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Ehrenamt in der Arbeit mit Flüchtlingen: „Wachtberg muss offen für Fremde sein“

Ehrenamt in der Arbeit mit Flüchtlingen : „Wachtberg muss offen für Fremde sein“

Eine Ära endet: Nach vielen Jahren des ehrenamtlichen Engagements, auch als Vorsitzender des Ökumenischen Arbeitskreises in Wachtberg, zieht sich Kurt Zimmermann zurück.

Kurt Zimmermann hat seit vielen Jahren eine herausragende Rolle in der Arbeit mit Geflüchteten in Wachtberg. Nach mehr als drei Jahrzehnten gibt er sein Ehrenamt im Ökumenischen Arbeitskreis ab. Rückblickend sind es aus seiner Sicht vor allem die Ehrenamtlichen in Wachtberg, die zu einem Gelingen der Integration beitragen. Für Geflüchtete wird es in Zukunft weiter darauf ankommen, dass sie die deutsche Sprache lernen und sich in das Arbeitsleben und öffentliche Leben integrieren, sagt er im Gespräch mit GA-Mitarbeiter Axel Vogel.

Herr Zimmermann, Sie wollen Ende Juni Ihr Ehrenamt als eine tragende Säule des Ökumenischen Arbeitskreises und der Flüchtlingsarbeit in Wachtberg aufgeben. Gibt es in Sachen Flüchtlingsintegration nichts mehr zu tun?

Kurt Zimmermann: Natürlich gibt es in der Flüchtlingsarbeit noch viel zu tun. Der Grund für die Aufgabe ist, dass ich mich über 30 Jahre mit dieser Arbeit beschäftige und meine, dass es einen Schluss geben muss.


Mit dem Management der Flüchtlingskrise auf Gemeindeebene verbindet man vor allem Ihren Namen. Hatten Sie seinerzeit die Dimension des Problems schon so kommen sehen?

Zimmermann: Mit dieser Frage sprechen Sie die Krise von 2015 an. Ich habe aber verschiedene Phasen in der Betreuung von Flüchtlingen erlebt. Es waren zum Beispiel türkische, kurdische, syrische Flüchtlinge in den 90er Jahren, Flüchtlinge aus der DDR vor und nach dem Zusammenbruch des Staates, Deutsche aus Russland und jugoslawische Kriegsflüchtlinge. Das Management war immer eine ökumenische Aufgabe. In der Leitung des Ökumenischen Arbeitskreises gab es deshalb immer protestantische Partner. Ich nenne hier drei Namen: Richard Diehl, Harald Uhl und Gero Nölken. Mit ihnen und den ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern galt es, sich auf die verschiedenen Betreuungssituationen einzustellen. In den unterschiedlichen Phasen war auch die Verwaltung anders aufgestellt. Arbeitsgruppen und runde Tische haben sich immer wieder mit der guten Ausgestaltung der Betreuung beschäftigt. 

Gibt es Schicksale, die Ihnen nachhängen werden?

Zimmermann: Besonders hat mich die erste Abschiebung eines Flüchtlings aus Bangladesch beschäftigt. Ich fand damals das Verhalten der Behörden unmöglich. In meinem Schreibtisch findet sich noch die Telefonnummer eines Rechtsanwalts. Der Flüchtling hatte diese den Leuten zugeworfen, damit dieser noch in seinem Fall aktiv werden könnte.


Im Rückblick: Wo lagen die größten Probleme damals zu Anfang der Flüchtlingskrise bei deren Betreuung auf Gemeindeebene?

Zimmermann: Am Anfang gab es eine gewisse Überforderung. Schnell konnte aber mit den drei Säulen Verwaltung, DRK und ÖAK und der Zusammenarbeit eine gute belastbare Betreuungsstruktur aufgebaut werden. Dazu ist es in Wachtberg immer so, dass in „Notsituationen“ immer ein ehrenamtliches Engagement normal ist.

Bei welchen Punkten war die Politik, waren die Verantwortlichen vor Ort zu blauäugig gewesen?


Zimmermann: Ich meine, dass sich von einigen Verantwortlichen sehr schnell positiv auf das Thema eingelassen wurde. Für sie war das Thema eine „Herzensangelegenheit“. In manchen Fällen hat sich die Politik aber zu leicht und zu sehr auf andere verlassen.


Hatten Sie jemals ob der mannigfachen Schwierigkeiten mit dem Gedanken gespielt, alles hinzuschmeißen?

Zimmermann: Es gab immer Höhen und Tiefen. Weil es aber immer eine gute Gemeinschaft für die Aufgaben gab, stellte sich dieser Gedanke kaum.

Was ist aus Ihrer Sicht bei der Flüchtlingsarbeit gut gelaufen und gut gewesen, worauf kann man aufbauen?

Zimmermann: Im Rückblick stelle ich fest, dass man die Arbeit immer neu justieren und flexibel sein muss. Den Anforderungen muss immer neu entsprochen werden. Dafür sind Verwaltung, Politik und Kirchen verantwortlich. Verlassen kann man sich immer in Notsituationen auf ehrenamtliche Hilfe. Dazu gibt es auch die vielen Netzwerke, zum Beispiel Diakonie, Caritas, Bildungsträger, Jugenddienste und so weiter. Die ehrenamtliche Arbeit sollte aber nie „missionarisch“ werden.


Wo liegen Stand heute noch die größten Probleme bei der Integration von Flüchtlingen?

Zimmermann: Hier gibt es viele wichtige Aspekte zu nennen. Ich nenne aber nur einige Stichworte. Sprachvermittlung, Integration in das Arbeitsleben, Teilhabe am öffentlichen Leben, digitale Teilhabe. In der Gemeinde Wachtberg wird das Thema mit der Arbeitsgruppe Integration konkret angegangen. Mit ihr soll ein verbindliches Konzept für die Gemeinde erarbeitet werden. Integration ist die Aufgabe aller. Wachtberg muss grundsätzlich offen für Fremde und Neues sein. Bei Kindern und Jugendlichen ist die frühkindliche und schulische Förderung für die Integration am wichtigsten. Es muss alles daran gesetzt werden, dass diese im Zurechtfinden in unserer Gesellschaft weiter als ihre Eltern kommen und hier neuen Halt finden. Das sind Aufgaben, die den vollen und ganzen Einsatz verlangen.


Welche Rolle hat die Corona-Pandemie bei der Flüchtlingsbetreuung gespielt?

Zimmermann: Die Betreuungsarbeit findet hauptsächlich auf der Verwaltungsebene statt. Es fehlt natürlich an wirklichen Begegnungen. Es gibt Versuche, diese digital zu schaffen. Zwei Sprachkurse sind so eingerichtet, dass sie digital arbeiten können.


Wie ist es um die Zukunft des Ökumenischen Arbeitskreises bestellt? Wer wird Ihr Nachfolger?

Zimmermann: Ich bin optimistisch und denke, dass der Arbeitskreis sich neu aufstellen wird. Dazu gibt es schon erste Gespräche. Die Nachfolge ist noch nicht geklärt.