verstehen unsere Tätigkeit als Dienstleistung – nicht nur im Sinne einer sicheren Unterbringung der Gefangenen, sondern als sozialverantwortlicher Umgang mit den Bedürfnissen der Inhaftierten, ihren Problemen und kulturellen Eigenständigkeiten im Zusammenleben von annähernd 30 Nationen in unserem Hause – bei einem Anteil von mehr als einem Drittel Nichtdeutscher“, erklärt Leif.

Lehrkraft Ulrich Schneider steht schon vor dem Schulungsraum bereit, um seine acht Schüler in Empfang zu nehmen. „Wir sprechen über Deutschland, die Gewaltenteilung etwa, und wollen uns sprachlich fortentwickeln“, sagt Schneider. An diesem Tag stehen Umlautübungen auf seinem Lehrplan, mit Worten wie Übermut oder Möhre. „Kennt ihr das Wort?“, fragt Schneider zum letztgenannten Begriff in die Runde. „Das ist ein Gemüse“, sagt ein junger Mann. „Eine Karotte“, weiß ein anderer. Richtige Antworten. „Der Pädagogische Dienst hat außerdem noch Lehrangebote wie Allgemeinbildung, Sprachkurse und Alphabetisierung anzubieten“, berichtet Inga Thulfaut, Lehrerin des Pädagogischen Dienstes der JVA. „Und es ist sogar ein Fernstudium hinter Rheinbacher Gittern möglich“, erklärt die Lehrerin. Um ein Detail des Unterricht kommen die jungen Männer übrigens nicht herum: „Sie bekommen auch fürs nächste Mal Hausaufgaben auf“, sagt Thulfaut.

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