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Interview Rainer Kirchner und Jörg Fischer : „Um die Nachfolge ist uns nicht bange“

Interview Rainer Kirchner und Jörg Fischer : „Um die Nachfolge ist uns nicht bange“

Bei der Löschgruppe Niederbachem stehen die Zeichen auf Abschied: Rainer Kirchner, der die Löschgruppe 23 Jahre geleitet hat, und der als einer der erfahrensten Feuerwehrleute in der Gemeinde gilt, gibt diese Funktion nominell Anfang des Jahres ab.

Bei der Löschgruppe Niederbachem stehen die Zeichen auf Abschied: Rainer Kirchner (53), der die Löschgruppe 23 Jahre geleitet hat, und der als einer der erfahrensten Feuerwehrleute in der Gemeinde gilt, gibt diese Funktion nominell Anfang des Jahres ab. Ebenso wie Jörg Fischer (48), der seit 20 Jahren Kirchners Stellvertreter ist, und ebenfalls als sehr versiert gilt. Was die beiden in dieser Zeit zusammen erlebt haben, was sie bewegt hat und wie es mit der Löschgruppe weitergeht, wollte GA-Mitarbeiter Axel Vogel wissen.

Herr Kirchner, Sie bezeichnen sich und ihren Stellvertreter Jörg Fischer gerne als „altes Ehepaar“. Ist das positiv oder negativ gemeint?

Rainer Kirchner (lacht): Positiv natürlich! Wir kennen uns beide mittlerweile so gut, da braucht man  bei Einsätzen nicht mehr groß nachzufragen, was der andere für eine  Meinung hat. Das ahnt man.

Jörg Fischer: Ich würde noch ergänzen: Zwischen uns hat das eigentlich von Anfang an gepasst, und wir können uns blind aufeinander verlassen. Daher hatten wir auch bereits vor sechs  Jahren festgelegt, dass dieses für uns die letzte Amtsperiode ist. Jetzt soll auch der Nachwuchs Gelegenheit zur Bewährung bekommen.

Warum musste es seinerzeit die Feuerwehr sein?

Kirchner: Mit Fußballspielen und mit Singen hatte ich es nicht so, aber bei der Feuerwehr hat mich die Technik und die Kameradschaft von Anfang an begeistert.

Fischer: Hinzu kommt noch das Motiv, anderen Menschen zu helfen. Für mich war das ein wichtiger Faktor.

Herr Kirchner,. Können Sie sich noch an den ersten größeren Einsatz erinnern?

Kirchner. Wir waren zu einem Wohnhausbrand nach Werthhoven alarmiert worden. Angezündet hatte das Haus der Bewohner selbst und sich kurz danach erschossen. So etwas vergisst man nicht. So wie auch viele Jahre später der aufsehenerregende Unfall, bei dem ein 17-jähriger Fußgänger im Juni 2008 auf der L 123 nahe des Dächelsberges von einem Fahrzeug tödlich verletzt worden war. Der Fahrer hatte dann auch noch Fahrerflucht begangenen. Da wird einem bewusst, wie schnell ein Leben vorbei sein kann.

Fischer: Auch mir werden eine Reihe von Einsätzen nicht mehr aus dem Kopf gehen. Dazu gehört etwa der in Ließem zu Beginn meiner Laufbahn. Damals war ein Traktor umgestürzt. Unter dem Traktor lag eingeklemmt eine Frau, die wenig später auch verstarb.

 Wie kommt man mit solchen Bildern klar?

Kirchner: Hier ist ganz wichtig, dass man sich nach einem solchen Einsatz austauscht. Vor allem mit der gesamten Mannschaft. Auch ist wichtig, Hilfe anzubieten. etwa durch das Team für psychosoziale Unterstützung (PSU).

Fischer. In der Tat muss man so etwas im Team verarbeiten, und man darf da keinen außen vor lassen. Denn ich möchte das betonen: Wir als Löschgruppenführer wären nichts ohne das Wissen und das Können der Mannschaft. Also haben wir ihnen gegenüber auch eine besondere Obhutspflicht.

Wenn Sie ihre lange Dienstzeit Revue passieren lassen, was hat sich geändert?

Kirchner: Die Häufigkeit der Einsätze. Die hat sich geschätzt verdoppelt. Auch die Technik, die wir jetzt zur Verfügung haben, ist eine viel bessere geworden.

Fischer: Das ist aber auch veränderten Einsatzlagen geschuldet. Ich erinnere nur an unsere drei Unwettereinsätze zwischen 2010 und 2016. Auch gibt es immer mehr technische Hilfeleistung etwa nach Unfällen.Vor allem fällt mir das hohe Einsatzaufkommen auf, dass im Zeichen des demografischen Wandels steht.

Bitte erklären Sie das!

Fischer: Wir bekommen mittlerweile einmal in der Woche eine Alarmierung, weil sich eine hilflose Person hinter einer verschlossenen Tür befindet. Das sind oft ältere Menschen, die alleine leben, und sich nicht mehr helfen können, etwa weil sie bewegungsunfähig auf dem Boden ihrer Wohnung liegen.

Kirchner: Ja, diese Fälle nehmen stark zu. Ich erinnere mich an eine ältere Niederbachemerin, deren Keller nach einem Unwetter vollgelaufen war. Wir haben ihr geholfen, auch weil die Frau völlig hilflos war. Ich hatte ihr noch mein Handy gegeben, damit sie ihren Sohn anrufen konnte.

Diese Hilfe ist doch für die Menschen in dieser Situation sehr wichtig

Fischer: Auf jeden Fall.  Für viele Menschen sind wir die Retter, auch wenn die Lage jetzt nicht ganz so dramatisch schien. Ich erinnere mich noch an die legendäre Suche nach der Katzendame „Daisy“. Die Besitzerin hatte diese aufgrund von Miau-Rufen hilflos in einem Kanal vermutet und war völlig aufgelöst. Nachdem die Löschgruppe stundenlang alles untersucht hatte, stellte sich heraus: Die Katze war aus Versehen in einem Abstellraum unterm Dach eingeschlossen worden: Der Schall ihres Miauen hatte sich bis in den Kanal verbreitet.

Wenn Sie sagen, Sie spüren viel Dankbarkeit. Merken Sie aber auch, das der Ton gegenüber Rettungskräften rauer wird?

Fischer: Das merken wir vereinzelt. Was wir insbesondere registrieren, ist eine gestiegene Anspruchshaltung gegenüber der Feuerwehr. Die wird oft als Dienstleister für die banalsten Dinge betrachtet.

Wie geht es weiter in der Löschgruppe?

Kirchner: Bei der Aussicht auf unsere Nachfolge ist mir nicht bange. Wir hinterlassen ein klasse Mannschaft mit 36 Aktiven und einer agilen Jugendfeuerwehrgruppe aus 18 Jugendlichen. Für die neue Löschgruppenführung kommen vier geeignete Bewerber in Frage, von denen einer nach einer Anhörung auf der nächsten Jahreshauptversammlung ausgewählt werden wird. Wann die allerdings sein wird, steht wegen der Corona-Krise noch in den Sternen. Solange bleiben wir auch noch kommissarisch im Amt.