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Wie geht´s eigentlich...Hans-Peter Glimpf?: Tabulatur als zweite Muttersprache

Wie geht´s eigentlich...Hans-Peter Glimpf? : Tabulatur als zweite Muttersprache

Der Wachtberger Hans-Peter Glimpf bringt Komponisten des 17. und 18. Jahrhunderts in unsere Zeit. Dafür nutzt der ehemalige Kreiskantor gerade die viele Zeit im Lockdown. Die Stücke werden vorgestellt, wenn Konzerte wieder möglich sind.

Viele Menschen, deren Wirken in ihrer Umgebung in der Gesellschaft vor dem Lockdown deutlich wahrnehmbar war, scheinen aktuell von der Bildfläche verschwunden. In einer losen Reihe zeigen wir, wie es ihnen in dieser kontaktarmen Zeit geht und was sie tun. Der ehemalige Kreiskantor Hans-Peter Glimpf leitete die Geschicke der evangelischen Kirchenmusik in Bad Godesberg und Wachtberg bis 2013. Die stille Zeit nutzt er jetzt, um Stücke aus seinem musikalischen Schwerpunkt so vorzubereiten, dass man sie nach dem Lockdown vor Publikum spielen kann. „Es hat mich schon immer interessiert, Stücke aufzuführen, die noch keiner kennt“, sagte Glimpf. Jetzt passe er jahrhundertealtes Material für verschiedene Anlässe an.

Die Stücke aus dem 17. und 18. Jahrhundert sind offiziell gar nicht erschienen

Sein besonderes Interesse gilt dabei alten Drucken aus dem 17. und dem 18. Jahrhundert. „Das sind alles Stücke, die offiziell noch gar nicht erschienen sind“, so der ehemalige Kantor. So gebe es beispielsweise viele italienische Kompositionen, die noch nie editiert wurden. Welche Stücke aus den alten Drucken einer intensiveren Bearbeitung würdig sind, ahnt der Fachmann bereits beim ersten Einlesen in Noten und Texte. Welche Tücken das gesamte Procedere birgt, ahnt der Laie kaum.

„Die meisten Menschen sind sicher, dass es nur das eine Notensystem gibt, das sie in der Schule kennengelernt haben“, so Glimpf. Vor drei- bis vierhundert Jahren hat man jedoch die Töne für die Instrumente oft in einer zwar logischen, aber ganz anderen Weise festgehalten.

Aus Papier-Not wurden Stimmen übereinander geschrieben

So wurden im 16. bis in die Mitte des folgenden Jahrhunderts die Töne für Tasteninstrumente in der sogenannten Tabulaturschreibweise in Buchstaben anstatt mit den heute bekannten Noten geschrieben. Die Tonlängen und -lagen markierte man mit Strichen. Zudem schrieb man verschiedenen Stimmen einfach in Reihen übereinander. „Das geschah oft aus der Not heraus“, erklärte Glimpf, denn Papier war oft Mangelware. So gebe es von Johann Sebastian Bach Stücke, die er zu Beginn der Komposition in den bekannten Noten festgehalten hatte. Wenn das Papier zum Ende der Komposition knapp wurde, schwenkte der weltbekannte Komponist auf die ressourcenschonende, eng geschriebene Tabulaturschrift um.

Viele Schriften sind in Sütterlin erschienen

Auch die dazugehörigen Texte seien nicht immer leicht zu entziffern, sagte der ehemalige Kreiskantor des Kirchenkreises Bad Godesberg-Voreifel. Per Notenschreibprogramm am Computer setzt er die Ursprungswerke nämlich vollständig in heute lesbare Lettern und Notenschrift um. „Viele Schriften sind von Sütterlin geprägt, da gibt es viele Eigenarten“, so Glimpf. Diese gilt es zu entziffern und dabei Lücken in den Aufzeichnungen, nicht angepasste Notenschlüssel und nicht zuletzt fehlerhafte Grammatik zu korrigieren. Wie viel Material er schon zusammengestellt hat, mochte der Fachmann nicht zählen. Immer aber entstand ein Notenbild, wie man es heute kennt und in Konzerten spielen kann. „Im letzten August hatten wir ein einziges Konzert unter strengen Hygieneauflagen in Wormersdorf“, sagte Glimpf. Nur rund 40 Zuhörer hatten in der Kirche Platz gefunden. Er hoffte, dass die Pandemie bald vorbei sei und man wieder ungehindert Konzerte geben kann.

In Wuppertal geboren, wuchs Hans-Peter Glimpf in Kall in der Eifel auf. Nach dem Studium der evangelischen Kirchenmusik in Köln wirkte der Musiker von 1977 bis 2013 an der Heilandkirche in Bad Godesberg. Bis heute ist stellvertretender Vorsitzender des Verbands für Kirchenmusik in der evangelischen Kirche im Rheinland.

In Zeiten wie diesen sieht man sich nicht allzu oft. Viele markante Gesichter und Charaktere des regionalen Lebens sind dennoch im Hintergrund aktiv, schaffen etwas, haben Meinungen, bringen sich ein. In einer losen Reihe stellen wir einige von ihnen vor.