Bill Mockridge im Kreaforum in Swisttal Die pure Lust am Leben

SWISTTAL-MORENHOVEN · "Was ist, Alter?" Die Frage hat Bill Mockridge, Vater von sechs inzwischen erwachsenen Söhnen, schon öfter zu hören bekommen, als er zählen kann. Grund genug also, sie sich einmal selbst zu stellen. Was - lässt man das Komma weg - plötzlich einen ganz neuen Sinn ergibt. Kein schlechter Titel für ein Bühnenprogramm, oder?

 Lupenpreisträger Bill Mockridge (rechts) mit Kreachef Klaus Grewe in Morenhoven.

Lupenpreisträger Bill Mockridge (rechts) mit Kreachef Klaus Grewe in Morenhoven.

Foto: Wolfgang Henry

Das fanden jetzt auch die Zuschauer im ausverkauften Morenhovener Kreaforum, denen Mockridge gleich ein paar Antworten mitgebracht hatte, um anschließend aus den Händen von Klaus Grewe vom Vorstand der Initiative KuSS (Kultur und Spektakel im Swisttal) die 27. Morenhovener Lupe entgegenzunehmen. Wie schon für seine Vorgänger ein handverlesenes, britisches Exemplar in einem handgenähten Samtbeutel mit Tunnelzug.

Nebenbei bemerkt ist so eine Lupe auch ein verlässlicher Indikator dafür, dass mit den Jahren das eine oder andere Sinnesorgan ein wenig Patina ansetzt. Die Ortsnamen im Schulatlas zum Beispiel hätte man doch auch ebenso gut auf einen Stecknadelkopf drucken können. Und überhaupt: Wer braucht die noch? Ähnlich verständnislos habe ihn sein Sohn Luke angeschaut, als er ihn neulich nach einem Overheadprojektor gefragt habe. Der Verkäufer im Elektronikmarkt überredete Mockridge schließlich zur Anschaffung einer Beamer-Komplettlösung, die nun auch diesem Vortrag zugute kam.

Die Cartoons im Vorspann verweisen an den Meister aller Humoristen, Loriot, und die Interviews mit den Kleinen aus einem Endenicher Kindergarten erinnern alle, die etwas älter sind als Mockridges Jungs, an "Dingsda", von 1985 bis 1994, jeweils dienstags von 20.15 bis 21 Uhr in der ARD. Nicht übel. Die Lust am Leben aber, die aus diesem Abend spricht - ganz egal, ob irgendwas mit 20, 40, 60 oder 80 im Personalausweis steht - das ist Mockridge pur. Die macht ihm so schnell keiner nach, obwohl er sich im Grunde genau das wünscht und seinen Zuschauern am liebsten direkt mit auf den Weg geben möchte.

Als 2012 sein Buch "Je oller, je doller: So vergreisen Sie richtig" erschien, habe er viel Post bekommen: auch und vor allem von seiner Zielgruppe. Ein Paar habe ihm inkognito geschrieben und gefragt, ob man mit 80 Jahren wohl noch heiraten dürfe. Zustimmendes Nicken im Kreaforum. Das Publikum dort ist offen, großzügig. Mockridge bringt es auf seine Weise auf den Punkt. "Ja klar, aber die Goldhochzeit wäre in diesem Fall schon ein sehr ehrgeiziges Ziel." Natürlich ist im Alter nicht alles Gold, das behauptet dieses Programm auch gar nicht. Aber die seit Generationen gängige Vorstellung, die vorherrschende Farbe im Alter sei aschgrau, der Opa säße im Ohrensessel, weil er woanders nichts mehr hören kann, und die Oma ziehe ihren Kittel niemals wieder aus - das wirft der Preisträger der Lupe jovial über Bord.

So wie der gebürtige Kanadier Mitte der 1980er Jahre bei der Gründung des Springmaus Improvisationstheaters die viel zitierte "vierte Wand" im Theater niedergerissen hat. Die Ära des Guckkastens gehörte in der Kleinkunst ein für allemal der Vergangenheit an. Als Pionier der Szene hat Bill Mockridge ein "Sprungbrett für Generationen" errichtet, wie es in der Laudatio der KuSS-Jury heißt. Sie können ja mitunter etwas rabiat sein, diese Naturburschen aus Toronto, aber sie wollen nur spielen. Versprochen.

Lupen-Preisträger

  • 1988 Konrad Beikircher
  • 1990 Hans Dieter Hüsch
  • 1991 Rainer Pause & Norbert Alich
  • 1992 Gerhard Polt
  • 1993 Emil Steinberger
  • 1994 Frau Dr. Erika Fuchs
  • 1995 Ars Vitalis
  • 1996 Janosch
  • 1997 Richard Rogler
  • 1998 Die Kölsch-AG der Nikolaus-Groß-Grundschule Köln
  • 1999 Erwin Grosche
  • 2000 Dieter Nuhr
  • 2001 Jürgen Becker, Martin Stankowski, Hermann-Josef Beck & Wolfgang Jägers
  • 2002 Hilde Kappes
  • 2003 Dr. Ludger Stratmann
  • 2004 Urban Priol
  • 2005 Piet Klocke
  • 2006 Andreas Giebel
  • 2007 Volker Pispers
  • 2008 Willibert Pauels
  • 2009 Heinrich Pachl
  • 2010 Jochen Malmsheimer
  • 2011 Marcus Jeroch
  • 2012 Helmut Schleich
  • 2013 Ulan & Bator
  • 2014 Bill Mockridge

Zur Person

William "Bill" Mockridge, geboren am 28. Juli 1947 in Toronto/Kanada, ist Schauspieler, Kabarettist, Regisseur und Autor. 1968 kam er für ein Stipendium nach Deutschland. Es folgten Engagements am Stadttheater Heidelberg, am Baseler Theater und am Schauspiel Bonn, sowie zahlreiche Film- und Fernsehproduktionen. 1982 gründete er in Bonn das Springmaus Improvisationstheater, seit 1988 geht er mit Soloprogrammen auf Tour.1991 übernahm er die Rolle des "Erich Schiller" in der Lindenstraße, die er bis heute spielt. Bill Mockridge ist mit der Kabarettistin Margie Kinsky verheiratet. Das Paar hat sechs Söhne

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