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Wachtbergerin studiert in Hamburg: Bastlerin am Lebenslauf

Wachtbergerin studiert in Hamburg : Bastlerin am Lebenslauf

Die Bonnerin Julia Franke nahm bei ProTechnicale teil und studiert nun Maschinenbauingenieurswesen.

In den sogenannten MINT-Studienfächern sind Frauen noch immer deutlich unterrepräsentiert. Die Gründe dafür sind vielschichtig. Gesellschaftlich festgefahrene Geschlechterstereotype und mangelnde Selbsteinschätzung führen bereits in der Schule dazu, dass sich viele Mädchen trotz Interesses und Fähigkeiten von technischen und naturwissenschaftlichen Fächern abwenden. Das seit 2011 bestehende Studienorientierungsprogramm ProTechnicale in Hamburg unterstützt daher jedes Jahr bis zu 15 Abiturientinnen aus ganz Deutschland bei ihrer Suche nach dem für sie geeigneten Studienfach. Eine Absolventin des letzten Jahrgangs ist Julia-Sophia Franke aus Wachtberg, die sich dank des Programms für ein Studium der Maschineningenieurswissenschaften an der ETH in Zürich entschied.

Als Kind technische Geräte auseinandergebaut

Schon als kleines Kind liebte sie es, technische Geräte wie Kameras oder Radios auseinander zu bauen. „Sehr zum Unmut meiner Eltern“, scherzt Julia Franke. Der Tochter einer Krankenschwester und eines Künstlers war die Neugier und Begeisterung sehr früh anzumerken- und das obwohl sie laut eigener Aussage zu Beginn ihrer Schulkarriere "relativ schlecht in Mathe" war. "Aber ich wollte schon immer so etwas wie Erfinderin werden und mich hat dann der Ehrgeiz gepackt", erklärt Franke. Bestätigt durch ihre sich stetig verbessernden Leistungen reifte in ihr der Plan, "in die naturwissenschaftliche Richtung zu gehen". Lediglich an der Konkretisierung ihrer eigenen Zukunftswünsche haperte es noch, als die aufgeweckte Schülerin des Amos-Comenius-Gymnasiums 2020 ihr Abitur bereits mit 17 Jahren in der Tasche hatte. Es folgten eine Rucksackreise und zahlreiche Recherche-Abende im Internet, immer auf der Suche nach einer Idee, einem Anreiz, wohin ihr Weg sie führen sollte.

„Ich hatte durchaus vor ein 'Gap-Year' zu machen, aber ich wollte mich nicht zu weit vom Stoff entfernen und mich darum sorgen, dass ich anschließend kein Integral mehr zusammen bekomme", so Franke. Irgendwann sei sie durch Zufall auf die Homepage des ProTechnicale-Programms gestoßen und habe sich "einfach mal beworben". Nach dem erfolgreichen Bewerbungsprozess sei dann alles sehr schnell gegangen. „Auf einmal war ich ab Oktober in Hamburg. Zum ersten Mal." Sie und die 14 weiteren Teilnehmerinnen wurden auf drei Wohngemeinschaften im Hamburger Stadtteil Finkenwerder aufgeteilt, in der Nähe des Zentrums für angewandte Luftfahrtforschung, wo Protechnicale seinen Sitz hat. "Rückblickend waren das phänomenale elf Monate. Gerade weil es sich um so verschiedene Charaktere gehandelt hat, haben wir uns in den Workshops hervorragend ergänzt. Ich hatte die Chance mit sehr interessanten und klugen Leuten zusammenzuarbeiten", erinnert sich Franke und räumt dabei gleich mit einem noch immer bestehenden Vorurteil auf: "Es ist nicht so, dass wir eine Gruppe von Nerds waren, die alle nur vor dem Computer gesessen haben", sagt sie. Die zahlreichen Workshops, Vorlesungen und die beiden mehrwöchigen Unternehmenspraktika nutzten Franke und ihre Kolleginnen vielmehr intensiv, um sich interdisziplinär auf ihren weiteren Lebensweg vorzubereiten.

Mutter floh vor dem Ceaușescu-Regime

Dabei sei ihr besonders die von den Unternehmen und Protechnicale gewährte Freiheit und Eigenständigkeit bei ihren eigenen Projekten entgegengekommen. So konnte Franke etwa beim Schmiedekurs neben dem Anfertigen von technischen Zeichnungen auch selbst Hand an den Hammer legen. Dass sie an dem Jahrgang teilnehmen und sich die WG-Miete in der teuren Millionenstadt leisten konnte, verdankt Franke einem am Abitur leistungsorientierten sowie einem von den Einnahmen ihrer Eltern abhängigen Stipendium, sowie dem Schüler-Bafög. Nicht zuletzt sei es jedoch die unbedingte Unterstützung ihrer Eltern gewesen, die Franke ihren Weg gehen ließ. Besonders ihre aufgrund des damaligen Ceaușescu-Regimes nach Deutschland gekommene Mutter sei immer ein Vorbild und Hilfe für sie gewesen.

Seit dem 20. September studiert Julia-Sophie Franke nun an der ETH und wundert sich immer noch wie schnell das vergangene Jahr vorüberging und sie von der Schulbank über Hamburg nach Zürich führte. In den Zahlen des Statistischen Bundesamtes, wonach 348.799 Studentinnen gegenüber 753.144 Studenten zu diesem Wintersemester ein MINT-Fach gewählt haben, kommt sie daher nicht vor. In der Schweiz sei das Verhältnis jedoch ähnlich vermutet Franke. "In meinem Studiengang sind wir ungefähr zehn Prozent Frauen", sagt sie und bestätigt damit den Umstand, dass im Ingenieurswesen besonders wenig Frauen zu finden sind. "Es ist nicht das Ziel von ProTechnicale, Frauen unbedingt in MINT-Fächer zu bringen, sondern dass man sie dabei unterstützt, das zu tun, was sie wollen", betont die Studentin Franke. In Zukunft will sie dem Programm für zukünftige Teilnehmerinnen als Mentorin erhalten bleiben. Mit der frischgebackenen Abiturientin Anna Hartmann nimmt bereits eine weitere Bonnerin am jetzigen Kurs teil. Die Projektleiterin Wiebke Pomplun hofft, die Teilnehmerinnenzahl in Zukunft noch anheben zu können. "Wir wollen mit unserem Projekt den Mädchen helfen, sich dem Gegenwind aus Stigmata, Klischees und Rechtfertigungen zu stellen, der ihnen noch immer in unserer Gesellschaft entgegen weht", erklärt sie. Der Bewerbungsstart für den nächsten Jahrgang beginnt am 1. Dezember.