Wachtbergs Jugend nach Corona Wenn der Bildungsgutschein nicht für Bildung sorgt

Wachtberg · Wachtberger Verwaltung, Eltern und Schulen üben Kritik am System, das eigentlich ein Aufholen nach Corona ermöglichen soll

 Nach der langen Zeit des Homeschoolings haben manche Schüler Schwierigkeiten, in der Schule mitzukommen. Hier sollten die Bildungsgutscheine auch in Wachtberg Abhilfe schaffen.

Nach der langen Zeit des Homeschoolings haben manche Schüler Schwierigkeiten, in der Schule mitzukommen. Hier sollten die Bildungsgutscheine auch in Wachtberg Abhilfe schaffen.

Foto: dpa/Guido Kirchner

Die gute Nachricht für Eltern steckte mitten in einer Vorlage für die Sitzung des Schulausschusses. Die Gültigkeit der Bildungsgutscheine ist vom zuständigen Ministerium über den Sommer hinaus verlängert worden. Und – vielleicht noch wichtiger – ab dem kommenden Schuljahr kann der Schulträger die nicht verbrauchten Mittel für die Bildungsgutscheine nach eigenem Ermessen zur Aufstockung des Schul- oder Schulträgerbudgets verwenden. Eben das war bislang nicht möglich, wie Sabine Radermacher, Fachbereichsleiterin im Rathaus, noch einmal ausführte. Die Wachtberger Schulen hatten, wie andere in NRW auch, die Bildungsgutscheine an Kinder verteilt, die durch Corona Aufholbedarf haben.

Der theoretisch guten Idee folgten gravierende Probleme in der Realität. Denn die adressierten „Bildungsträger“, meist Nachhilfe-Institute, waren auch vorher schon gut ausgelastet. Und vor allem nicht nah gelegen. In Wachtberg gibt es gar nichts auf diesem Sektor. „Bedeutet also für die Eltern, dass sie fahren müssen“, sagte Andrea Engels, Leiterin der Niederbachemer Grundschule, im Ausschuss am Mittwochabend. „Und wenn die Eltern beispielsweise extra zu einem Institut nach Rheinbach fahren, und dort wird gesagt ‚Hol mal Deine Hausaufgaben raus‘ und die sind schon in der OGS gemacht worden, ist das natürlich wenig erfreulich“, erzählte die Schulleiterin.

Teils mangelnde Qualität

Die teils mangelnde Qualität scheint das eine, das geringe Angebot das andere Problem zu sein. „Manche Nachhilfeeinrichtungen schreiben uns schon an nach dem Motto ‚Bitte schicken Sie uns keine Kinder mehr‘“, beklagte Engels. Was sie am meisten stört: Sie hätte fähige Leute an der Hand. „Zum Beispiel Lehramtsstudenten, die mit den Kindern lesen üben“, so Engels. Doch könne man sie nicht bezahlen, weil dafür Rechnungen geschrieben werden müssten – die Studenten dies jedoch mangels Gewerbe nicht tun könnten. Vorgänge, die die Bildungspolitiker im Ausschuss fast schon sprachlos zurückließen.

Mit dem neuen Schuljahr kann das Geld aber laut Vorlage wenigstens ins Schulbudget übernommen werden. „Somit können direkt vor Ort schulbezogene Maßnahmen in Form von Kursen, Arbeitsgemeinschaften oder anderen Angeboten durchgeführt werden, um so möglichst viele Schülerinnen und Schüler zu erreichen“, schreibt die Verwaltung.

Durchdachter scheint eine andere Einsatzmöglichkeit des Förderprogramms „Extra-Geld“ zu sein. Insgesamt 80 576 Euro hatte die Gemeinde für die drei Säulen Bildungsgutschein, Schulträger- und Schulbudget bekommen. Die Schulen konnten über Geld und Bildungsgutscheine frei verfügen. „Das Geld ist auch dazu gedacht, dass man sich’s schön macht“, sagte Engels angesichts leichtem Raunen aus dem Gremium bezüglich des Programms.

Vom Drehwerk-Kino ins Sealife

Klassen ihrer Schule besuchen laut Vorlage in der Projektwoche das Drehwerk-Kino, das Sealife Königswinter oder den Neuwieder Zoo, teils mit Eigenanteil der Eltern. „Ich finde es richtig gut, dass hier Maßnahmen ergriffen werden, die nicht nur in Richtung Lernen gehen“, gab es von Christian Feddern (Unser Wachtberg) Unterstützung. Die Adendorfer Grundschule hat das Geld unter anderem in eine Physikanten-Show gesteckt, Villip/Pech in diverse Ausflüge wie zum Beispiel LVR-Museum, Kletterhalle oder Freilichtmuseum Kommern, die Berkumer in Waldteamtage oder Touren in den Tierpark Rolandseck oder auf den Drachenfels sowie in Selbstbehauptungskurse für die jetzige vierte Klasse.

Bei der Hans-Dietrich-Genscher-Schule hatten die Lehrer laut Leiter Hendrik Heimbach bislang eher Zurückhaltung an den Tag gelegt, weil man eben davon ausgegangen war, „es müsse Bildungshintergrund haben und nicht nur Spaßprogramm“ sein. Im Ausschuss erhielt er sozusagen den Freifahrtschein, dass nicht nur das Bonner Stadtmuseum ein Ziel sein kann, sondern auch anderes denkbar ist.

Ebenfalls beleuchtet wurde die Thematik des Förderprogramms „Extra-Zeit zum Lernen“. Bei Maßnahmentagen mit insgesamt 300 Plätzen sollen auch hier schulische, motorische oder soziale Defizite aufgeholt werden. Neben den Schwerpunkten Lesen sowie Deutsch allgemein und Mathe hatten Fachbereichsleiterin Radermacher und ihr Team deshalb erneut Judo ins Programm geholt. „Wir haben aber bei allen Angeboten gesehen, dass der Bedarf gesunken ist“, zog Radermacher Bilanz. Ein Grund für die „Zurückhaltung“ könne sein, dass die Familien an den Wochenenden, wenn die Kurse stattfänden, nach den Corona-Lockerungen wieder mehr unterwegs seien. Im Moment sei deshalb keine Neuauflage geplant.

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