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Interview mit Pädagoge Georg Schroeter: "Einfache Dinge gewinnen an Wertschätzung"

Interview mit Pädagoge Georg Schroeter : "Einfache Dinge gewinnen an Wertschätzung"

In Rheinbach gehört Georg Schroeter zu den Urgesteinen der ehrenamtlichen Jugendarbeit. Über Jugendarbeit im Wandel der Zeit, die Verdichtung von Kindheit und die Prävention von Missbrauch sprach Schroeter mit Christoph Meurer.

Sie sind seit 30 Jahren ehrenamtlich in der Jugendarbeit aktiv. Wird man nicht irgendwann zu alt dafür?
Georg Schroeter: Nicht solange man noch fit genug ist, um etwa in einem Zelt auf einer Isomatte zu schlafen, und die Kinder und Jugendlichen einen akzeptieren. Wenn das nicht mehr so ist, sollte man vielleicht in die zweite Reihe gehen und sich um administrative Dinge kümmern.

Wie hat es bei Ihnen angefangen?
Schroeter: Das war im September 1984. Ich war 16 Jahre alt und in Rheinbach bei der Deutschen Pfadfinderschaft Sankt Georg (DPSG). Unser Gruppenleiter wollte, dass wir als Leiter mithelfen. Eigentlich hatte ich keine Lust, habe es dann aber doch versucht. Die erste Gruppenstunde als Leiter war schrecklich und eigentlich wollte ich nicht weitermachen. Ich bin aber doch wieder hin, und dann hatte es mich auch schnell gepackt.

Wie ging es weiter?
Schroeter: Nach den Herbstferien habe ich mit zwei anderen Leitern meine eigene Gruppe bekommen. Über den damaligen Schul- und Internatsseelsorger am Vinzenz-Pallotti-Kolleg bin ich zudem in die Schulseelsorge gekommen und habe viele Jahre in der Schule Aktionspausen angeboten. In der DPSG war ich bis 1998. Dann habe ich mit alten Mitstreitern "Abenteuer pur" gegründet.

Was ist "Abenteuer pur"?
Schroeter: Es ist ein ehrenamtlicher Verein. Wir bieten Kindern und Jugendlichen die Möglichkeit, Dinge zu erleben, die - das klingt jetzt vielleicht in bisschen blöd - für meine Generation noch eher selbstverständlich waren. Als ich elf, zwölf Jahre alt war, haben wir unsere Freizeit oft selbst gestaltet. Manchmal haben wir uns auch gelangweilt, aber Langeweile kann auch Kreativität erzeugen. Heute biete ich etwa jeden Mittwoch Mountainbikefahren an. Das haben wir früher alleine organisiert. Heute ist dies für viele Kinder sehr schwierig geworden.

Woran liegt das?
Schroeter: Die Kinder können selbst am wenigsten dafür. Es gibt Nachmittagsunterricht, Nachhilfe, andere Verpflichtungen, Musikkurse oder Sport. Dann gibt es auch Kinder, um die sich am Nachmittag niemand kümmert. Wir wollen ihnen dabei helfen, selbstständig zu werden und Abenteuer zu erleben, an denen sie wachsen können. So haben wir etwa schon in Schweden ein großes Floß gebaut und sind damit gefahren.

Hat sich die Jugendarbeit in den vergangenen 30 Jahren verändert?
Schroeter: Vieles von dem, was wir heute machen, war auch schon vor 30 Jahren aktuell, etwa Geländespiele, Nachtwanderungen oder Lagerfeuer. Das geht immer. Generell denke ich: Einfache Dinge gewinnen wieder an Wertschätzung, zum Beispiel eine Fahrradtour. Früher war so etwas selbstverständlich, heute oftmals nicht mehr. Das liegt auch daran, dass sich das Familienleben verändert hat. Ich merke das etwa auf Ferienfreizeiten, wenn wir gemeinsam essen. Das kennen viele Kinder und Jugendliche von zu Hause nicht.

Welchen Einfluss hat die Offene Ganztagsschule (OGS) auf die Jugendarbeit?
Schroeter: Pfadfinder haben mir berichtet, dass die Organisation von Gruppenstunden schwieriger geworden ist. Vereine, die nicht auf den "OGS-Zug" aufspringen und dort Angebote vorhalten, werden es schwer haben.

Generell sind Kindheit und Jugend durch viele Aktivitäten sehr verdichtet. Verlieren Kinder und Jugendliche ihre Freiräume?
Schroeter: Teilweise ist es heftig, wie viel Kinder und Jugendliche heute um die Ohren haben. Ich möchte nicht tauschen. Manchmal habe ich den Eindruck, dass die starke Vertaktung den Kindern ihre Kindheit raubt. Ich kann auch dem "Turbo-Abi" nichts abgewinnen.

Wie bewerten Sie die Rahmenbedingungen für ehrenamtliches Engagement in Deutschland?
Schroeter: Die Rahmenbedingungen sind zum Teil nicht besonders gut. Man muss aber genau schauen, woran das liegt. Ein Beispiel: Ein Mensch, der sich ehrenamtlich als Betreuer engagiert, kann dafür Sonderurlaub bekommen. Aber wie soll das denn etwa in mittelständischen Firmen mit wenigen Angestellten funktionieren?

Warum sind Sie noch immer ehrenamtlich aktiv?
Schroeter: Zum einen waren schon meine Eltern und meine Schwester ehrenamtlich engagiert. Zum anderen hat mich ein Projekt sehr geprägt, bei dem ich mit der DPSG in Chile war. Das war noch zu Zeiten von Pinochet. Dort habe ich sehr viele Menschen kennengelernt, die sich ehrenamtlich und politisch engagiert haben.

In der Jugendarbeit hat das Thema Missbrauch eine traurige Bedeutung gewonnen. Wie gehen sie bei "Abenteuer pur" damit um?
Schroeter: Zu Beginn hatten wir die Situation, dass sich auf einer Freizeit in Schweden ein Mädchen einer Betreuerin anvertraut hat, dass sie von ihrem Stiefvater missbraucht wird. Wir haben dann von Schweden aus das Jugendamt eingeschaltet. Das hat uns damals sehr geschockt. Im Anschluss haben wir uns fachkundige Beratung geholt. Gott sei Dank hatten wir seitdem keine solche Situation mehr.

Wie achten Sie in den "eigenen Reihen" darauf?
Schroeter: Wenn wir einen neuen Betreuer engagieren, ist uns das Vieraugenprinzip sehr wichtig. Wir befassen uns sehr stark damit, wie wir Betreuer richtig aussuchen. Wir stellen etwa ganz gezielte Fragen. Natürlich kann man nie sagen, dass Missbrauch bei uns nicht vorkommen kann. Generell möchten wir eine Atmosphäre schaffen, die keine Räume für Missbrauch bietet.

Zur Person

Georg Schroeter (46) wurde in Köln geboren. Seit seiner Kindheit lebt er mit einigen Jahren Unterbrechung in Rheinbach. Schroeter hat an der

Katholischen Fachschule für Freizeitpädagogik eine Ausbildung zum staatlich anerkannten Freizeitpädagogen absolviert. Bis 2010 hat er das Jugendzentrum "Live" geleitet. Seitdem arbeitet er selbstständig mit Schulen zusammen. Beim Verein "Abenteuer pur" ist er ehrenamtlicher erster Vorsitzender und Geschäftsführer.