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Die Volkshochschule coacht Ausländer in der deutschen Sprache

Fortbildung : Schon der Login ist eine Herausforderung

An der Volkshochschule Voreifel helfen Mediencoaches bei den Alphabetisierungskursen. Der Landesverband vergab für das Projekt nun ein Stipendium.

Eine neue Sprache zu lernen, ist schwer. Noch schwieriger ist es für diejenigen, die gar nicht oder nur in einer anderen Schrift alphabetisiert sind. Fast unmöglich wird diese Aufgabe, wenn der Unterricht nur über den Computer stattfinden kann. Um den Teilnehmern der Alphabetisierungskurse zu helfen, hat die Volkshochschule Voreifel daher zwei Absolventinnen des Integrationskurses als Mediencoaches ausgebildet. Sie helfen beim Umgang mit Tablet und PC während des Distanzunterrichts. Ein vorbildliches Projekt, das der Landesverband der Volkshochschulen nun sogar mit einem Innovationsstipendium belohnte.

Die zwei Jahre dauernden Alphabetisierungskurse für Erwachsene gibt es an der VHS regelmäßig. Aktuell sind es vier, in denen rund 15 Erwachsene in unterschiedlichen Stufen Lesen und Schreiben lernen. Manche von ihnen haben in ihrem ganzen Leben keine Schule besucht. Begonnen haben die letzten im November, nur wenige Wochen später mussten sie wegen des Lockdowns ins Distanzlernen.

Schon die Anmeldung ist schwierig

Doch ohne Schriftkenntnis ist schon die Anmeldung im Lernprogramm eine Herausforderung. Passwort und Loginname eingeben, einen neuen Tab öffnen, oder wie Fachbereichsleiterin Katharina Wildermuth es zusammenfasste: „Alle Dinge, die für uns selbstverständlich sind, mussten geübt werden.“ Die Teilnehmer der Kurse kamen dafür regelmäßig in die Schulräume. Immer nur zwei, jeder in einem eigenen Raum, und eine der beiden Coaches. Die zeigten, wie die Leihgeräte zu bedienen sind. Unterdessen läuft der Unterricht gut.

Coach Aylin Aydogdu schaute beispielsweise zu, wie ein junger Mann per Videokonferenz Lesen übt. „Das Taxi ist gelb“, spricht er sorgfältig in die Kamera, aus dem Lautsprecher kommt für jedes Wort ein Lob. Aydogdu hat BWL studiert und nach ihrem Master den Integrationskurs besucht. Sie stammt aus der Türkei, ihre Kollegin Sumaya Al Ali Alkadrou aus Syrien, dort war sie Englischlehrerin. Mit ihren Muttersprachen Türkisch und Arabisch sind sie den Lernenden ebenfalls eine Hilfe. Die Tätigkeit mache Spaß, so Al Ali Alkadrou.

Projekt hat Modellcharakter

Ansonsten baut die Vhs derzeit das Programm aus. Vhs-Direktorin Barbara Hausmanns berichtet stolz, dass es unterdessen Modellcharakter hat. Andere Volkshochschulen haben schon angefragt. Denn das Schreiben-Lernen in Distanz bringt immer wieder neue Probleme, mit denen keiner gerechnet hat. Erst mussten Leihgeräte angeschafft werden, dann die Mediencoaches ausgebildet. Jetzt werden Aufkleber für die Tastaturen angeschafft, die neben den Groß- auch die Kleinbuchstaben zeigen. Jemandem, der noch nicht alle Zeichen kennt, erleichtern sie die Orientierung.

Außer diesem Projekt bietet die Vhs in der Erwachsenenbildung regelmäßig Schulabschlusslehrgänge an. In zwei Jahren ermöglichen sie die Hauptschulabschlüsse nach Klasse 9 oder 10 sowie den Mittleren Schulabschluss (früher Mittlere Reife).

Allein im linksrheinischen Rhein-Sieg-Kreis verlassen jedes Jahr bis zu 70 Jugendliche die Schule ohne Abschluss. Die Gründe sind vielfältig. Häufig seien es psychische Probleme oder Mobbing in der Schule, die zum Abbruch führten, so Fachbereichsleiterin Juliane Keusch.

Abi am Abendgymnasium

Die heute 23-jährige Antonia beispielsweise besuchte ein Gymnasium. Sie war sehr oft krank, fühlte sich, wenn sie zur Schule ging, häufig schlecht. „Für mich war Schule sehr anstrengend und eine Herausforderung“, so die junge Frau, die ihren Nachnamen nicht nennen möchte. Erst nachdem sie ohne Abschluss abgegangen war, fand sich die Ursache ihrer Probleme. Gut behandelt ging sie die Schulabschlüsse bei der Vhs an. Aktuell macht sie am Abendgymnasium ihr Abitur und möchte danach Grundschulehramt studieren.

Wer dieses Ziel erreichen möchte, muss allerdings Ausdauer mitbringen. Jeden Werktag stehen abends vier Unterrichtsstunden auf dem Plan. Bei Fachkräften lernen die Teilnehmenden Deutsch, Mathematik, Englisch, Geschichte, Erdkunde und Biologie. Klausuren und Abschlussprüfungen gehören dazu. Einige absolvieren dieses Pensum sogar neben einem Vollzeitjob, wie Keusch berichtet. „Dann muss vom Arbeitgeber Interesse und Verständnis da sein.“

Neuer Abschlusslehrgang

Wer schon einen Abschluss hat, kann entsprechend später in den Kursus einsteigen. Bezahlen müssen die Teilnehmer dafür nicht, das Land fördert die Lehrgänge. Zwischen fünf und sieben Teilnehmende ohne jeden Abschluss sind es meist zu Beginn, am Ende treten rund zehn pro Lehrgang die Abschlussprüfung an. Viele sind um die 20 Jahre alt, es gab aber schon Absolventen um die 40 oder 50 Jahre. Vermehrt meldeten sich für den Lehrgang unterdessen Geflüchtete, die keinen Abschluss in ihrem Herkunftsland machen konnten oder deren Abschluss hier nicht anerkannt wird.

Der nächste Abschlusslehrgang der VHS Voreifel startet im September. In einem Vorkurs ab August werden Vorkenntnisse vermittelt. Die Teilnahme ist kostenfrei. Anmeldungen und Informationen bei Juliane Keusch, juliane.keusch@vhs-voreifel.de oder 02226/921931.