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Industriedenkmal bei Kuchenheim: So wurde die Tuchfabrik Euskirchen zum Museum

Industriedenkmal bei Kuchenheim : So wurde die Tuchfabrik Euskirchen zum Museum

In der Tuchfabrik in Kuchenheim passierte nach der Schließung drei Jahrzehnte lang nichts, dann wurde sie zum Museum. Die alte Maschinen funktionieren noch immer.

Vielleicht war Kurt Müller ein Optimist. Als er 1961 seine Tuchfabrik in Kuchenheim schloss, beließ er alles an Ort und Stelle, bereit, jederzeit wieder in die Produktion von Streichgarntuch einzusteigen. Doch dazu kam es nie. Fast drei Jahrzehnte später wurden Denkmalschützer auf den Betrieb im Osten von Euskirchen aufmerksam und fand alles wie in einer Zeitkapsel konserviert vor: Die schweren Maschinen aus den 1920er Jahren, Asche im Kesselhaus und etliche Kleinigkeiten. Alles wurde aufgebarbeitet und mit Berichten von Zeitzeugen ergänzt.

Als ein Dependance des LVR-Industriemuseums erlaubt die Tuchfabrik Müller in Kuchenheim mit den funktionstüchtigen Geräteneinen Einblick in die Arbeitswelt der Vergangenheit. Die riesigen Räder der Dampfmaschine füllen das Maschinenhaus, das sonst recht schmucklos daherkommt. 80 PS hatte dieses Herz der Fabrik, das über Stangen und Riemen seit 1894 alles in Bewegung brachte. Es riecht nach Öl, Wartung ist wichtig. Im Museum sei alles in einem „gepflegten Gebrauchtzustand“, wie es Schauplatzleiter Detlef Stender beschreibt. Allerdings ersetzt unterdessen ein Druckluftkompressor den Dampfkessel, wenn für die Besucher die schweren Geräte regelmäßig angestellt werden.

Werkzeug liegt seit 1961 am selben Platz

Sonst setzen alle in der Tuchfabrik auf Authentizität. Die rohe Merinowolle kommt aus Übersee, wie es seit Mitte des 19. Jahrhunderts üblich war. Das Werkzeug, das noch in der gleichen Ecke liegt, in die es 1961 gefallen ist, oder das Bild einer Schauspielerin im Spind: Sie alle blieben erhalten. Zahlreiche Geschichten in den Führungen ergänzen das Bild.

Besonders unangenehm muss es laut Stender früher in der Färberei gewesen sein: heiß durch den Dampf und zugig durch die Belüftung im Dach, die auch im Winter offenstand. Die alten Färberezepte stehen noch mit Kreide auf einer Holztür.  „Alles, was alt aussieht, ist auch alt“, versichert Stender. Einzig rote Etiketten mit den Inventarnummern seien dazugekommen. Die Wasch- und Walkmaschinen stammen wahrscheinlich sogar von den Vorgängern der Familie Müller, aus der Zeit vor 1894.

Dem Holz sieht man die Zeit an. In jedem Raum ist ein Gewirr aus Zahnrädern und Riemen, unter der Decke meist der dicke Stab der Hauptwelle der Transmission. Es geht in die Krempelei und die Spinnerei. Die Vorführer des Museums lassen die Maschinen regelmäßig laufen, zeigen die Handgriffe und Arbeitsschritte. Allerdings ist in Corona-Zeiten nicht so viel möglich wie vorher, damit Abstand gehalten werden kann.

Trotz risikoreichem Arbeitsplatz keine Unfälle

„Es gibt keine Betriebsanleitungen“, erklärt Stender. Alte Arbeiter gaben ihre Erfahrungen weiter, manches musste herausgefunden werden. Das Wissen darüber zu bewahren, ist eine wichtige Aufgabe, etwa für den den richtigen Betrieb der Spinnmaschinen. Sie bleiben nicht stehen, trotzdem müssen immer wieder Fäden angeknüpft, Spulen ausgetauscht werden. Die Halle, in der das passiert, ist auffallend hell. Darauf hatte man schon Anfang der 1920er Jahre geachtet. Schilder warnen davor, Kopf, Hand oder Fuß in oder unter die laufende Maschine zu bringen. Der Besucher versteht schnell, warum. „Es gab keinen spektakulären Unfall von 1894 bis 1961“, hat Stender den erhaltenen Unternehmensunterlagen entnommen.

Die bestbezahlten Arbeiter betreuten die Webstühle in der Weberei, wo die „Schusszahl“, die Bewegungen der Webschützen, den Rhythmus bestimmte. Hier arbeitete man im Akkord, 4000 Schuss pro Stunde im Schnitt. „Die haben die Uhrzeiten nach den Schusszahlen gerechnet“, sagt Stender. Notizbücher hielten die genauen Zahlen fest, immerhin richtete sich die Bezahlung danach. Die Geschicktesten bediente zwei Webstühle gleichzeitig, Mutige verließen ihren Platz auch einmal für eine Zigarettenpause und hofften, am Klang zu erkennen, ob alles gut läuft. In der Nopperei, dem einzigen Frauenarbeitsplatz, fanden sich Zeitschriften und Flaschenöffner. Zitate der Arbeiterinnen berichten hier von der Belastung an Rücken und Füßen, geredet wurde aber wohl auch viel. Und wären die Fundstücke nicht teilweise in Schaukästen, man könnte glauben, die Damen kommen gleich zurück.

Ausführliche Informationen zur Tuchfabrik,  zu Führungen, Öffnungszeiten und Eintrittspreisen  im Museum an der Carl-Koenen-Straße 25 in
Euskirchen-Kuchenheim gibt es auf www.industriemuseum.lvr.de