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Jazzpianistin Julia Hülsmann: „Ich vermisse den Rhein“

Jazzpianistin Julia Hülsmann : „Ich vermisse den Rhein“

Die Jazzpianistin Julia Hülsmann wuchs in Niederbachem auf. Mittlerweile zählt sie zu den profiliertesten Musikern in ihrer Branche.

Langeweile? Kennt Julia Hülsmann auch in Corona-Zeiten nicht. Die 52-Jährige, eine der profiliertesten Jazzpianistinnen Deutschlands und ausgewiesene Lyrikerin an ihrem Instrument, hat mehr als genug zu tun, derzeit vor allem mit ihrer neuen Professur an der Universität der Künste in Berlin. Und auch als Musikerin ist sie trotz der Einschränkungen durch die Pandemie weiterhin gefragt, wie die gebürtige Bonnerin im Interview mit dem GA gesteht. Gleichzeitig erinnert sie sich an ihre Jugend in Niederbachem, an die ersten Konzerterfahrungen – und an den Rhein, der bis heute einen besonderen Platz in ihrem Herzen hat.

Natürlich ist Julia Hülsmann in den vergangenen Monaten nicht untätig gewesen. Ein Leben ohne Musik? Für sie undenkbar. „Im November habe ich mit der NDR-Bigband ein Album einspielen dürfen“, erzählt sie, „das war schon eine besondere, aber auch surreale Erfahrung. Ich bin sehr froh, dass wir das Projekt durchziehen konnten, aber die Atmosphäre im Studio war von einer großen Unsicherheit geprägt. Selbstverständlich haben wir uns jeden Tag testen lassen, aber dennoch war eine gewisse Sorge vorhanden. Und durch den Abstand, den wir zueinander einhalten mussten, haben wir manche Instrumente kaum noch gehört, außer über Kopfhörer. Diese ungewohnte Wahrnehmung verändert automatisch die Musik.“

Klavierlehrer aus Graurheindorf weckt in Hülsmann die Liebe zum Jazz

Auch in Moers wird es für die Pianistin in diesem Jahr anders sein: Das dortige Festival soll zwar stattfinden, aber ohne Publikum. „Ich bin schon froh, dass überhaupt etwas passiert“, sagt Hülsmann. „Im Mai kann ich sogar endlich wieder reisen – ich spiele dann ein Streaming-Konzert in Stockholm.“ Und im November sollen dann endlich Konzerte mit der NDR-Bigband folgen. „Angesichts der zunehmenden Impfungen bin ich zuversichtlich, dass das auch möglich sein wird.“

Den Grundstein für ihre Karriere hat ausgerechnet ein Klavierlehrer in Graurheindorf gelegt. „Als Teenager wollte ich keine Klassik mehr spielen“, erinnert sich Hülsmann. „Ich dachte eher an Pop-Klavier, immerhin spielte ich damals in einer Band. Meine Mutter hat aber niemanden gefunden, der das unterrichtet. Schließlich stieß sie auf einen Jazz-Pianisten, zu dem ich dann regelmäßig gefahren bin, von Niederbachem nach Graurheindorf. Er hat für mich komplette Soli transkribiert, die ich dann mit großer Begeisterung spielte. Irgendwann hat er mir dann eine Kassette aufgenommen, unter anderem mit Stücken von Bill Evans. Das hat mich total fasziniert. Und so bin ich beim Jazz geblieben.“

Manchmal hat Hülsmann Heimweh nach Niederbachem

Gleichzeitig blieb die Faszination für Rock und Pop. „Da war meine Schwester Maria die Vorreiterin“, sagt Hülsmann lachend. „Sie hatte die entsprechende Plattensammlung, und sie hat sich auch dafür starkgemacht, dass wir als Familie zu den großen Konzerten gefahren sind. Status Quo, Rory Gallagher, The Police...“ Und was war mit Jazz? „Oh, den habe ich unter anderem in der Jazz-Galerie gehört. Zu den ersten Erlebnissen gehörten ein Free-Jazz-Konzert von dem italienischen Trompeter Enrico Rava, das ziemlich schräg und zugleich überaus faszinierend war, und eines von Joachim Kühn. Ich war auch bei verschiedenen Sessions dabei, habe mich aber nie so recht getraut, mit Leuten wie den Fuhr-Brüdern zu spielen, die in der Bonner Szene unterwegs waren. Außerdem waren in der Regel Musiker aus Köln dabei, und die fand ich damals recht arrogant.“ Mit ein Grund warum sie schließlich in Berlin studierte – und dort blieb.

„Niederbachem vermisse ich manchmal trotzdem“, gesteht Hülsmann. „Das Landleben in der Nähe einer Großstadt hat schon seinen Reiz, und dann ist ja auch der Rhein nicht weit. Immer wenn ich in Bonn bin, muss ich erst einmal ans Wasser.“ Was dann dank der Familie und verschiedener Auftritte und Verpflichtungen häufiger der Fall ist. „Im Juni bin ich auf jeden Fall wieder in der Stadt, weil ich in der Jury des JazzBeet-Wettbewerbs des Jazzfests sitze“, sagt sie. Langeweile? Gibt es für Julia Hülsmann wohl wirklich nicht.