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Interview mit Michael Kumpfmüller: „Möchte ein Erzähler sein, der etwas sagt“

Interview mit Michael Kumpfmüller : „Möchte ein Erzähler sein, der etwas sagt“

In unserem Gespräch am Wochenende berichtet Schriftsteller und Döblin-Preisträger Michael Kumpfmüller, der am Dienstag, 5. April, 19.30 Uhr, am Rheinbacher Campus der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg „Zu Gast auf dem Sofa“ ist, über die Erziehung von Männern und seine Lesung in Rheinbach.

Der Titel „Die Erziehung des Mannes“ lässt ein Sachbuch mit feministischem Hintergrund vermuten: Allerdings ist das 317 Seiten starke Werk von Michael Kumpfmüller, der am Dienstag, 5. April, 19.30 Uhr, am Rheinbacher Campus der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg „Zu Gast auf dem Sofa“ ist, ein Roman – ein brillant erzählter obendrein. Mit dem 54 Jahre alten Schriftsteller, der aus München stammt und in Berlin lebt, sprach Mario Quadt.

Für viele Buchleser – wie mich – entscheidet sich oft schon mit der Widmung auf der ersten Seite, ob sie das Buch sympathisch finden. Ihre Widmung „für uns“ lässt mich interessiert ins Grübeln geraten...
Michael Kumpfmüller: Das ist gut. Man könnte sagen, das Buch verhandelt auf der Beziehungsebene die Wir-Fähigkeit – nicht als Verschmelzungsfantasie, sondern inwieweit man zusammenhalten kann. Insofern ist das „für uns“ programmatisch. Ich habe da lange überlegt und mir gefällt das.

Ein gewisser Frank Schirrmacher bemerkte. „In Michael Kumpfmüller haben wir unseren Erzähler gefunden.“ Was kann ein Schriftsteller mehr erreichen? Vielleicht, dass er bereits vor der Erscheinung mit dem Döblin-Preis für dieses Buch ausgezeichnet wird. Ach nein, das ist Ihnen 2008 auch widerfahren.
Kumpfmüller (lacht): Man kann schon noch mehr erreichen, wenn man will. Mein Glück besteht darin, dass ich immer schreiben wollte, spät damit angefangen habe, jetzt aber immerhin seit 20 Jahren schreibe - ich auch weiter schreiben kann, was ja immer eine ökonomische Frage ist. So gesehen kann ich nicht mehr erreichen. Wahr ist aber, dass ich von meinem Selbstverständnis her ein 'Erzähler' sein möchte, der etwas sagt, mit einem gewissen Stoff, den er hinter sich lässt und in eine bestimmte Form bringt. So gesehen ist das schon okay. Aber es gibt Tausend Leser und Tausend Erzähler – und so soll es auch sein.

In „Die Erziehung des Mannes“ offerieren Sie eine sehr sinnliche Art, Frauen zu beschreiben. Wie kann das sein, wo wir Männer als eher oberflächlich verschrien sind?
Kumpfmüller: Na ja, das stimmt ja nicht. Es gibt eine Jahrhunderte alte Tradition des Minnesangs und viele Bücher haben mithin immer den Grund, jemanden anzusingen. Im Gegenteil könnte man sagen, dass sich aus dem Liebeslied heraus ein ganzes Arsenal entwickelt von Beschreibungsmöglichkeiten, die als Objekt zum Beispiel die Frau haben. Und es ist bei einem männlichen Schriftsteller immer die implizite Aufgabe zu sagen: Kann ich noch mal diesem großen unendlichen Gesang etwas Neues hinzufügen. Politisch gewendet muss ich sagen, dass ich wütend werde. Denn ich dachte, das wäre ein Klischee, das jetzt empirisch endlich erledigt sein müsste. Ist es aber nicht. Probleme können die Geschlechter nur gemeinsam lösen.

Wenn Sie in ihrem Buch vom Schreiben „einer Karte zur Versöhnung“ oder gar eines Briefes berichten, könnten die Vertreter der Generation „Kopf unten“, die ohne Pause auf ihr Smartphone blicken, das nicht als altmodisch ansehen?
Kumpfmüller: Zu der Zeit, als die Szene spielt, tat man das noch. Die Botschaft ist ja klar: Man benutzt ein Retromedium, das zu sagen scheint: Da wurden die wirklich wichtigen und vordergründigen Nachrichten formuliert. Heute ist ja alles ganz schnell und zacki-zacki. Das ist an der Stelle im Buch noch nicht so charmant, wie es heute wäre. Aber Sie motivieren mich, das wieder häufiger zu tun.

Ihr Georg, die Musik studierende Hauptfigur, gerät mit Mitte Zwanzig gehörig ins Grübeln. Bedrohlich schwebt das Ende des Studiums über dem sich nach Aufbruch Sehnenden. Wie viel Autobiografisches steckt darin?
Kumpfmüller: Sehr viel. Ich glaube, dass sich diese Generation der Studierenden, der auch ich angehörte, sehr sehr einsam und orientierungslos fühlte. Wobei ich jetzt nicht sagen möchte, dass die Modul-Idee vom Bachelorstudium nach Pisa mehr Glück produziert. Das ist nur ein anderes Unglück. Aber man muss auch sehen, dass aus dieser Einsamkeit heraus, intellektuelle Wachstumsprozesse möglich sind, die ausbleiben, wenn alles durchorganisiert ist. Ich möchte diese Zeit nicht missen. Vielleicht ist das ein melancholischer Grundton, der aus dem Sound der Zeit kommt. Die apokalyptischen Gesänge dieser Zeit – mit Pershing und Waldsterben – haben mich und viele beeindruckt und dann so eine Tönung der Skepsis ergeben, die zumindest meine Generation nie abgelegt hat.

Wie ist es für Sie auf Lesereise zu sein? Sie erleben Orte wie Rheinbach, die zwar nicht am Rhein liegen, aber im Rheinland.
Kumpfmüller: Die Lesung selbst, mit Leuten in Kontakt zu kommen – das liebe ich. Das kann ich gut und da freue ich mich immer. Was mir zunehmend verdrießlich vorkommt, ist manchmal die Ankunft, wenn man mit seinem Rollkoffer durch eine Fußgängerzone rollt auf der Suche nach dem Hotel. Aber ich bin noch nicht so weit, dass ich sage: Ich fahre jetzt drei Stunden schnell mal nach Bonn und schaue mir ein Museum an. Die kleine Passage der An- und Abreise ist vielleicht im Leben immer eine unangenehme Erfahrung.

Karten gibt es für acht, ermäßigt vier Euro in der Rheinbacher Buchhandlung Kayser sowie den Hochschul- und Kreisbibliotheken in Rheinbach, Von-Liebig-Straße 20, und Sankt Augustin, Grantham-Allee 20.

„Die Erziehung des Mannes“ erscheint bei Kiwi und kostet 19,99 Euro.

Für die Lesung verlost der GA fünf mal zwei Karten. Rufen Sie uns unter 01379/886813 an oder senden Sie eine SMS mit dem Kennwort GAB5 an die Kurzwahl 1111. Bitte geben Sie Ihren Namen und Ihre Adresse an. Teilnahmeschluss ist Ostermontag, 28. März, 24 Uhr. Ein Anruf kostet 50 Cent aus dem Festnetz, Mobilfunk abweichend.