Juden in Rheinbach Niemand wagte Widerspruch

Rheinbach · Heute vor 80 Jahren wurden die ersten Juden aus Rheinbach von den Nazis deportiert und später ermordet. Unser Gastautor Peter Mohr erinnert daran.

 Gert-Uwe Geerdts (l.) und Peter Mohr putzen in Rheinbach die Stolpersteine und legen Blumen nieder.

Gert-Uwe Geerdts (l.) und Peter Mohr putzen in Rheinbach die Stolpersteine und legen Blumen nieder.

Foto: Axel Vogel

„Wer das Gestern nicht kennt, weiß nicht, was das Morgen bringen kann“, ruft uns Ernst Bloch zur Erinnerungskultur auf. Auch in Rheinbach hat man sich dieser Erinnerungskultur mit „Nichtvergessen, Mahnen und Gedenken“ in den letzten Jahren zugewandt. Besonders gilt das für die hiesige NS-Zeit und die große Opfergruppe ermordeter jüdischer Bürger und Bürgerinnen, die mit ihren Namen und Schicksalsdaten auf 36 in den vergangenen Jahren verlegten Stolpersteinen ihre Identität zurückerhalten haben.

Öffentlich bekannt wurde eigentlich alles erst 2002 mit der Gedenkstätte im Rathaus und dem Buch „Sie waren Nachbarn ..“. Bis dahin gaben viele Bürger sich unwissend, sagten etwa „Die Juden sind weggekommen.“ Bereits 1988 wurde aufgrund kritischer Nachfragen aus dem schulischen Bereich, begleitet von Rudi Eis‘ Rückkehr aus USA und befördert durch die „Befreiungs“-Rede des Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker, am Standort der ehemaligen Synagoge eine Mahntafel errichtet. Sie beklagt allerdings nur die Zerstörung der Synagoge, nicht aber die Opfer.

Zunächst nach Endenich „abgeholt“

Nun wurde anlässlich ihres 80. Jahrestags die Wannseekonferenz vom 20. Januar 1942 sehr eingehend dargestellt. Heydrich, Chef der Sicherheits-Polizei, stellte dort die zuvor von Hitler entschiedene und vorbereitete Endlösung vor und stellte damit die NS-Mordmaschine in Dienst. So sollte es nur knapp drei Wochen dauern, als bereits vom 10. bis 17. Februar 1942 aus Rheinbach 32 Juden ins Sammellager Kloster „Ewige Anbetung" nach Endenich „abgeholt“ wurden.

Wie verlässliche Zeitzeugen darüber in den 90er Jahren berichteten, geschah alles relativ ruhig, bis auf die entwürdigende Szene vor der Metzgerei Geisel, als ein pöbelnder NS-Mob bei der Verladung der vier Geisel-Geschwister und ihres Hausrats die Polizei und Gestapo zu Fußtritten anspornten.

Niemand wagte Widerspruch

Allgemein breitete sich bei vielen Nachbarn eine bedrückende traurige Stimmung aus, doch keiner wagte Widerspruch, aber Einige weinten. War es doch ein Abschiednehmen vom guten Nachbarn, vom Freund in Schule, Verein und Feuerwehr, von hochangesehenen Bürgern, die als Soldaten für Deutschland kämpften oder bis zum Letzten für die Republik als in den Kreistag Gewählter standen oder als Sponsoren dem RTV zum Jahnplatz verhalfen.

In allem waren es deutsche gesetzestreue Nachbarn, mit Vorfahren teils seit dem 14. Jahrhundert. Sie hatten denselben Gottvater, nur lebten sie wie die Christen nach eigenen religiösen Gesetzen, ihre Kirche war die Synagoge.

Der Bürgermeister verunglimpft die Juden

Gewiss rechnete auch keiner mit deren Tötung, sondern sah nur die Umsiedlung aus Deutschland, wohin auch immer. Man beruhigte sich auch damit, dass die Juden zwar im Kloster zur Arbeit dienstverpflichtet würden, aber einen eigenen Haushalt führen dürften. Sogar Einkäufe in Bonn seien erlaubt, so wurde erzählt.

Deutlicher wurde Rheinbachs NS-Bürgermeister Wiertz, der als Ortsgruppenleiter in seinem NSDAP-Heimatbrief an die „Lieben Kameraden!“ von März 1942 ein „geschichtliches Datum“ mitteilt: „Die Stadt Rheinbach ist wieder rasserein geworden. Die Plattfußindianer (die Juden) sind alle fort. Wir haben darauf nur eine passende Antwort: Die Wanzen sind auch Tiere. Ja Kameraden, der Jude ist unser Unglück. Wegen dem Juden haben wir heute den Krieg ….“

254 zivile Kriegsopfer in Rheinbach

Leider ist nicht überliefert, wie hierauf die Soldaten reagierten, insbesondere die, die den Osten zu erobern halfen, aber schon auf dem Rückmarsch nach Stalingrad waren. Fürwahr eine bittere Bilanz: 412 tote oder vermisste Soldaten aus Rheinbach kamen nicht wieder, es gab 254 zivile Kriegsopfer in der Stadt. Diese Tatsache wurde oft als Entschuldigung für den verbrecherischen Angriffskrieg genutzt, indem man auf deutsche Verluste und Leiden verwies.

27 Rheinbacher wurden am 19. Juli 1942 nach Köln-Messe und am folgenden Tag im Sonderzug mit insgesamt 1164 Menschen nach Minsk zum nahegelegenen Vernichtungsort (kein Lager) Maly Trostenez gebracht und direkt nach Ankunft am 24. Juli mit Autoabgasen getötet oder „in die Gruben geschossen“ wurden.

Mit den Stolpersteinen wurde diesen Menschen und den neun anderen Opfern, ermordet in Ausschwitz, Chelmno, Majdanek, Sobibor, Treblinka, Theresienstadt, ein eigenes Denkmal in der Heimat gesetzt. Die Vorübergehenden sollen nicht stolpern, sondern zum erinnernden Nachdenken bewegt werden.

Dank an Blüm und Röttgen

Vorbei ist heute gottlob die Zeit des politischen Widerstandes bezüglich „zu viel Gedenken“, der sich von 2008 bis 2015 gegen Stolpersteine und das Denkmal für ermordete Ukrainer richtete. Zum Umdenken trugen Bürgerinitiativen, Schulprojekte, Presseberichte, Leserbriefe und politische Persönlichkeiten wie Norbert Blüm und Norbert Röttgen bei.

Coronabedingt wird an den Tagen der 80. Wiederkehr keine Gedenkveranstaltung stattfinden, sondern auf jeden gereinigten Stein mit einem Blumengruß des Gedenkens aufmerksam gemacht. Nur ein kleines Erinnern, eine Selbstverständichkeit einiger Bürger und Bürgerinnen.

„Wer das Gestern nicht kennt, weiß nicht, was das Morgen bringen kann“,

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