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Junge Mütter durchleben schwere Zeiten: „Sie sitzen zu Hause wie im Knast“

Junge Mütter durchleben schwere Zeiten : „Sie sitzen zu Hause wie im Knast“

Felicitas Josmann ist als Familienhebamme in Alfter, Swisttal und Wachtberg im Einsatz. Die 48-Jährige beobachtet, dass derzeit viele junge Mütter vereinsamen.

In ihrer Arbeit sieht sich Felicitas Josmann als Lotsin. Egal, welche Probleme im ersten Lebensjahr eines Kindes auf Familien zukommen, sie vermittelt die passende Hilfe. Als Familienhebamme in Alfter, Swisttal und Wachtberg stellt Josmann Kontakte zu Beratungsstellen her, vor allem aber vernetzt sie junge Mütter.

Normalerweise kann Josmann Familien etwa bei Schreikindern, Stillproblemen oder sich türmenden Rechnungen eine Last nehmen. Doch derzeit stößt die 48-Jährige an Grenzen. Denn nicht nur Senioren, auch junge Mütter vereinsamen in Zeiten wie diesen. Die ersten Wochen mit einem Säugling sind ohnehin nie einfach. Schlafmangel und viele Fragen gehören dazu. In der Regel raten Josmann und ihre beiden Kolleginnen, die als Angestellte der Diakonie im linksrheinischen Kreisgebiet unterwegs sind, dann zur Ablenkung. Sich mit Freunden treffen, ein paar Tage die Familie besuchen…

Die Arbeit im Homeoffice verschärft die Situation

„Im ersten Jahr mit dem Kind, da baut man ein Netz auf für die kommenden Jahre“, weiß Josmann aus Erfahrung. Und das ist gerade wegen der eingeschränkten Möglichkeiten nicht möglich. Den gut gemeinten Tipp, sich Hilfe von Eltern oder Großeltern ins Haus zu holen, können und wollen viele aus Sorge nicht umsetzen. Und so beobachtet die 48-Jährige immer öfter junge Mütter, die ganz allein sind. „Sie sitzen zu Hause wie im Knast. Sie zählen jede Stunde.“

Typisch sind Fälle von Frauen, die mit Mitte dreißig ihr erstes Kind bekommen und im Beruf pausieren. Eigentlich würden sie bei der Rückbildungsgymnastik neue Kontakte knüpfen. Aber wenn diese Kurse derzeit überhaupt angeboten werden, dann nur online. Selbst dort, wo alles gut vorbereitet war, bitten Familien um die kostenlose Hilfe. Josmann berichtet von einer Mutter, die sich um ihr Kleinkind und das neue Baby kümmern wollte. Einen Kita-Platz brauchte die Familie nicht. Nun ist der Mann im Homeoffice, und plötzlich muss es in der Wohnung tagsüber ruhig sein. Ein Kind ständig zu beschäftigen und ein Baby zu versorgen, bringe die Mutter an ihre Grenzen.

Eine Schwangere ist nur wenige Wochen vor der Entbindung in die Region gezogen und hat keine sozialen Kontakte – und keine Chance, das zu verändern. Noch schlimmer sei es bei Flüchtlingsfamilien, die wegen der Sprachprobleme vieles nicht verstehen. „Das sind verzweifelte Situationen“, sagt Josmann. Die Hebamme kann nur raten, sich in der Nachbarschaft nach jungen Müttern umzusehen, um vielleicht so Anschluss zu finden.

So wenig tun zu können, ist für Josmann neu. Und sie ist seit 1997 Hebamme, zuerst in der Geburtsvorbereitung und Nachsorge, seit 2009 Familienhebamme. Trotzdem wird die 48-Jährige für alle da sein, die Hilfe brauchen. Manchmal helfe einfach ein gemeinsamer Spaziergang oder ein Zuspruch am Telefon. Andere Probleme dieser Zeit werden den Start ins Familienleben für viele jedoch unabänderlich prägen. So litten im März die Gebärenden darunter, allein in den Kreißsaal zu müssen. Bis heute gebe es da Tränen in den Gesprächen, auch auf Seiten der Partner. Selbst den Babys merke man es laut Josmann an, wenn sie erst mit einem halben Jahr oder noch später zum ersten Mal andere Kinder sehen.