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Starkregen und Hochwasser: Die Voreifel ist ein Katastrophengebiet

Folgen des Unwetters im Linksrheinischen : Die Voreifel ist ein Katastrophengebiet

Am Donnerstag wird das Ausmaß der Unwetterschäden im Linksrheinischen erst richtig deutlich. Besonders hart trifft es Rheinbach und Swisttal. Der Rhein-Sieg-Kreis bestätigte Tote.

Das Links­rheinische erinnerte am Donnerstag an einen Katastrophenfilm. Doch es war Realität: verlassene Autos, die kreuz und quer auf den Straßen standen, Stromausfälle, kein Telefonempfang, Absperrungen, die an vielen Ecken ein Weiterkommen verhinderten.

Am Tag nach den verheerenden Regenfällen vom Mittwoch wurde erst richtig klar, was die Wassermassen angerichtet hatten. Durch die Orte hatten sich Flutwellen ihren Weg gebahnt. Tonnenweise Hab und Gut wurde vernichtet, die Feuerwehren waren weiterhin im Dauereinsatz. Bis Donnerstagabend wusste der Kreis von drei Toten im Linksrheinischen.

Beim Krisenstab des Rhein-Sieg-Kreises in Siegburg herrschte am Donnerstag Fassungs- und Ratlosigkeit. Kreisbrandmeister und Einsatzleiter Dirk Engstenberg sprach von einer Situation, wie sie im Rhein-Sieg-Kreis noch nie eingetreten sei, von „einem unvorstellbaren Ereignis“.

Rheinbach und Swittal trifft es besonders hart

Noch am Donnerstag war die Kommunikation mit den örtlichen Einsatzstellen teils massiv eingeschränkt. Laut Engstenberg stehen zwei Umspannwerke unter Wasser und könnten auch nicht so schnell repariert werden. Die daraus resultierenden Stromausfälle haben bereits in der Nacht zu Donnerstag nicht nur die Menschen vor Ort, sondern auch die Helfer betroffen.

Weil der Digitalfunk ausgefallen sei, habe man auf alte, analoge Funktechnik zurückgreifen müssen, führte Engstenberg aus. Dennoch funktionierte die Kommunikation zwischen Krisenstab und örtlichen Kräften vielfach nicht. Für Engstenberg haben die Wassermassen, die sich aus der Steinbachtalsperre über Steinbach und Orbach in die Swist ergossen, „offensichtlich dazu beitragen“, dass die Situation so dramatisch ist.

 Verwüstungen in Rheinbach-Loch: Günter Eichen steht in den Resten seines Gartens.
Verwüstungen in Rheinbach-Loch: Günter Eichen steht in den Resten seines Gartens. Foto: Axel Vogel

Besonders hart traf es Rheinbach und Swisttal. Allein in Rheinbach kämpfte die Feuerwehr, unterstützt von überörtlichen Kräften, am Donnerstag mit 400 Einsatzstellen gleichzeitig. Zusätzlich schwebte über dem gesamten Tag das Damoklesschwert der randvollen Steinbachtalsperre, die noch am Donnerstagabend unter den Wassermassen zu brechen drohte. Der Rhein-Sieg-Kreis ordnete an, die 2000 Einwohner von Oberdrees und Niederdrees sowie etwa 6000 Menschen aus Swisttal zu evakuieren.

Evakuierungen aus Heimerzheim

Etwa aus dem Heimerzheimer Unterdorf. Bundeswehr und Bundespolizei hatten Hubschrauber bereitgestellt. Die Bürger wurden aufgefordert, sich bemerkbar zu machen, wenn sie ausgeflogen werden wollten. Der ungewöhnliche Shuttleservice ging vom jeweiligen Balkon bis zum Heimerzheimer Sportplatz am Höhenring. Dort konnten die Gestrandeten in der Turnhalle unterkommen. Parallel rückte das Technische Hilfswerk (THW) am frühen Abend mit Booten an, um weitere Bürger aus ihren Häusern zu holen.

Dabei standen auch die Helfer unter dem Eindruck dessen, was sie auf den überschwemmten Straßen wie Bachstraße, Quellenstraße und Kölner Straße sahen: „Das sieht aus wie im Krieg, Gebäudeteile sind weggerissen“, sagte ein THW-Mann. Viele Heimerzheimer zeigten unterdessen große Hilfsbereitschaft und brachten kistenweise ausrangierte Kleidungsstücke zur Unterbringung in der Turnhalle.

Eine Anwohnerin der Weststraße sagte gegen 18 Uhr: „Hier herrscht eine gespenstische Ruhe, wahrscheinlich sind schon viele evakuiert worden.“ Die meisten Heimerzheimer hatten am Donnerstag keinen Strom. Folglich konnten sie auch nicht telefonisch erreicht werden. Deshalb kursierten in den sozialen Medien wie Facebook und Whatsappgruppen etliche Vermisstenanfragen.

Lob für die Helfer

Rheinbachs Erster Beigeordneter Raffael Knauber bezeichnete die jüngsten Ereignisse am Donnerstag als die größte Katastrophe für Rheinbach. Ihm zufolge sorgten rund 20 Polizisten und 80 Bundeswehrkräfte in Ober- und Niederdrees dafür, die Menschen zu informieren und in die Stadthalle Rheinbach zu transportieren.

Eine von ihnen war Andrea Bruna, Anwohnerin der schwer getroffenen Oberdreeser Straße. „Die Vorstellung, dass ich das Haus nicht mehr beziehen kann, bringt mich zum Zittern“, sagte sie. Wie viele andere Oberdreeser war sie gegen 1 Uhr in die Ludwig-Fett-Halle evakuiert worden. Am Vormittag kehrten die Anwohner zurück in ihre Häuser – aber nur, um das Nötig­ste zu packen.

 Vollgelaufen: Die Unterführung an der Bornheimer Mühlenstraße.
Vollgelaufen: Die Unterführung an der Bornheimer Mühlenstraße. Foto: privat

Die Evakuierten harren unter anderem in Notunterkünften in Swisttal und in der Rheinbacher Stadthalle aus. Und wie lange noch? Laut Einsatzleiter Eng­stenberg hat das auch damit zu tun, wie viel Wasser noch aus der Steinbachtalsperre kommt.

In der Rheinbacher Stadthalle lobten die Evakuierten die Betreuungseinheiten der Rettungsdienste: „Sie haben uns die ganze Nacht mit Broten, Obst, Kaffee und vielem mehr versorgt“, sagte eine Betroffene aus Oberdrees. Im Jugendheim seien zudem für die Erschöpften frisch bezogene Betten zum Schlafen bereitgestellt worden. Wegen Wasserschäden geschlossen sind das Montemare und der Rheinbacher Campus der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg.

Das große Aufräumen beginnt

Von Ort zu Ort zu kommen war in Voreifel und Vorgebirge auch am Donnerstag noch fast unmöglich. Überall hatten Polizei und Feuerwehr Straßen absperren müssen, weil sie über- oder unterspült waren.

In Alfter hatte die Feuerwehr laut Pressesprecherin Silke Simon bis Donnerstagabend knapp 200 unwetterbedingte Einsätze: vollgelaufene Keller und überschwemmte Straßen. „Das ist aber nichts im Vergleich zu unseren Nachbarn“, sagte sie. Auch in Alfter waren weiterhin verschiedene Straßen gesperrt, die Stromversorgung in Witterschlick und Volmershoven war über viele Stunden unterbrochen.

 Vom Sportplatz aus starten Hubschrauber, um Menschen aus Heimerzheim zu evakuieren.
Vom Sportplatz aus starten Hubschrauber, um Menschen aus Heimerzheim zu evakuieren. Foto: Doris Pfaff

In Bornheim kämpfte die Feuerwehr ebenso mit überfluteten Straßen, vollgelaufenen Häusern und Hangrutschen, alles in allem 230 Einsätze. Ein Einsatzschwerpunkt war der Stadt zufolge in Walberberg und Merten. „Am Freitag beginnt das große Aufräumen und Reparieren“, sagte Stadtsprecher Christoph Lüttgen. Wie auch in anderen Bornheimer Ortsteilen – und den übrigen linksrheinischen Kommunen – war die Hilfsbereitschaft der Menschen untereinander riesengroß.

So halfen etwa Mitglieder des Walberberger Junggesellenvereins der örtlichen Feuerwehr im Kampf gegen die Wassermassen. Im ganzen Linksrheinischen boten die Menschen Unwetteropfern trockene Plätze zum Ausharren an. Kritisch ist die Situation auch weiterhin am Bornheimer Rheinufer. Die Stadt rechnet mit zwei Wochen Sperrung.

„Das war wirklich Apokalypse“

In Meckenheim musste die Feuerwehr unter anderem ein Auto aus einem Bachlauf in Ersdorf ziehen. „Wir hatten Stromausfälle in allen Teilen der Stadt, Personen hinter verschlossenen Türen und Leute, die wir aus ihren Autos befreien mussten“, sagte Feuerwehrsprecher Jens Hapke. Am Donnerstagabend hatte die Wehr 48 Einsatzstellen abgearbeitet, 25 waren noch offen.

Die Wasserrettungen der DLRG aus Mühlheim an der Ruhr und Mettmann waren mit sieben Booten, neun Fahrzeugen und 40 Rettungskräften zur Verstärkung angerückt, um vom Wasser eingeschlossene Personen an der Mühlenstraße, der Merler Straße und im Ruhrfeld zu evakuieren. Sieben Personen wurden laut Hapke so eingesammelt. Die meisten hätten es vorgezogen, in ihren Häusern zu warten, bis das Wasser im Laufe des Tages abfloss. Teilweise kamen die Meckenheimer in der Jungholzhalle unter.

Karin Frohleiks hatte das Unwetter am Mittwochabend an der Ersdorfer Unterdorfstraße erlebt. „Ich kann es nur als Katastrophe beschreiben. Wir haben gerade noch Sandsäcke vor meine Haustüre legen können, dann kaum auch schon das Wasser – aber sintflutartig.“ Alle Keller seien sofort vollgelaufen. „Ich habe nur noch gebetet, weil das Wasser schon im Flur stand und durch die Hauswand in mein Schlafzimmer gedrückt hat. Ich stand kurz vorm Nervenzusammenbruch“, sagte die 68-Jährige. „Das war wirklich Apokalypse. Ich habe gedacht, ich habe den Rhein vor der Haustür.“beschrieb es Günter Eichen aus Rheinbach-Loch. „Ich wohne hier seit über 70 Jahren. So etwas haben wir noch nicht erlebt.“ Der Schiefelsbach hat Eichens gesamtes Grundstück verwüstet. Mittwochmittags hatte er noch gedacht, er hätte alles in Sicherheit gebracht. „Aber dann kam der Bach und es gab kein Halten mehr“, erzählte er.

Der Kreis hat ein Telefon geschaltet, bei dem man unter ☏ 0 22 41/13 62 52 vermisste Personen aus Swisttal und Rheinbach melden kann.