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Odendorfer Kultkneipe „Beim Büb“: Anekdoten aus 100 Jahren Kneipengeschichte

Odendorfer Kultkneipe „Beim Büb“ : Anekdoten aus 100 Jahren Kneipengeschichte

Tina Kurth veröffentlicht derzeit gesammelte Anekdoten aus über 100 Jahren der Odendorfer Kneipe „Beim Büb“. Der „Büb“, also Josef Schäfer, war ihr Großvater. Die Geschichten sollen die Verbundenheit zu ihren Gästen zeigen.

„Isch john enns jraad bei de Büb!“ Das sagen vor allem ältere Odendorfer, wenn sie in die Kneipe gehen. Wobei „jraad“ gerne etwas länger dauern kann, selbst heute, wo der „Büb“ gar nicht mehr in der nach ihm benannten Gaststätte steht. Josef Schäfer, den kaum jemand unter diesem Namen kannte, betrieb die Kneipe in der Odinstraße über Jahrzehnte. Und war damit in dieser dörflichen „Kommunikationszentrale“ Schaltstelle, Gesprächspartner und Geheimniswahrer für die Menschen. Seine Enkelin Tina Kurth übernahm den Betrieb 2002. Doch jetzt ist es an der Theke still, niemand geht derzeit „jraad bei de Büb“. Das hatte nicht einmal der Zweite Weltkrieg dauerhaft geschafft.

„Die Leute, die allein sind, können wir gerade nicht auffangen“, bedauert Tina Kurth. Manche kämen sonst jeden Nachmittag, um über den Tag zu reden. „Das fehlt den Leuten, und mir auch.“ Dafür fiel ihr ein altes Buch in die Hände. Ihre Mutter Regina Kurth hatte es 2001 unter dem Titel „Isch john enns jraad bei de Büb“ zusammengestellt und binden lassen, ein Geschenk zum 70. Geburtstag des „Büb“ Josef Schäfer. Als Gruß an alle, denen die persönlichen Treffen fehlen, veröffentlicht Tina Kurth nun bis Weihnachten täglich ein Kapitel im Internet.

Es ist eine Sammlung von Anekdoten rund um die Theke, mit Geschichtchen von Urgesteinen und Urviechern rechts und links des Orbaches, bei denen der „Büb“ meist im Mittelpunkt steht. „Mein Vater hat ein gutes Gespür dafür, wann es wichtig ist auf jemanden einzugehen oder wann er sagen kann: Domme Quatsch“, schrieb seine Tochter im Buch über den Mann, der die Abkürzung des Spitznamens Bübchen ein Leben lang trug.

Selbst während des Krieges geöffnet

In den Texten sind dazu Einblicke in über 100 Jahre Kneipenleben überliefert. Immerhin gibt es den Familienbetrieb, der ursprünglich noch einen Kolonialwarenladen umfasste, seit 1903. So heißt es beispielsweise über den Zweiten Weltkrieg: „Während des ganzen Krieges blieb die Kneipe geöffnet, wenn auch oft unter schwierigsten Umständen. Sie war in Odendorf und Umgebung als ,Bunker 9’ bekannt. Da es an allen Ecken und Enden fehlte, besonders an Heizmaterial, wurde der Schankraum nur am Wochenende geöffnet. Unter der Woche traf man sich im Wohnzimmer und trank das erste alkoholfreie Bier der Geschichte.“

So kannten ihn die Odendorfer: Josef Schäfer, der Büb, im Jahr 2000. Foto: privat

Wer den Geschichten folgt, lernt so manchen alten Odendorfer (wieder) kennen: „Schneiders Bap“, der es Hitler persönlich übel nahm, weil seine Frau aus Angst vor Fliegerangriffen nicht mehr im ehelichen Bett schlief, oder „Bü-Jööf“, der nur dank seines lauten Schnarchens nicht in der Kneipe eingeschlossen wurde. Automatenhengste und Knobler spielten hier, Junggesellen versteigerten Mailehen, mancher vergaß beim Bier die Zeit oder versteckte sich vor seiner Ehefrau. Da fragte der Wirt sicherheitshalber in die Runde „Wer von üsch öss net do?“, bevor er ans Telefon ging.

Liebesdramen an der Bar

Immerhin gab es einen Ehemann, der von seiner Frau regelmäßig mit der Handtasche bedroht wurde, wenn er zu lange fernblieb. „An der Bar spielten sich natürlich auch diverse Liebesszenen und -dramen ab“, berichtet ein Kapitel. Zudem stand hier der wohl erste Fernseher des Dorfes. Im Gast­raum fand sich einmal ein Pferd, eine Motorradrennstrecke und ein Platz für den streunenden Kater Willi. Der veranlasste einmal alle anwesenden Gäste der Kneipe zu einer Rettungsaktion, deren Ausmaße mit jeder Erzählung dramatischer wurden. Der Büb verfolgte sogar einen Einbrecher.

"Büb" Josef Schneider mit seiner Enkelin und Nachfolgerin Tina Kurth hinter der Theke ihrer Kneipe. Foto: privat

Mit Leib und Seele Kneipenwirt

Und Regina Kurth bescheinigt ihrem Vater, ein „Schlitzohr“ gewesen zu sein. Berüchtigt waren vor allem seine Scherze zum 1. April, mit denen er auch Mitarbeiter des General-Anzeigers kalt erwischte. Eben ein Mann, der mit Leib und Seele Kneipenwirt war, mit offenem Ohr, aber sehr verschwiegen. „Manchmal erzählen Leute ihm Dinge, die erst eine lange Zeit später an die Öffentlichkeit kommen. Wenn wir ihm dann schon mal eine ,Neuigkeit’ erzählen wollen, stellt sich heraus, dass er schon seit Wochen darüber Bescheid wusste“, schreibt seine Tochter.

Und er scheint damit seiner Enkelin ähnlich, der er 2002 die Kneipe übergab. „Mir war immer klar, dass ich das machen möchte“, sagt Tina Kurth. Schließlich sei sie dort praktisch aufgewachsen und habe schon mit 16 mitgearbeitet. Allerdings bestand der Großvater zuvor auf eine Ausbildung in einem anderen Beruf – für alle Fälle.

Der „Büb“ verstarb 2004, bis heute erinnert der Name der Kneipe an ihn. Der Ort ist Kommunikationszentrale geblieben, selbst wenn aktuell die Tür zu bleiben muss. Nicht einmal die traditionelle Weihnachtsfeier mit Tombola am 23. Dezember wird es geben. Die Stammgäste halten trotzdem den Kontakt zu Tina Kurth. „Es sind viele, die hier anrufen oder vorbeispazieren“, erzählt sie. Die Geschichten sollen die Verbundenheit bestärken.

Die Kapitel erscheinen unter www.beim-bueb.de/geschichten-aus-der-kneipe sowie auf den Instagram- und Facebookauftritten der Kneipe.