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Flutkatastrophe in Swisttal: Bürgerdialog mit Bürgermeisterin Kalkbrenner

Bürgerdialog mit Bürgermeisterin Kalkbrenner : „Swisttal ist verwundet, wir alle sind verwundet“

Nach der Flut spricht Bürgermeisterin Petra Kalkbrenner in Heimerzheim mit Betroffenen über den Wiederaufbau und akute Handlungsoptionen. Besonders im Fokus stehen die Probleme an der Steinbachtalsperre und ausgebliebene Warnsignale.

Die Tribüne in der Turnhalle der Georg-von-Boeselager-Gesamtschule war anlässlich des Auftakts der Bürgergespräche mit Swisttals Bürgermeisterin Petra Kalkbrenner gut gefüllt. Mehr als 100 Heimerzheimer hatten offene Fragen zum avisierten Wiederaufbau nach der Hochwasser-Katastrophe vom 14. Juli. Besonders interessiert zeigten sie sich an Erklärungen für ausgebliebene Warnsignale vor der Flut. Auch die vor dem Hochwasser prall gefüllte Steinbachtalsperre erhitzte die Gemüter.

Ausgebliebene Warnungen

In die Zukunft blicken, „das wollen wir jetzt machen“, sagte Kalkbrenner, der ein optimistischer Aufgalopp in Anbetracht der verheerenden Ereignisse vor gut viereinhalb Wochen dennoch spürbar schwerfiel. „Denn was am 14. Juli passiert ist, wird uns verfolgen. Swisttal ist verwundet, wir alle sind verwundet“, sagte sie. Alle zehn Ortsteile Swisttals seien vom Hochwasser betroffen, besonders auch Heimerzheim. „Auch hier hat jeder sein Päckchen zu tragen“, sagte die Bürgermeisterin.

Sie berichtete vom Tag des Unwetters, schilderte die alternativlose Evakuierung des Rathauses, die aufgrund ausgefallener Kommunikation komplizierte Kontaktaufnahme mit dem Krisenstab und verwies auf die per Nina-Warn-App und Heimerzheimer Sirenen abgesetzten Warnungen um 18.42 Uhr und 23.07 Uhr. Kalkbrenner selbst war derzeit mit der Bundespolizei in den Fluten Swisttals unterwegs. Später fand sie sich, eingeschlossen von Wassermassen, in Odendorf wieder, sei dort „auch nicht mehr weggekommen“.

Kommunikationstechnik auf dem Prüfstand

Prompt musste sie sich in der Turnhalle nun des Vorwurfs erwehren, die Heimerzheimer willentlich im Stich gelassen zu haben. „Das ist nicht wahr“, sagte Kalkbrenner. „Selbstverständlich wäre ich auch in andere Ortsteile gekommen. Es tut mir leid, aber es war nicht mehr möglich.“ Dass dies auch im Falle energischerer und frühzeitigerer Warnmeldungen nicht möglich gewesen sein soll, wollte die Heimerzheimerin Daniela Baltes nicht einfach so hinnehmen. „Es setzt mir zu, dass keiner von uns genau Bescheid wusste, was auf uns zukommt. Selbst die Feuerwehr im Ort hat noch in aller Ruhe Sandsäcke gestapelt, aber keiner hat uns nachdrücklich gewarnt.“

Kalkbrenner konnte sich nur gebetsmühlenartig auf die zusammengebrochene digitale Kommunikationsinfrastruktur berufen. Sicherlich mache dies auch ein Umdenken hinsichtlich der Vorhaltung weniger anfälliger, analoger Technik wahrscheinlicher. „Es war auch für uns belastend, dass keine Infos ausgesendet werden konnten“, sagte Kalkbrenner. „Ich denke, dass es auch gar nicht mehr möglich war, in einzelne Orte mit Fahrzeugen samt Lautsprechern zu kommen.“

Fragen zur Steinbachtalsperre

Markus Freyermuth kritisierte e-regio-Abteilungsleiter Daniel Ludwig offensiv für die Kurzsichtigkeit, die der Betreiber der Steinbachtalsperre nach Meinung vieler angesichts des hohen Füllstands vor dem Unwetter offenbarte. „Wenn man mit einer Talsperre Geld verdient, hätte man dann nicht aus wirtschaftlichen Gründen dafür sorgen müssen, dass die Sperre intakt bleibt? Und hätte in Anbetracht des angekündigten Stark­regens nicht ohnehin schon erheblich mehr Wasser abgelassen werden müssen?“

Ludwig und Kalkbrenner entgegneten unisono: Das Becken sei nicht per se zu voll gewesen, erst recht nicht komplett. Auch der Grundablass sei bis zum Wasser­übertritt am Staudamm intakt gewesen. „Eine andere technische Regulierung neben diesem Ablass ist nicht vorgesehen. Und wir hatten es mit wahnsinnigen Wassermassen zu tun“, sagte Kalkbrenner, die der Talsperre in Zukunft eine Hochwasser-Schutzfunktion zukommen lassen will – für die Anwesenden allerdings ein eher schwacher Trost angesichts der gut zwei Millionen Kubikmeter Wasser, die während des Unwetters über die Dammkrone geschwappt waren. 

Zuspruch für Kalkbrenner

Kalkbrenner hörte zu, nahm Anregungen auf. Etwa, als es um einen Service-Punkt mit ausgelegten Vordrucken ging, an die viele Heimerzheimer ohne Internet andernfalls nicht herankommen. Oder als es um den Mangel an Bauschuttcontainern oder fähigen Handwerkern ging: Beides habe die Gemeinde im Blick. In Sachen Soforthilfe für Betroffene informierte die Bürgermeisterin über wesentliche Dinge für die Beantragung. Weil sie bemüht war hinzuhören, erntete Kalkbrenner nicht selten Zuspruch aus Reihen der Heimerzheimer.

Dennoch entstand am Ende der Eindruck, dass das Bürgergespräch einigen Betroffenen nicht die gewünschten Antworten lieferte. Vielleicht, weil manche sich nicht zu fragen trauten. Andere werden abwarten, wie Kalkbrenner die laut und weniger laut vorgetragenen Probleme angeht und wollen Ergebnisse sehen. Erst dann wird sich zeigen, wie aufmerksam sie tatsächlich zugehört hat.