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Kiosk in Wachtberg: Lotto-Toto-Laden in Niederbachem lädt zum Klönen ein

Kiosk in Wachtberg : Lotto-Toto-Laden in Niederbachem lädt zum Klönen ein

Sabine Schell und Esther Kloesel sind im Niederbachemer Kiosk immer für einen Plausch zu haben. Bei Lottogewinnern ist eine diskrete Abwicklung nötig. Dafür opfern die beiden auch mal ihre Mittagspause.

„Öli, wie immer?“, fragt Sabine Schell ihren 75 Jahre alten Stammkunden mit dem markanten Rauschebart. Öli, Spitzname für Herbert Oelschläger, strahlt und nickt. Sabine Schell, seit zwei Jahren Betreiberin des kleinen Lotto-Totto-Ladens und Schreibwarengeschäftes am Henseler Hof in Niederbachem, weiß Bescheid: Eine Packung Zigaretten und ein Feuerzeug wechseln wieder einmal den Besitzer.

„Öli, Du musst doch wegen Corona eine Maske im Geschäft tragen“, ermahnt Schell ihren Kunden fast schon mütterlich. Kurzerhand handelt sie dann auch: Sie hat längst einen Vorrat an Masken griffbereit und hilft Oelschläger, der auch nicht mehr ganz so fit ist, wie selbstverständlich beim Anlegen des Mund-Nasen-Schutzes. Oelschläger genießt sichtlich die zuvorkommende Behandlung und betont, wie wichtig es für ihn ist, „dass ich hier in Niederbachem noch jeden Tag meine Zigaretten und Brötchen kaufen kann“.

Die meisten Kunden kommen regelmäßig vorbei

Kunden wie den alleinstehenden Öli kennt Esther Kloesel (66) viele: „80 Prozent sind Stammkunden.“ Kloesel kann sich ein Urteil erlauben. Sie hat vor Sabine Schell mehr als zehn Jahre lang den Laden betrieben und hilft ihr mittlerweile aus. Kerngeschäft: Die Entgegennahme von Lotto-Scheinen, die allein rund 60 Prozent des Umsatzes ausmachen: „Die Leute wissen das einfach zu schätzen, dass sie hier allein im Geschäft sind, und nicht in einer langen Schlange im Supermarkt ihren Tippzettel abgeben müssen.“ Anonymität ist nämlich beim Tippen Trumpf, sagt sie. 30 Prozent gehen auf das Konto von Tabakwaren. „Schreibwaren sind dagegen stark rückläufig, weil die Kunden ein großes Sortiment wünschen und daher lieber ins Einkaufszentrum nach Berkum fahren“, weiß Schell. Vor der Übernahme des Geschäftes 2018 hatte sie eine Bäckereifiliale in Rheinbach-Wormersdorf betrieben.

Für die Oberbachemerin ist die Unterstützung von Kloesel, die direkt gegenüber des Henseler Hofes wohnt und mit der sie derweil „super dicke“ ist, Gold wert. Denn Freundin Kloesel kennt fast jeden im Ort. Und jeder kennt sie. Das hat vor allem auch damit zu tun, das Kloesel ihr Geschäft nie nur als Geschäft gesehen hat. Treffpunkt würde es schon eher treffen. Anders formuliert: Etwas kaufen, bei einem gleichzeitigen Plausch und einer Tasse Kaffee, so könnte man die Seele des Schreibwarenladens beschreiben, wenn er eine hätte. Kloesel weiß warum: „Wir haben viele Senioren als Stammkundschaft, die dankbar sind, wenn man sich für sie ein wenig Zeit nimmt.“ Die Philosophie setzt Schell fort: „Ich bin gerne mit Menschen zusammen, und es ist einfach schön, mit den Leuten zu klönen. Dann vergeht die Zeit auch viel schneller.“ Klar, dass sie ob der Kundennähe auch manchmal mehr tut, als sie eigentlich müsste. Etwa einen Lottogewinn diskret in der Mittagspause abzuwickeln.

Doch Schell verhehlt nicht, dass die Zeiten trotzdem schlechter geworden sind. Viel schlechter. Vor allem mit dem Umbau des Vorplatzes am Henseler Hof und der damit verbundenen erheblich schlechteren Erreichbarkeit ihres Geschäftes. Der Umbau begann praktisch zeitgleich mit der Geschäftsübernahme. Die Einnahmen brachen daraufhin dramatisch ein, sagt sie, „und haben bis heute nicht mehr das alte Niveau erreicht. Die Situation ist immer noch existenzbedrohend.“ Viele alte Kunden seien nicht mehr wiedergekommen. Nicht von ungefähr müsse sie zusätzlich drei Nachmittage pro Woche in einer Wachtberger Bäckerei arbeiten. Bedeutet, dass der Kiosk nur noch mittwochs und freitags von 14.30 bis 18 Uhr geöffnet hat, vormittags dagegen immer montags bis samstags von 7 bis 13 Uhr.

Mit zu den ersten Stammkunden morgens gehören Malermeister Hansi und Bastian Schmitz. Vater und Sohn decken sich dort gezielt mit Zigaretten und einer Zeitung ein, weil sie sagen: „Wir mögen die Quatscherei hier und das schon freundschaftliche Umfeld.“ Dem kann der Godesberger Mario Schmitz nur zustimmen, der gerade mit einem anderen Stammkunden, Werner Kessel, beim Kaffee an einem Außentisch sitzt. „Ich habe 20 Jahre in Niederbachem gewohnt und hier morgens den General-Anzeiger gekauft“, sagt Schmitz. Heute sei er zufällig vorbeigekommen und habe seinen Freund Werner gesehen: „Da musste ich einfach anhalten und ‘ne Runde verzällen.“ Worüber er sich besonders freut: Von Sabine Schell gab´s zwei selbst genähte Masken als Geschenk für seine Kinder. So ist das halt hier. Für dieses besondere Flair ist Stammkundin Jutta Groß, die sich auch zur Runde gesellt, äußerst dankbar: „Ich finde es toll, dass sich der Laden über all die Jahre hier halten konnte. Damit das so bleibt, kaufe ich hier auch ein.“