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Interview: Kamera-Profi unterrichtet an Rheinbacher Glasfachschule

Interview : Kamera-Profi unterrichtet an Rheinbacher Glasfachschule

Für seine Dokus reiste Kameramann Bernd Siering jahrelang durch die ganze Welt. Seit fünf Jahren vermittelt er sein Wissen am Berufskolleg der Glasfachschule Rheinbach. Worauf es als angehender Kameramann ankommt, verrät er im Interview.

Kameramann, Autor, Fotograf, Grafiker und Lehrer: So abwechslungsreich wie die Tätigkeiten von Bernd Siering sind auch die Orte seines Schaffens. In vielen Teilen der Welt hat der 66-Jährige rund 60 Reportagen und größere Dokumentationen für die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten realisiert. Seit 2015 arbeitet er am Rheinbacher Berufskolleg als Fachlehrer für Filmpraxis. Über seine Arbeit hinter der Kamera und vor seinen Schülern sprach mit ihm Hendrikje Krancke.

Schaut man sich das Themenspektrum Ihrer Filme und die Drehorte an, kann man kaum glauben, dass Sie nach den vielen Auslandsaufenthalten nun das Berufskolleg in Rheinbach zum Mittelpunkt Ihres Schaffens gewählt haben. Wie kam es dazu?

Bernd Siering: Tatsächlich hätte ich mir nie erträumen lassen, dass ich einmal unterrichten werde. Als es aber schwieriger wurde, Aufträge von Sendern zu bekommen, hatte eine ehemalige Kameraassistentin die Idee, dass ich nach Rheinbach komme. Und dann stand ich das erste Mal vor 30 Schülern. Ich dachte, das ist nicht mein Ding, aber nach drei Minuten sah ich in den Augen die Begeisterung und wusste, dass es das Richtige ist.

Warum ist Ihnen der Wechsel von hinter der Kamera vor die Klasse so leicht gefallen?

Siering: Ich bin Kameramann und Produzent und kein Lehrer im klassischen Sinne. Das ist auch das Erste, was ich meinen Schülern sage. Ich habe eine andere Herangehensweise und damit fällt ziemlich schnell die Hemmschwelle auf beiden Seiten. Ich komme aus der Praxis und will die Schüler von meiner Arbeit begeistern. Das passiert vor allem auch außerhalb des Unterrichts: Wir schneiden oft bis abends, diskutieren in den Pausen und lernen uns auf Drehreisen richtig kennen.

Was geben Sie Ihren Schülern mit?

Siering: Das Wichtigste ist: Dranbleiben, nicht auf die Uhr schauen und für ein Projekt brennen. Nur so geht es, sonst bleibt man mittelmäßig. Wenn man ein Jahr lang an einem Thema gedreht hat, dann kann man beim Schneiden nicht einfach irgendwann aufhören und sagen: „So, jetzt ist Feierabend.“ Für den Schnitt braucht man etwa das Fünffache der Drehzeit. Da zeigt sich, wer durchhält, wer vom Thema fasziniert ist.

Und was sind das für Themen?

Siering: Die suchen wir gemeinsam. Aber mir ist wichtig, dass eine Botschaft herübergebracht wird. Das Ganze muss Inhalt und eine Story haben. Meistens entwickeln sich die Themen oder bekommen eine neue Gewichtung während des Drehs oder auch erst im Schnitt. Wir drehen lange Formate über den Wald, Massentierhaltung, Wölfe und die Plastikvermüllung der Meere, aber auch kleine Filme, Auftragsarbeiten für Industriefirmen.

Was zeichnet Ihre Filme aus?

Siering: Egal, ob ich mit den Schülern ein Filmprojekt mache oder ihnen beim Zeichnen und Malen verschiedene Techniken und Materialien näherbringe – entscheidend ist die Sichtweise. Das Bild oder der Film können technisch noch so gut sein, wichtig ist, dass wir eine Geschichte erzählen, sonst packt es den Betrachter nicht. Man muss nah an seiner Geschichte dran sein, emotional wie auch körperlich, also mitten im Geschehen.

Haben Sie die Erfahrungen auch bei Ihren Reportagen und Dokumentarfilmen gemacht?

Siering: Definitiv. Ich gebe das weiter, was ich in 20 Jahren an Erfahrung gemacht habe. 1995 gründete ich mit Uwe Agnes, auch ein Diplom-Fotoingenieur, die Filmproduktion topas-film. Die Inhalte unserer Filme haben uns immer fasziniert. Unsere erste 45-minütige Dokumentation handelte von unseren deutschen Astronauten, die wollte ich schon als kleiner Junge kennenlernen. Ich habe drei Monate recherchiert, dann hatte ich den Astronauten Ulrich Walter am Telefon. Dann ging es immer weiter. Viele Filme über bemannte Raumfahrt, viele Reportagen mit dem Polarforscher Arved Fuchs. Mit ihm waren wir im Winter in Grönland und am Kap Hoorn.

Das heißt, Sie überlegen sich erst ein Thema und bieten es dann an?

Siering: Genau. In die Serengeti zum Beispiel wollte ich immer schon mal. Dann habe ich Kontakt zu Markus Borner aufgenommen, der in Tansania die Arbeit von Bernhard Grzimek fortführte. Insgesamt drehten wir dort drei Filme. Wir haben in der Wildnis gecampt, ich habe viel über den Umgang mit Löwen und anderen Tieren in der freien Wildbahn erfahren. Beim Dreh lebt man immer ein Stück das Leben der Protagonisten mit. Als wir einmal im Roten Meer mit Apnoetauchern drehten, trainierten wir aus lauter Begeisterung mit ihnen.

Sie sind auch in die Luft gegangen...

Siering: Ja, wir haben das Fliegen erlernt und uns für eine ARD-Produktion auf Spurensuche nach der Absturzstelle von Michael Grzimek wieder in die Serengeti begeben. Afrika hat mich nicht mehr losgelassen. Für arte und für die Welthungerhilfe drehten wir viele Filme in Zentralafrika und im Kongo.

Wie kommen die Kontakte zustande?

Siering: Das ist unterschiedlich. Das Wichtigste ist Hartnäckigkeit. Das sage ich auch meinen Schülern. Straßeninterviews sind nett, aber um inhaltlich etwas herüberzubringen, braucht man Fachleute. Und da darf man keine Scheu haben. Die Schüler denken oft, dass sie keine Chance haben, den- oder diejenige zu bekommen. Aber wenn man dranbleibt, meldet sich jeder irgendwann zurück.

Wenn Sie über Ihre Arbeit mit den Schülern berichten, geraten Sie ins Schwärmen. Wie gewichten Sie die verschiedenen Tätigkeiten in Ihrem Leben?

Siering: Alles hat seine Zeit. Die Arbeit mit den Schülern erfüllt mich. Ich habe nun das Rentenalter erreicht, als Vetretungslehrer werde ich bis zum Ende des laufenden Schuljahrs noch in Rheinbach tätig sein. Ich hoffe sehr, dass es dort auch danach noch weitergeht.

Filme, Dokumentationen und Fotos sind im Internet auf www.berndsiering.de sowie auf www.topas-film.de zu sehen.