1. Region
  2. Voreifel & Vorgebirge
  3. Rheinbach

Beratung für Hochwasser-Opfer: Wie eine Seelsorgerin Flut-Opfern in Flerzheim hilft

Beratung für Hochwasser-Opfer : Wie eine Seelsorgerin Flut-Opfern in Flerzheim hilft

Psychologin Ute Mauersberger aus Flerzheim bietet Betroffenen der Hochwasser-Katastrophe Unterstützung an. Weshalb sich niemand scheuen sollte, seelsorgerische Hilfe in Anspruch zu nehmen, erklärt die 59-jährige Assistenzärztin der Dr. von Ehrenwall'schen Klinik in Ahrweiler im Interview mit GA-Redakteur Stephan Stegmann.

Frau Mauersberger, gut zwei Wochen sind seit der Hochwasser-Katastrophe vergangen. Wie erleben Sie die Situation derzeit?

Ute Mauersberger: Viele Menschen sind mit einem Schlag mit schrecklichen Ereignissen konfrontiert worden. Die Ohnmacht ist demzufolge teilweise noch sehr groß. Dennoch ist eine Mehrzahl der Menschen derzeit noch im Aktionsmodus, überall wird Hand in Hand ausgeräumt, der benötigte Elektriker rückt auch sonntags an oder man hilft sich nachbarschaftlich mit Geräten aus. Allgemein ist eine riesige Bereitschaft in der Bevölkerung vorhanden, einander zu unterstützen. Anteilnahme ist eine sehr gute Basis für meine Arbeit.

Welche Alarmsignale sollten Betroffene nicht überhören?

Mauersberger: Das Unglück betrifft eine große Gruppe mehr oder weniger stark. Darunter sind Anwohner aus Hochwasserregionen, Angehörige, Einsatzkräfte aber auch medizinisches Personal oder ehrenamtliche Helfer. Noch fängt die Interaktion die einsetzenden Verarbeitungsprozesse bei Einzelnen ab. Dabei ist der Austausch etwa über drängende Versicherungsfragen oder ähnliches gut, weil er den Gemeinschaftsgedanken und die Verarbeitung stützt. Aber wenn diese Phase vorbei ist, ist davon auszugehen, dass die Betroffenen unter anderem Symptome eines Traumas zeigen. Das kann sich etwa in Form von Ängsten, Geräuschempfindlichkeit, Schlaflosigkeit oder Gedankenkreisen äußern. Wir werden Vieles mit der Posttraumatischen Belastungsstörung (auch PTBS, Anm. d. Red.) in Verbindung bringen können. Um diese Ausprägung etwas einzudämmen, versuchen wir rechtzeitig Ersthilfe zu leisten. Unsere Ortsvorsteherin Ellen Schüller wird dann rechtzeitig beispielsweise auf digitalem Wege oder mit Aushängen über Folgeangebote informieren.

Wohin können sich Betroffene wenden?

Mauersberger: Leute mit psychologischen Vorerkrankungen wissen, an wen sie sich wenden werden. Aber wenn es einige das erste Mal trifft, wovon ich bei einer solchen Katastrophe ausgehe, ist die Scheu unter Umständen sehr groß, sich Hilfe zu suchen. Deshalb gibt es in Flerzheim eine Helfergruppe über das Online-Netzwerk Whatsapp, in der ich mein zeitlich flexibles Angebot für Einzelne oder auch Gruppen geschaltet habe. Für meine Gespräche mit Betroffenen steht ein Raum in der KGS Flerzheim zur Verfügung. Zusätzlich biete ich gemeinsam mit Kollegen via Telefon-Hotline Betreuung an. Es ist wichtig, dass sichtbare Angebote existieren, auch wenn sie noch zögerlich wahrgenommen werden. Wahrscheinlich wird sich das schon bald ändern, wenn etwa Dinge wie die Anschaffung eines neuen Wäschetrockners oder anderweitig anstehende Aufgaben zunächst abgearbeitet sind.

Erwarten Sie also einen Ansturm?

Mauersberger: Ich gehe davon aus, dass sich die Nachfrage merklich erhöhen wird. Als ich anfänglich durch die Straßen lief, habe ich sehr aktive Leute beobachtet. Aber es gab auch Blicke voller Trauer und Verzweiflung. Auch anhand beiläufiger Kommentare im Vorbeigehen wird für mich ersichtlich, dass vereinzelt erhöhter Redebedarf besteht. Eine kleine Episode: Stellen Sie sich beispielsweise vor, dass alle im Keller gelagerten Fotoalben oder Dia-Kisten plötzlich futsch sind. Unvermittelt bricht ein großes Stück dokumentierte Familiengeschichte weg. Das bedeutet, die Kinder der Familie können ihren eigenen Kindern später womöglich nie eigene Fotos zeigen, geschweige denn welche der Eltern. Das sind vielleicht keine großen Tragödien – aber es tut dennoch sehr weh.

Das geben wahrscheinlich die Wenigsten offen zu?

Mauersberger: Sicherlich gibt es die Scham, bereitwillig darüber zu reden. Darüber, dass der ideelle Verlust so schlimm für manche war, wo andere doch nahestehende Angehörige oder auch liebgewonnene Tiere verloren haben. Dabei ist weder das eine noch das andere eine Bagatelle.

Welche emotionalen Herausforderungen sind mit der Katastrophen-Bewältigung noch verbunden?

Mauersberger: Eine solche Katastrophe verursacht sehr viele emotionale Reaktionen. Das kann von Verlustängsten über Wut, Ohnmacht und Schuld bis hin zu Katastrophisieren reichen, einer kognitiven Verzerrung, die davon Betroffene notorisch vom Schlimmsten ausgehen lässt. In vielen Fällen hilft es dann, darüber zu sprechen. Eine gute Idee ist es auch, wieder mehr miteinander zu lachen. Das geschieht in meinem Ort, der auch schwer vom Hochwasser betroffen ist, auch gerade. Dort werden immer häufiger Campingtische zusammengerückt, um gemeinsam mit Nachbarn, Freunden oder Helfern zu reden, zu essen und Zeit zu verbringen.

Stimmt Sie das zuversichtlich?

Mauersberger: Es zeigt einfach, dass es nach solchen Krisensituationen überall weitergeht. Es gibt deutliche Zeichen der Hoffnung. Das bestärkt mich in meinem Vorhaben, denn diese Situation ist auch für mich Neuland. Ich musste während eines Auslandsaufenthalts bereits ein schweres Erdbeben in Chile miterleben, aber das Ausmaß des Hochwassers ist für mich noch deutlich drastischer. Deswegen macht alles Mut, was Menschen in dieser Situation Halt gibt. 

Verstehen Sie Betroffene, die Ihre Hilfe dennoch ausschlagen?

Mauersberger: Deshalb ist es ja ein freiwilliges Angebot. Dennoch ist es wichtig, dass Betroffene verstehen, dass sie keine Scheu haben müssen, Hilfe anzunehmen. Je eher man sich helfen lässt, desto besser. Es ist kein Versagen, wenn man um Hilfe bittet. Zu verstehen ist das Angebot eher als wertvolle Ressource: Denn wir sind soziale Wesen, die stets auf Unterstützung von anderen angewiesen sind. Davon profitieren wir schließlich alle.