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Gespräch am Wochenende: Sebastian Pufpaff über den Wahlkampf, Satire und sein Gastspiel in Rheinbach

Gespräch am Wochenende : Sebastian Pufpaff über den Wahlkampf, Satire und sein Gastspiel in Rheinbach

Der Mann im gedeckten dunklen Anzug sagt, was er denkt. Und obgleich der in Troisdorf geborene Sprachanarchist Sebastian Pufpaff Vater von zwei kleinen Kindern ist, redet er niemals um den heißen Brei herum.

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Man muss sich immer wieder kneifen: Es ist – kaum merklich – Wahlkampfzeit. „Inszenierung in der Demokratie“ lautet der Titel Ihrer Magisterarbeit im Fach Politische Wissenschaft. Mal ehrlich: Bei welchem der aktuellen Spitzenkandidaten sehen Sie auf dem Terrain Vorteile?

Sebastian Pufpaff: Wer mir an erster Stelle einfällt, ist Christian Lindner, der mit seiner Plakataktion die Inszenierung am professionellsten betreibt. Ein Fotograf hat ihm geraten, diese Unterhemdenfotos zu machen. Da sehe ich ganz klar, dass eine Inszenierung stattfindet. Die FDP sagt: Wir wollen zurück in den Bundestag und brauchen Aufmerksamkeit und eine Galionsfigur.

Und das TV-Duell Merkel-Schulz?

Pufpaff: Vom TV-Duell bin ich immer noch maßlos enttäuscht. Es konnte gar keine Inszenierung aufkommen, wenn die angeblich führenden Köpfe des deutschen Fernsehjournalismus Ja-Nein-Fragen stellen. Ich saß kopfschüttelnd vor dem Fernseher. Merkel ist in einer wunderbaren Position: Alles, was in der Großen Koalition gut gelaufen ist, hat sie gemacht. Wenn was schlecht war, sagt sie zu Schulz: Sie haben doch mitgemacht. Der „Fünfkampf“ einen Tag später war viel spannender. Da hat man toll die Inszenierung gesehen: Alice Wedel von der AfD als Konservative mit Perlenkettchen und Brille. Sahra Wagenknecht hat ein grünes Kleid dem roten vorgezogen. Und Cem Özdemir strahlte die meiste Authentizität aus.

Sie gelten als erfrischend unkorrekt. Wäre es nicht einfacher, Witze über Ihre Frau und deren mögliche Marotten zu reißen, anstatt dafür zu werben, bei der Wahl „nicht das Hakenkreuzchen an der falschen Stelle zu machen“, wie Sie es nennen?

Pufpaff (lacht): Sagen wir mal so: Das Regal, in dem die Frauenwitze stehen, wird schon sehr gut von jemand anderem bestückt. Warum soll ich da mit einem zweiten Discounter kommen? Da behalte ich lieber meine kleine Feinkostabteilung. Außerdem bin ich nicht nur Unterhalter. Ich sage auch, wenn ich etwas richtig schlecht finde. Um etwas loszutreten, braucht man eine gewisse Eckigkeit. Erst wenn sich der Zuschauer fragt, wie ich das gemeint habe, setzt er sich damit auseinander.

Der Satire wird es derzeit einfach gemacht, wenn die Objekte kritischer Beobachtung etwa Trump heißen. Andererseits unterhält Recep Tayyip Erdogan einen Anwalt in Deutschland und es gab den Anschlag auf das Satireblatt Charlie Hebdo. Hat das Auswirkungen auf die Schere im Kopf?

Pufpaff: Es hat keine Auswirkungen auf die Schere im Kopf, aber auf die Verantwortung, die man auf einmal trägt. Am Tag nach dem Charlie-Hebdo-Anschlag hatte ich einen Auftritt. Man merkte, dass die Zuhörer komplett verunsichert waren, aber auch, dass sie unbedingt einen Kommentar wollten. Paris ging den Leuten ins Mark. Das hat aber nicht bewirkt, dass ich netter war und alle in den Arm nehmen wollte. Nein, das konnte und wollte ich nicht. Also: Durch Erdogan, Trump und Putin ist es vielleicht leichter, Themen zu finden, die Anforderungen an die Qualität sind jedoch gestiegen. Es ist eigentlich mehr Arbeit geworden, weil man dezidierter recherchieren muss.

Wie ein Appell lässt sich der Name Ihres Programms „Auf Anfang“ lesen. Wie soll der aktuellen „Generation Kopf unten“ der Neuanfang gelingen? Mit Online-Petitionen bei Facebook?

Pufpaff: In „Auf Anfang“ geht es darum, dass man reflektiert: Wenn man eine Meinung hat, sollte man diese immer wieder infrage stellen. Man sollte rausgehen, und sich die Dinge selbst ansehen. Ich propagiere den Zweifel als Intelligenz des 21. Jahrhunderts. Alles, was uns vorgekaut wird, sollte man durchaus auch mal anzweifeln. So werden Fake-News entlarvt. Und ich rufe in meinem Programm dazu auf, Smartphone und Tablet einfach mal einen Tag auszulassen. Man wird auf einmal feststellen, wie viel Zeit man hat.

Eines Ihrer Markenzeichen ist, dass Ihre Gedanken so klingen, als seien Sie Ihnen just eingefallen. Lässt sich das trainieren?

Pufpaff: Weiß ich nicht. Es ist eher praktischer Natur: Ich kann mir keine Texte merken. Jeder Abend ist bei mir anders, weil die Sätze immer anders aus mir heraussprudeln. Ich weiß, was ich erzähle und kenne die Pointe, aber der Weg dahin ist oft sehr unterschiedlich. Es steckt sehr viel vom echten Pufpaff in der Bühnenfigur Pufpaff. Ich sage meine Meinung, extrem überspitzt bis gegenteilig aber mit eindeutiger Intension. Etwa, wenn ich dafür bin, dass alle Armen nicht wählen sollten. Da plädiere ich für Wohnbauten in Vororten, wo Leute mit Einkommen unter 50 000 Euro einziehen: Die kriegen Flatrates, Netflix, Alkohol – aber sollen sich nicht an der Wahl beteiligen. Wenn ich das sage, hoffe ich, dass die Leute merken, dass wir von dieser Ruhigstellung gar nicht so weit entfernt sind: Das ist Satire.

Wie schreibt Sebastian Pufpaff seine Texte und wovon lassen Sie sich inspirieren?

Pufpaff: Ich bin die ganze Zeit auf Empfang. Am Samstag war ich in Bonn und habe Geschenkpapier gekauft. An der Kasse fragte ich, ob sie mir das Geschenkpapier in Geschenkpapier einpacken kann, weil ich Geschenkpapier verschenken wolle. In einer langen Schlange vor der Kasse kommen einem solche Ideen. Im Oktober haben wir die Aufzeichnung von „Pufpaffs Happy Hour bei 3sat“ – da werde ich die Nummer bringen, unter dem Motto: Wie bekomme ich noch mehr Geschenkpapier umsonst und mache damit vielleicht Kapitalismuskritik, wer weiß. Solche Sachen schreibe ich in mein Handy rein. Heute Morgen schrieb ich: Wir retten die Banken, aber keine Griechen. Wir tolerieren Rechte, aber keine Flüchtlinge. Wir retten die Umwelt und fahren dabei Auto, da kann man doch was draus machen. So entstehen Nummern.

Wir kennen Sie als Bewohner einer Kabarett-WG, als Besucher der „Anstalt“, der „Heute-Show“ und anderen Formaten sowie als Solokünstler. Welches Licht ist Ihnen lieber: Studio oder alleine auf der Bühne in Rheinbach, Rheine oder Reit im Winkel?

Pufpaff: Ich nehme auch Städte ohne R. Es ist die Mischung. Dadurch wird es nicht langweilig. Auf Tour zu sein ist super, weil man live spielt und zwei Stunden die Zuschauer begeistern darf. Der Nachteil ist, wie beim Jungen-Mann-zum-Mitreisen-gesucht auf Pützchens Markt: Man ist viel unterwegs, und ich kenne jede Cervelatwurst, die es in den Hotels dieser Republik gibt, persönlich. Fernsehen à la „Heute-Show“ macht sauviel Spaß. Bei der Kabarett-WG war ich Autor und Mit-Erfinder – das ist ein ganz anderer kreativer Katalysator für mich. Und die „Happy Hour“ ist total egoistisch: Ich lade die Leute ein, die am witzigsten sind, über die ich lachen kann und von denen ich glaube, dass sie durchstarten. Ich möchte nichts davon missen.

Sie sind Vater von zwei Kindern, die sechs und zwei Jahre alt sind. Was macht die Vaterschaft mit dem Kabarettisten Pufpaff?

Pufpaff: Es gibt Momente, wo ich sage: Zehn Tage auf Tour, ich wäre lieber zu Hause. Gerade in den ersten zwei Jahren verändert sich ein Kind so wahnsinnig schnell. Aber die Vaterschaft hat keinen Einfluss auf meine Arbeit, und ich verbürge mich hiermit, niemals ein Programm über Vaterschaft und Windeln wechseln zu machen – oder „Hilfe, ich bin jetzt 40, 50 oder 60...“. Das ist wieder ein anderer Anbieter mit einem anderen Regal.

Mit „Auf Anfang“ tritt Sebastian Pufpaff am Samstag, 16. September, 19 Uhr, im Stadttheater Rheinbach, Königsberger Straße 29, auf. Karten kosten 20 Euro plus Gebühren, erhältlich im Meckenheimer Ticketshop Ruland, Hauptstraße, und in Rheinbach in der Buchhandlung Kayser, Hauptstraße. Und: Am Samstag, 3. Februar 2018, 20 Uhr, gastiert er in Meckenheim, Jungholzhalle, Siebengebirgsring 4.