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Nazizeit in Rheinbach: Nazistatthalter wollen Gedächtnis der Stadt auslöschen

Nazizeit in Rheinbach : Nazistatthalter wollen Gedächtnis der Stadt auslöschen

Die geschichtliche Facharbeit des Schülers ist ab sofort im Rheinbacher Stadtarchiv erhältlich. Voraussichtlich wird es eine Lesung geben.

Was den 17 Jahre alten Schüler Leonhard Gibalowski am Schicksal der drei kurz vor Kriegsende in Rheinbach getöteten Ukrainer (siehe Artikel oben) besonders berührt, ist ihr Alter: „Die Drei waren noch nicht einmal volljährig, sie waren ungefähr in meinem Alter, und somit kommt mir deren Schicksal noch näher“, sagt der Gymnasiast während der Vorstellung seines 18 Seiten starken Werks im Rheinbacher Rathaus. „Sie hatten noch ihr ganzes Leben vor sich, wurden aber Opfer eines grausamen Verbrechens, welches in meiner unmittelbaren Umgebung geschah.“

Bürgermeister Stefan Raetz hat Gibalowski eingeladen, weil er sich freue, dass dieses „traurige Stück Rheinbacher Geschichte“ durch die Aufarbeitung in der Facharbeit in „die nächste Generation getragen“ werde. Ungemein wichtig nennt es Raetz dieser Gräueltat „mahnend zu gedenken“. Er sei froh, dass nach langem politischer Debatte im Stadtpark eine Gedenkstätte entstanden sei, die diese Mahnung verbildlicht. Eben diese Stelen sind es gewesen, die den Schüler als Inspiration zu seiner Facharbeit gedient haben, bekundet Gibalowski. Um an das Schicksal der drei jungen Mensch zu erinnern, ist der 17-Jährige insbesondere in die Tiefen des Rheinbacher Stadtarchivs eingetaucht und hat mit Stadtarchivar Dietmar Pertz und dem engagierten Heimatforscher und Buchautor Peter Mohr viele Gespräche geführt. Mohr hatte sich mit einer großen Fülle von Rheinbacher Zeitzeugen der Kriegsjahre unterhalten, um die Geschehnisse der Nazizeit dokumentieren zu können.

Denn: Ein Glücksfall ist, dass überhaupt Dokumente aus der Zeit der braunen Machthaber übrig geblieben sind, die Gibalowski im Stadtarchiv einlesen kann. Eine der letzten perfiden Taten der Nazistatthalter ist nämlich der Versuch, das Gedächtnis der Stadt auszulöschen, indem sie das Rathaus in Brand setzen lassen, kurz bevor die Amerikaner Anfang März 1945 Rheinbach einnehmen. Aber: Aufgrund der sprichwörtlich deutschen Gründlichkeit existieren von vielen der verbrannten Dokumente Durchschriften und Duplikate. Tamara Voigt, Vorsitzende des Ausschusses für Standortförderung: Gewerbe, Wirtschaft, Tourismus und Kultur lobt das Engagement des Zwölfklässlers. „Es ist wichtig, Geschichte erlebbar zu machen“, sagt die Freidemokratin. Gerade in der heutigen Zeit, die beseelt ist von der „Sorge, eines Erstarkens der rechten Ränder“, sei solch ein Beitrag eine lesenswerte Lektüre.

So entsteht im kleinen Sitzungssaal des Rathauses die Idee, die verfasste Beschäftigung mit Denunziantentum und Willkür zum Thema einer Lesung in Rheinbach zu machen. „Nach Chemnitz wissen wir, wie nah das alles ist“, sagt Daniela Roggendorff, die als Geschichtslehrerin am St. Joseph-Gymnasium die Facharbeit betreut hat und sich als Privatperson sehr für die Verlegung von Stolpersteinen in Rheinbach einsetzte. „Ich bin überzeugt, dass sich das Thema der Facharbeit einem großen Publikum zu Gehör bringen lässt“, findet Roggendorff.

Die Facharbeit ist im Archiv der Stadt Rheinbach, Polligstraße 1, zum Preis von zwei Euro erhältlich.