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Pech: Tierscheune sucht weiter nach neuem Standort

Reitanlage in Pech droht Ende März das Aus : Tierscheune sucht weiter nach neuem Standort

Seit der überraschenden Kündigung für die Pecher Tierscheune sucht Betreiberin Kristina Wirfs nach einem Alternativstandort für ihre 23 Ponys und Pferde. Bislang ohne Erfolg. Vor allem die Kinder haben Angst vor einem Aus Ende März.

Da ist zum Beispiel Mona. Seit zwei Jahren kommt die sechsjährige Bonnerin in die Pecher Tierscheune. Wenn sie auf Shetland-Pony „Nanni“ sitzt, entspannt Monas Körper und ihr sonst wildes Temperament gleicht wieder dem anderer Kinder. „Mir ist das sehr wichtig hier“, sagt sie bestimmt. Als man vor drei Monaten erstmals von der drohenden Schließung des Reitbetriebs erfahren habe, seien alle fassungslos gewesen. „Wir haben Tina viel zu verdanken“, so Sabrina Farnschläder.

Hinter der Abkürzung verbirgt sich Betreiberin Kristina Wirfs, die das Gelände der früheren Reitanlage „Wiesenau“ 2019 von der Eigentümergemeinschaft Casser/Lünenbach/Strang gepachtet hat; damals war es bereits der zweite Umzug innerhalb Pechs. Diesmal könnte es um mehr gehen, denn eben jene Eigentümergemeinschaft hat Wirfs den Pachtvertrag, wie berichtet, zum 31. März 2022 gekündigt. Obwohl sie seit Oktober Ausschau nach Alternativen halte, finde sich kein Areal für ihre 19 Ponys und vier Pferde. „Ich könnte mich ja mit drei, vier Tieren irgendwo anders unterstellen, aber für die Kinder würde es mir das Herz brechen“, sagt Wirfs, die neben dem Reitunterricht auch therapeutisches Reiten anbietet.

Eltern klagen über fehlende Alternativen für Reittherapie

Letzteres betreibt Matteo seit sieben Jahren, davon die letzten vier in der Tierscheune. Der 13-Jährige hat das Down-Syndrom. „Da er alle Muskeln aktivieren muss, um die Balance auf dem Pferd zu halten, hat er wenig Probleme mit dem Muskeltonus“, sagt Mutter Leonie Zandegiacomo. Zudem lerne Matteo dank der Bodenarbeit von Wirfs, mit dem Pferd vertrauensvoll umzugehen. „Wenn das hier zu Ende wäre, wären wir alle sehr traurig, zumal es keine bis wenig Alternativen gibt“, so die Mehlemerin.

Diese Einschätzung teilt eine weitere Godesbergerin, die anonym bleiben möchte. „Wir könnten vielleicht nach Swisttal-Morenhoven, aber auch nur vielleicht, und dann erst um 19 Uhr abends“, beschreibt die Godesbergerin ihre Not. Die Verordnung für ihre elfjährige Tochter ist auf die Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung (ADHS) ausgestellt. Aber Hannah, die eigentlich anders heißt, könne seit ihren Besuchen bei Wirfs nicht nur besser mit den Symptomen umgehen. „Sie hat vorher totale Angst vor Tieren gehabt, das ist jetzt weg.“ Ein Beziehungsabbruch zum Hof, zu Wirfs, zu den Reitfreundinnen, wäre für Hannah „sehr schlimm“, prognostiziert die Mutter.

Kinder schreiben Appelle zum Erhalt

Die Kinder – ob mit oder ohne Förderbedarf – haben flehentliche Appelle zum Erhalt der Tierscheune gestaltet, meist künstlerisch aufgepeppt. Nicht nur zwischen den Zeilen lässt sich eine besondere Bindung zur Anlage erkennen. „Ich leiste hier Basisarbeit, was Pferdegewöhnung und Angstfreiheit angeht, das kommt später anderen Höfen zugute“, meint Wirfs. Sie vergleicht es mit der musikalischen Früherziehung: „Sie sollen erstmal Noten lernen und sich dann woanders spezialisieren.“

Um diese Aufgabe fortzuführen, wäre die Pecherin bereit, die Tiere auf zwei Standorte aufzuteilen, maximal 30 Minuten Fahrtzeit entfernt. „Ich brauche keine perfekte Reitanlage, aber Wasser, Strom und einen Unterstellplatz. Und man sollte eine kleine Longierhalle aufstellen können“, so Wirfs. Sie steht in engem Austausch mit der Gemeindeverwaltung. „Bei den Gesprächen im Rathaus habe ich immer wieder betont, dass ich das Angebot sehr wertvoll finde und die Situation sehr bedauere, in die Frau Wirfs durch die Kündigung der Eigentümer gekommen ist“, so Bürgermeister Jörg Schmidt. Den Wunsch nach einem alternativen Grundstück habe man „weitergetragen“. Die Gemeindewerke hätten an der Kläranlage schon eine Fläche zur Verfügung gestellt, auf der übergangsweise Material und Gegenstände gelagert werden können.

Die Eigentümergemeinschaft sieht ob der Haltung der Gemeinde keine Möglichkeit zur Fortführung des Betriebs

Die Eigentümergemeinschaft hat sich dem GA gegenüber noch einmal zu den Beweggründen für die überraschende Kündigung geäußert. „Die Gemeindeverwaltung arbeitet weiter aktiv daran, uns die Nutzungserlaubnis für die Reitanlage zu entziehen“, schreibt Felicitas Casser. Der Ausgang der Klage der Gemeinde gegen den Rhein-Sieg-Kreis und damit „gegen unsere Baugenehmigungen ist für uns nicht abschätzbar“. Wie berichtet, sieht die Wachtberger Verwaltung keinen Bestandsschutz für die Reitanlage, die seinerzeit nur als Nebengebäude des seit einigen Jahren geschlossenen Pony-Hotels erlaubt worden sei. Auf dem vorderen Teil des Grundstücks an der Pecher Landstraße (L158) plant die Projekta-Gesellschaft aus Prüm den Bau einer Seniorenwohnanlage. Dazu musste der Flächennutzungsplan geändert werden.

Beigeordneter und Eigentümer stellen die Situation anders da

Die Unterlagen der Gemeinde zur erfolgten Offenlage sprächen sich deutlich gegen eine Zukunft der Pecher Tierscheune aus, es gebe keinerlei Ansätze die Nutzungen Reitanlage/Seniorenwohnanlage nebeneinander zu bringen. „Wir sehen derzeit nicht, dass wir die Existenz eines Betriebes wie den der Pecher Tierscheune gewährleisten können und haben deshalb die Kündigung ausgesprochen“, so Casser. Man arbeite an einem Nutzungskonzept für eine Reitanlage mit deutlich reduzierter Pferdeanzahl und weniger Verkehrsaufkommen. „Hiermit wollen wir unter anderem der schwierigen Erschließung, den zur Verfügung stehenden Weideflächen, den eingeschränkten Parkverhältnissen sowie den gemeindepolitischen Hintergründen gerecht werden“, kündigt die Mit-Eigentümerin an.

Auf Nachfrage erklärt Casser, dass man vor dem Kauf zwar auf die Planungen für die Seniorenwohnanlage hingewiesen worden sei – allerdings habe Beigeordneter Swen Christian nie angedeutet, dass die Gemeinde nach dem Kauf bestehende Baugenehmigungen der Reitanlage und damit die Nutzung infrage stellen würde. Das sieht der Beigeordnete anders: Bei einem Gespräch im Rathaus 2019 „wurde mit Verweis auf das begonnene Verfahren von diesem Standort dringend abgeraten und angeboten, bei der Suche nach einer Alternative zu unterstützen“, so Christian. Zum aktuell laufenden Verfahren der Gemeinde gegen den Kreis gebe es keinen neuen Sachstand.

Wer der Tierscheune helfen will, kann sich bei Kristina Wirfs unter ☎ 01 71/7 76 63 69 melden.

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