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GA-Gespräch am Wochenende: Ruth Fabritius: "Glas steht für Fortschritt und Modernität"

GA-Gespräch am Wochenende : Ruth Fabritius: "Glas steht für Fortschritt und Modernität"

Sie ist gewissermaßen die Hüterin der Glasschätze Rheinbachs: Ruth Fabritius leitet das Glasmuseum der Stadt. Über die Besonderheit des Werkstoffes, das Museumskonzept und die Pläne für den "Glaskosmos" sprach mit ihr Gerda Saxler-Schmidt.

Gibt es für Sie eine besondere "Faszination Glas"?
Ruth Fabritius: Unbedingt. Glas ist unglaublich vielfältig. Es ist ein Werkstoff, der heute allgegenwärtig und geradezu banal ist, der aber früher sehr wertvoll war. Bei meinen Führungen in unserem Glasmuseum versuche ich immer zu vermitteln, wie heute unsere Welt ohne Glas aussehen würde, wenn es zum Beispiel keine Brillen, keine Sehhilfen geben würde. Glas steht für Fortschritt und Modernität. In unserem Museum liegt der Fokus gleichwohl auf dem ganz hochwertigen Kunstglas.

Haben Sie darunter auch ein besonderes Lieblingsobjekt?
Fabritius: Es gibt mehrere. Unter den alten Gläsern fällt mir da spontan "Der fröhliche Zecher" ein, ein "Fallstaff"-Motiv aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Es handelt sich dabei um einen sogenannten Lithophanie-Schnitt von blauem Überfangglas auf farblosem Grundglas. Vom Graveur wird bei dieser Technik blaues Überfangglas "abschattierend" abgetragen. Durch diese Technik wirkt das Glas dann wie eine Ton-in-Ton-Malerei. Der Graveur hat dieses Glas "Der fröhliche Zecher" so wundervoll fein und detailreich gearbeitet, dass man sogar die Krähenfüße in den Augenwinkeln sieht.

Es wird öfter von der Krise von Spezialmuseen gesprochen. Das Rheinbacher Glasmuseum wurde ja als Spezialmuseum für Nordböhmisches Hohlglas gegründet. Wie sieht es heute mit der Akzeptanz aus?
Fabritius: Wir konnten unsere Attraktivität durch die Neukonzeption deutlich steigern. Wir haben die Museumswerkstatt, wo Besucher den Glaskünstlern über die Schulter schauen können, wir haben den Museumsshop, und wir haben eine Reihe zielgruppenspezifischer museumspädagogischer Angebote. Durchschnittlich besuchen 14.000 bis 15.000 Gäste jährlich das Glasmuseum und den Himmeroder Hof, die Besucher verschiedenster Veranstaltungen wie "Kultur im Hof" mitgerechnet.

Erreichen Sie auch Kinder?
Fabritius: Im vergangenen Jahr haben mehr als 700 Kinder an 52 Workshops teilgenommen. Es geht dabei nicht nur um Quantität, sondern um Qualität dessen, was sie im Museum erleben. Ich kann sagen, dass unser Museum als außerschulischer Lernort gerne angenommen wird. Wir arbeiten zum Beispiel sehr gut mit den Grundschulen zusammen. Ein Wunsch wäre noch, fächerübergreifend mit größeren Schülern zu arbeiten, wie etwa zur "Rheinromantik und Heinrich Heine": Unsere Vedutengläser mit gravierten Rheinansichten könnten ein interessanter Einstieg in eine solche Unterrichtsreihe sein.

Das Glasmuseum ist Teil des Bürger- und Kulturzentrums Himmeroder Hof. Dort ist das Naturparkzentrum ebenso zu Hause wie der Stadtrat und die Veranstaltungen von "Kultur im Hof". Es gibt Vorträge und Konzerte, Volkshochschule und Musikschule nutzen es ebenso wie Parteien, Bürger und Vereine. Hat dieses Modell vor dem Hintergrund leerer Kassen aus Ihrer Sicht Zukunft?
Fabritius: Natürlich steht die Stadt immer noch vor der Aufgabe, neue Trägerschaftsmodelle zu eruieren, weil ein bloßes Kulturzentrum zweifellos eine finanzielle Belastung für die Kommune darstellen würde. Allerdings sind wir auch Bürgerzentrum, das von den verschiedenen genannten Seiten genutzt wird. Ganz wichtig ist festzustellen, dass nicht überall, wo Kulturzentrum drauf steht, automatisch freiwillige Leistung drin ist. Das Naturparkzentrum ist darüber hinaus gewissermaßen exterritorial, aber wir arbeiten intensiv zusammen, aktuell beim Frühlingsmarkt, den wir gemeinsam unter der Federführung des Naturparks durchführen.

Im Jahr 2008 wurde die Zukunftsvision für das Rheinbacher Glasmuseum vorgestellt. Unter dem Namen "Glaskosmos" sollte die ganze Welt des Glases in seinem kulturellen und technischen Stellenwert mit allen Sinnen erlebbar werden. Wie ist dazu der Sachstand?
Fabritius: Derzeit gibt es einen engen Kontakt zu den Behörden, Ministerien und dem Verein Region Köln/Bonn, der das Projekt begleitet. An der Perspektive Glaskosmos arbeiten Verwaltung und Förderverein nach wie vor im Hintergrund, wobei die Realisierungsmöglichkeiten angesichts der Kassenlage nicht einfach sind. Auch über Fördermöglichkeiten werden weiter Gespräche geführt. Seit der Projektvorstellung "Glaskosmos" ist ja auch das Projekt "Römerkanal-Informationszentrum" hinzugekommen. Derzeit werden Pläne erarbeitet, wie alle Interessen in ein Gebäude gebracht werden können. Architektonisch geht das, das ist bereits abgeklärt.

Angenommen, Sie hätten drei Wünsche frei, welche wären es?
Fabritius: Der erste: Ich würde gerne mehr forschen. Der zweite: Ich würde unsere Ausstellungen gerne mit Katalogen und nicht nur mit Flyern dokumentieren im Sinne der Nachhaltigkeit. Und der dritte: den Werkstoff Glas noch mehr Kindern und Jugendlichen, aber auch Erwachsenen in Workshops näher zu bringen.

Das Glasmuseum
1968 gründeten die "Freunde edlen Glases" das Rheinbacher Glasmuseum als Spezialmuseum für veredeltes Hohlglas aus Nordböhmen mit dem Grundstock der "Sammlung Hickisch". 1980 ging die Trägerschaft an die Stadt über, die 1989 neue Ausstellungsräume im Himmeroder Hof schuf. Das Museum gibt einen Überblick über die Kunst böhmischer Glasherstellung und -veredlung. Eine Abteilung veranschaulicht die Entwicklung des Rheinbacher Glases.

Zur Person
1959 in Siebenbürgen in Rumänien geboren, gehörte Ruth Fabritius dort der nationalen Minderheit der Siebenbürger Sachsen an. In Bukarest besuchte sie die Deutsche Schule und machte ihr Abitur. Sie studierte in Bukarest für ein Jahr Germanistik und Anglistik, bevor sie mit ihren Eltern die Ausreisegenehmigung erhielt. In Bonn nahm sie dann ihr Studium der Kunstgeschichte, Germanistik und Volkskunde auf, das sie 1988 als Magistra Artium abschloss.

Während ihres Studiums absolvierte Fabritius verschiedene Museumspraktika und hatte 1988 bis 1990 einen Werkvertrag mit dem Ikonen-Museum in Recklinghausen, wo sie sich mit siebenbürgischen Hinterglas-Ikonen befasste. Parallel war sie im Düsseldorfer "Haus des Ostens", heute Gerhard-Hauptmann-Haus, beschäftigt. Die Leitung des Rheinbacher Glasmuseums übernahm sie im Oktober 1990. Ihre Dissertation schrieb sie 1998 über byzantinische Wandmalereien des 16. Jahrhunderts.