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Heinrich Rechtmann aus Buschhoven: Er hielt den WM-Pokal als Sicherheitschef in Händen

Heinrich Rechtmann aus Buschhoven : Er hielt den WM-Pokal als Sicherheitschef in Händen

Dass das Telefon eine Pizza bestellen, die Heizung zu Hause regulieren, Fotos und Videofilme erstellen kann, mag für die Menschen anno 1974 noch wie eine mäßig realistische Science-Fiction-Geschichte angemutet haben.

In dem Moment, als Heinrich Rechtmann im Sommer vor 40 Jahren den einzigen, den echten, 6,2 Kilogramm - davon 4,9 Kilo aus 18-karätigem Gold - schweren WM-Pokal in den Händen hielt, da hätte er gerne ein fotografierfähiges Handy zur Hand gehabt. Als stellvertretender Einsatzleiter war der junge Bundesgrenzschützer aus Buschhoven während der WM in Deutschland immer auf Ballhöhe mit den Stars des Weltturniers.

Um was sich ein Einsatzleiter alles kümmern musste: So lag es ein Stück weit in seiner Hand, wie gut sich Bundespräsident Gustav Heinemann oder der damalige FIFA-Chef Sir Stanley Rous vor der Weltöffentlichkeit präsentierten. Bevor sich die Exzellenzen aufs satte Grün des Frankfurter Waldstadions begaben, um die Weltmeisterschaft am 13. Juni 1974 feierlich zu eröffnen, tat Rechtmann dies bereits Tage zuvor eigenhändig. Ihm oblag es, die Reden zur Sprechprobe schon mal zu halten. Dank Rechtmanns Vorarbeit wussten die Techniker, dass Rous 45 Sekunden für seine Worte benötigen werde, der Bundespräsident immerhin 1,5 Minuten.

Wenn Heinrich Rechtmann, der von 1994 bis 2009 genau 15 Jahre Ortsvorsteher Buschhovens war, an die Zeit vor 40 Jahren zurückdenkt, glänzen seine Augen. Den erstmals bei der Auslosung für die WM 1974 in Frankfurt vorgestellten, von Fußballspielern auf der ganzen Welt begehrten Goldpokal in den Händen zu halten, sei ein erhebendes Gefühl gewesen. "War das schön", schwärmt der 78-Jährige, während er in einer Mappe mit Eintrittskarten, Fotos, Autogrammen und Redetexten blättert.

Anstatt in der Kaserne des Grenzschutzes kommen seine Mitstreiter und er im Bayerischen Hof in München unter, dem ersten Haus am Platz in der weiß-blauen Fußballmetropole. Ein Blick auf die Speisekarte von damals verrät, dass ein Fläschchen Wasser für 1,60 Mark zu haben war, ein Kaffee Hag für drei, ein Piccologebinde für 8,80 und ein 56-Gramm-Döschen Belugakaviar für ganze 36 Mark.

Aber: Trotz der ganzen Begleiterscheinungen seiner WM-Mission ist Rechtmanns Ruhepuls, im Gegensatz zu seiner Dienstuniform, alles andere als im grünen Bereich. Gerade mal zwei Jahre war es her, da palästinensische Terroristen während der Olympischen Spiele auf deutschem Boden elf israelische Delegationsmitglieder als Geisel nahmen.

[kein Linktext vorhanden]Sie verlangten die Freilassung von 232 palästinensischen Straftätern, die in israelischen Gefängnissen ihre Haft verbüßten, sowie die Freilassung der deutschen Terroristen Andreas Baader und Ulrike Meinhof und des japanischen Terroristen Kozo Okamoto. Beim gescheiterten Befreiungsversuch deutscher Sicherheitskräfte kamen in Fürstenfeldbruck alle elf Geiseln, fünf Terroristen und ein deutscher Polizist ums Leben.

Schockstarre während eines Ereignisses, das Deutschland als buntes, fröhliches Land zeigen soll. "Das Thema Sicherheit stand unter dem Aspekt, was bei Olympia in München passiert ist", schildert der 78-Jährige. Darum nahm er auch am Finaltag, dem 7. Juli 1974, in Uniform auf der Ehrentribüne des Münchner Olympiastadions Platz - wie jeden Tag, wenn er während der WM im Dienst war. Das grüne Tuch sollte "Ehrfurcht ausstrahlen", wie Rechtmann sagt.

Wohl nicht zuletzt seiner sprichwörtlichen Fitness verdankt es der damals 38-Jährige, als Vizeeinsatzleiter ausgesucht zu werden. Als 16-facher Polizeimeister im Crosslaufen macht ihm in Sachen Kondition keiner etwas vor. Die Karte vom Finale zeigt, dass etwa Fürstin Gracia von Monaco, ihre Tochter Caroline, Ex-Bundeskanzler Willy Brandt, TV-Moderator Robert Lembke oder Olympionike und Unternehmer Josef Neckermann die Aura der Sicherheit genießen und zudem ihre Unterschriften auf Rechtmanns Billett verewigen.

Er trifft Stars wie Idol Uwe Seeler oder Pelé, den Weltstar mit dem unvergleichlichen Ballgefühl und dem instinktiven Näschen zum Torabschluss. Nur hinter vorgehaltener Hand geht die Mär um, dass Edson Arantes do Nascimento, so sein richtiger Name, damals gern einen Schuss Cognac in seiner Tasse Kaffee bevorzugt. Und: Rechtmann hatte sogar eine Karte fürs damals mögliche Wiederholungsspiel des Finales Deutschland-Niederlande - wenn die Schön-Elf nicht mit 2:1 gewonnen hätte. Rechtmann hat sie heute noch.

Und wie reagierte die Familie auf den dreiwöchigen Einsatz des Familienvaters? "Meine Tochter Sabine hatte Kinderkommunion", berichtet der Buschhovener. Die Neunjährige sagte damals zu ihrem Vater: "Geh da hin zur WM. So was erlebst du nie wieder."